{"id":4171,"date":"2023-02-20T17:23:38","date_gmt":"2023-02-20T15:23:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=4171"},"modified":"2024-08-09T20:30:51","modified_gmt":"2024-08-09T18:30:51","slug":"die-menschheit-als-mittel-der-natur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4171","title":{"rendered":"Die Menschheit als Mittel der Natur"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Menschheit als Mittel der Natur<\/strong> <\/p>\n<p>Die Natur steht nach Dante Alighieri der Menschheit an Voraussicht nicht nach, und sie hat sich nun mal die Menschheit geschaffen, die selbst zu einem Gutteil Natur ist, aber eben \u00fcber so unfassbare Eigenschaften wie Seele und Geist verf\u00fcgt. Die Menschheit ahnt schon seit Jahrtausenden sogar, dass es au\u00dfer ihr auch Seele und Geist geben k\u00f6nnte. So fand Goethe Schellings Titel \u201eVon der Weltseele\u201c so gut, dass er ihn nach Jena an die Universit\u00e4t berief. Im Grunde h\u00e4tte es auch der Inhalt dieses Werkes gewesen sein k\u00f6nnen, aber jeder kann sich heute noch \u00fcberzeugen, dass es nicht weit \u00fcber den packenden Titel hinausgeht. Erst viel sp\u00e4ter hat man es auf den Punkt gebracht, dass Schelling entdeckt h\u00e4tte, dass die Natur ein Subjekt ist, aber noch viele Jahre wollte man in sie eindringen, sie sich zunutze machen, ihr sein Wohlleben abtrotzen, ihr die Sch\u00e4tze entrei\u00dfen, als w\u00e4re sie eben ein Objekt, das uns zu Gebote steht als w\u00e4ren wir die Beherrscher der Welt. Wie die Geschichte eben die Geschichte von schlechten Menschen ist, von den wenigen l\u00f6blichen Ausnahmen wie Laotse oder Buddha oder Kepler oder Bonh\u00f6ffer abgesehen, kann man die Flinte nun ins Korn werfen und sagen: Der Mensch ist der gr\u00f6\u00dfte Sch\u00e4dling der Natur, oder wie vorsichtiger der Dhalai Lama:  Der Erde w\u00fcrde es ohne den Menschen besser gehen. <\/p>\n<p>Doch noch nie waren wir von der Natur aufgerufen, uns in Selbstvorw\u00fcrfen zu zerm\u00fcrben. Wenn alles einen Sinn haben sollte, so war die Phase der Ausbeutung der Natur genauso vorhergesehen, wie jetzt unser schlechtes Gewissen gegen\u00fcber der Natur, was wohl auch dahergeht mit dem Zurneigegehen dieser Sch\u00e4tze. Wir sind meines Erachtens nicht aufgerufen, mit allem zu hadern, sondern auch mit dieser Geschichte der ehrgeizigen Menschen unseren Frieden zu finden, was doch nicht Stillstand bedeuten muss. Gibt es doch auch nach den Erkenntnissen der Quantentheorie die Hypothese, dass wir von der Natur noch gar nicht mit der Realit\u00e4t belohnt sind, alles Gedankenkonstruktion ist und demzufolge auch alles, was wir angerichtet haben noch gar nicht real geschah. Dieser Gedanke ist den Menschen, denen ich versucht hatte ihn darzulegen, so fremd, wie er eben auch sein sollte, weil doch selbst unter dieser Annahme, dass wir gar nicht in der Realit\u00e4t leben und sich die Handy- und Spielsucht unserer Kinder so erkl\u00e4rt, dass sie sich nunmehr in einer dritten, von Menschenhand geschaffenen k\u00fcnstlichen Realit\u00e4t bewegen und so eine Vorstellung gewinnen, wie es ist, sich in einer Welt zu bewegen, die eben keine wirkliche Realit\u00e4t ist, sie also den Zustand gespiegelt bekommen, in dem sich die Menschheit vielleicht tats\u00e4chlich befindet. <\/p>\n<p>Wenn es sich also so verh\u00e4lt, dass wir tats\u00e4chlich etwas von der Jugend lernen k\u00f6nnen, das wir immer nach Kr\u00e4ften bek\u00e4mpft haben, dann eben dies, dass die von der Natur hervorgebrachte Menschheit dabei ist, eine virtuelle Welt zu schaffen, die sie gut und gerne dem Gedanken n\u00e4her bringen k\u00f6nnte, den heute noch jeder vern\u00fcnftig denkende Mensch ablehnt, und es ist sicher unklug, wenn man das Nachdenken \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Menschheit und Natur gleich mit Zweifeln an der Realit\u00e4t dessen belastet, was doch jeder Verantwortlichkeit den Boden entziehen w\u00fcrde und eine der sch\u00f6nsten Eigenschaften der Menschheit, dass sie sich verantwortlich f\u00fchlt, als \u00fcberfl\u00fcssig einstuft. Ja, wir sind sogar dabei, gerade das zu \u00fcben, was die Natur am n\u00f6tigsten hat, n\u00e4mlich als Subjekt gesehen zu werden. Vornehmlich praktizieren wir das an unseren Kindern, deren Eigenheiten uns nicht mehr schrecken und wir sie nicht mehr regelm\u00e4\u00dfig verpr\u00fcgeln, sondern uns in sie hineindenken, sie nicht mehr als Erziehungsobjekte ansehen, sondern als uns in manchem \u00fcberlegene Wesen, bei denen nicht klar ist, ob sie mehr von uns zu lernen haben oder wir von ihnen. Keiner zweifelt heute mehr daran, dass unsere Kinder eigenst\u00e4ndige Subjekte sind, sie seien sogar das Wertvollste, was wir haben. Brauchen sie sich also nichts mehr unterzuordnen, haben wir in unserer Liebe zu den Kindern keine Rahmenbedingungen mehr zu ber\u00fccksichtigen? <\/p>\n<p>An dieser Stelle ist es wohl angebracht, sich einige Gedanken \u00fcber den Naturbegriff zu machen. Das ist wohl alles, was unsere Sinne erreicht, ob nun das Universum, das wir als Sternenhimmel bewundern und von dem wir wissen, dass er nur ein kleiner Teil unserer Milchstra\u00dfe ist oder diese Galaxis selber unter Milliarden anderer. Das sind nat\u00fcrlich unsere Haustiere, zu denen manch Einsamer ein innigeres Verh\u00e4ltnis hat als zur gesamten Menschheit, das St\u00fcck Holz, das wir vielleicht beschnitzen wollen, das Steinchem im Schuh, das uns vielleicht an Verabs\u00e4umtes erinnert, ja selbst der eigene K\u00f6rper, der uns manchmal mit einem vereiterten Nagelbett Pein bereitet, und nat\u00fcrlich wieder die Kinder, deren Natur es zu verstehen gilt. Wenn man das fortsetzt, so bleibt eigentlich kaum etwas \u00fcbrig, was nicht Natur sein sollte, es bleiben nur Geist und Seele, von denen uns nur Vermutungen bleiben und mit denen wir uns schier unendlich besch\u00e4ftigen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Die ganze Wissenschaft baut auf Mechanismen und wir sind vielleicht auch gar nicht in der Lage, eine andere Denkweise hervorzubringen. Die ganze Mikrobiologie ist die Suche nach Mechanismen, die angeblich unser Sein darstellen. Man hat schon im 19. Jahrhundert versucht, den Kreis zu schlie\u00dfen und des Geistes und der Seele Herr zu werden, indem man annahm, dass die Geistesmasse w\u00e4gbare Materie sei oder in sie als solche einflie\u00dfe, ja alles, was wir als Massen, die ja \u00fcber die unerkl\u00e4rliche Gravitation verf\u00fcgen, wahrnehmen, so etwas wie versteinerte Gedanken sein k\u00f6nnten, die freilich nicht wir gedacht haben, sondern eben eine vorherige und vielleicht sogar \u00fcberlegene Intelligenz. Der einzige Zugang, der sich in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts er\u00f6ffnet hat, um aus der mechanistischen Misere zu kommen, ist die Quantenmechanik, die die kleinsten Materiebestandteile beschreibt, sich mit Recht wiederum als Mechanik tituliert, weil sie postuliert, dass alle Abweichung vom Mechanischen eben Zufall sei. Dabei ist es das einzige Nadel\u00f6hr, durch die sich das Subjekt Natur als Symbiose von Geist und Materie zw\u00e4ngen k\u00f6nnte, wenn wir nur bereit w\u00e4ren, das Unerkl\u00e4rliche nicht Zufall zu nennen, sondern Ausdruck des freien Willens der Mikroteilchen, der damit in der ganzen uns umgebenden Natur m\u00f6glich w\u00e4re. Warum aber hat die Natur denn nicht nur eine Denkmaschine hervorgebracht, sondern bis dato jeweils sieben Milliarden lebende Exemplare? Wieder Dante befragt, lautet dessen Antwort, dass das Ziel der Natur einer Vielheit von Menschen bedarf und es offenbar Aufgaben genug gibt, dieses Ziel zu verwirklichen, das er nicht benennt, das es selbstredend vielleicht auch gar nicht gibt, der Mensch aber so beschaffen ist, dass er immer danach sucht, im einfachsten Fall f\u00fcr sich, und wenn er erkannt hat, dass er es mit der Natur mit einem Subjekt zu tun hat, k\u00f6nnte er veranlasst sein, dar\u00fcber nachzudenken, ob es ein solches Ziel gibt und worin es bestehen k\u00f6nnte. Auch die Sinngebung hat in der Menschheit ihre Tradition, war aber in der Geschichte auf diese selbst bezogen, und was den einzelnen Menschen betraf, so war er angehalten, sich einem Ziel unterzuordnen, das ihn nur mittelbar betraf, weil sich einige aufgeschwungen hatten, es zu formulieren und schien auch erst nach Generationen erreichbar. Da sollte der Mensch lernen, sich einem Ziel unterzuordnen, das nicht sein pers\u00f6nliches ist, sondern das der Menschheit insgesamt. Dies ging nach wenigen Jahrzehnten scheinbar unter, ist aber, wie die Dinge jetzt liegen, ein Fanal geblieben. Die These, dass der Sinn der Vielheit der Menschheit in einer Vielzahl von Egoismen besteht, die dann zu irgendetwas f\u00fchren, wobei man sogar m\u00fcde wurde, das als Fortschritt zu titulieren, geh\u00f6rt insofern auf den M\u00fcllhaufen, als dass Egoismus nur legitim ist, um sich f\u00fcr dieses Ziel der Natur, oder seien es einige, zu erhalten und wenn man so will, sich auch wohlzuf\u00fchlen, was diese Arbeit f\u00fcr die Natur ja nicht ausschlie\u00dfen sollte, wobei dieses Wohlbefinden nicht vordergr\u00fcndig verstanden werden soll und nicht zu verwechseln sein sollte mit Couchpotatos.  <\/p>\n<p>In der Natur ist das meiste harmlos. Zu Zeiten Marie Curies war Radioaktivit\u00e4t ein schwaches Glimmen und als man es dem deutschen Kaiser am Kaiser Wilhelm Institut vorf\u00fchren wollte, f\u00fcrchtete man eher um ein gez\u00fccktes Messer, wenn man den Raum daf\u00fcr verdunkeln musste, in der Erkenntnis, dass nur der Mensch Feind des Menschen sein k\u00f6nne. Die weitere Geschichte der diesbez\u00fcglichen Wissenschaft war die Entdeckung von Stimuli. Wenn genug Neutronen mit bestimmten Eigenschaften auf eine radioaktive Substanz einwirken, geht der Zerfall nicht mehr gem\u00e4chlich und scheinbar zuf\u00e4llig vor sich, sondern lawinenartig, was dann gewaltige Energien freisetzt. Wenn ein Lichtteilchen auf eine invertierte Substanz trifft, d.h. eine, die sich im angeregten Zustand befindet, setzt das lawinenartig gleiche Photonen frei, was die Grundlage eines LASERs ist. Diese Stimuli und auch jene, die gem\u00e4chliche oder gezielte Mutationen hervorrufen, gerieten in die Hand der Menschheit und man konnte nur beten, dass sich diese dadurch nicht selbst vernichtet. Wenn aber alles einen Sinn hat, so wurden einige Forscher in die Welt gesetzt und viele Millionen, die sich davor f\u00fcrchten und Einhalt gebieten. In Deutschland hat das dazu gef\u00fchrt, dass fast alles lahmgelegt wurde, keiner sich mehr traute, noch Kernforschung zu betreiben, man genetic engineering als Genmanipulation diskreditierte und das Sicherheitsbed\u00fcrfnis der Menschheit, als sei sie eben der Nabel der Welt, vornan stellte. Nach dem Ziel oder den Zielen der Natur scheint keiner mehr zu fragen und der menschliche Egoismus feiert Urst\u00e4nd. Da bek\u00e4mpft man CO2 und wei\u00df nicht mal mehr, ob es Farbe oder Geruch hat oder irgendwie giftig ist. Da fragt man sich nicht mehr, ob es Element der Ziele der Natur sein k\u00f6nnte, dass die Erde wieder mal von Dinosauriern bev\u00f6lkert w\u00fcrde. Da fragt man sich auch nicht, ob k\u00fcnstliche Intelligenz in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht geeigneter sein k\u00f6nnte, diese Ziele zu verwirklichen und man sich trollen sollte. <\/p>\n<p>Es ist an der Zeit, nach einer Erfolgsbilanz der Menschheitsgeschichte zu suchen und sich in geeigneter Weise an den Adressaten, der dann wohl die Natur sein w\u00fcrde, zu wenden. Das mag einem utopisch vorkommen und ist doch einfach die Anwendung dessen, was wir in den zwischenmenschlichen Beziehungen gelernt haben oder h\u00e4tten lernen sollen: Anerkennung von Subjekten au\u00dfer einem selbst, Empathie und wohlwollende Einbeziehung aller M\u00f6glichkeiten, wie es die Natur \u00fcbrigens versteht, und sich endlich wieder einem Ziel zu widmen, das nicht ein ganz pers\u00f6nliches, also nur egoistisches ist, sondern sich dienend unterzuordnen und in diesem Bestreben auch andere zu best\u00e4rken. Sich nicht mit Halbwissen zu begn\u00fcgen, sondern nach M\u00f6glichkeiten umsehen, die intelligenter sind, als es die Politik versteht, denen nur noch Worth\u00fclsen wie Nachhaltigkeit und Vernetzung einfallen und die uns Schreckgespenster vor Augen f\u00fchrt, immer einen Feind braucht, vor dem wir zittern sollen und abgelenkt sein von ihrer Einfallslosigkeit. Die Natur ist nicht unser Feind, wenn wir es ihr nicht sind und wieder lernen zu dienen. <\/p>\n<p><em>Christian Rempel im f\u00fcnften Stock DDR Neubau, 19.2.2023<\/em> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Menschheit als Mittel der Natur Die Natur steht nach Dante Alighieri der Menschheit an Voraussicht nicht nach, und sie hat sich nun mal die Menschheit geschaffen, die selbst zu einem Gutteil Natur ist, aber eben \u00fcber so unfassbare Eigenschaften&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/4171\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-4171","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4171","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4171"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4171\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4752,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4171\/revisions\/4752"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4171"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4171"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4171"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}