{"id":3913,"date":"2022-06-11T10:46:52","date_gmt":"2022-06-11T08:46:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3913"},"modified":"2023-12-08T22:59:05","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:05","slug":"seelenwege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3913","title":{"rendered":"Seelenwege"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seelenwege<\/strong><\/p>\n<p>Es war einmal ein armer, alter K\u00f6nig, dessen Reich sich gerade mal auf 452 Quadratwerst bema\u00df und der nicht viel Gl\u00fcck bei den Frauen gehabt hatte. Die erste K\u00f6nigin hatte ihm drei T\u00f6chter, die zweite eine weitere Tochter und die dritte einen Sohn und einen weiteren Jungen an Sohnes statt geschenkt. Fast allen von Ihnen hatte er ewige Liebe geschworen, aber die Zeitl\u00e4ufte waren immer dagegen gewesen. Als ihn die dritte verlassen hatte, hatte sich der arme K\u00f6nig seines einzigen Schatzes erinnert, der ihm von seiner Mutter geworden war, und das war die Tatkraft. Er konnte ja fast alle Arbeiten wie die einfachsten und begabtesten seiner Untertanen ebenfalls verrichten und so begab er sich unter seine Leute, ohne sich zu erkennen zu geben, und half mal hier mal da. Er hatte sogar manche Idee, wie man einiges noch schneller und sch\u00f6ner verrichten kann, bemerkte, wie dies das Leben bereicherte und befahl hinfort, dass statt schn\u00f6der Waren, langweiliger Formulare und herzlosen Sensationsnachrichten, seine Untertanen nur noch in kleinen und gro\u00dfen Kunstwerken, wie es gerade angemessen war, untereinander verkehren sollten. So kam es, dass ein einfaches St\u00fcck Butter jetzt keinem anderen mehr glich, sondern eins war wie eine Rose, ein anderes wie ein Vogel geformt. Nicht selten war es sogar mit Schokolade \u00fcberzogen. Die Formulare wurden zu handgefertigten Schreiben, in denen die Beamten zu erkennen gaben, dass sie wohl um die Situation des Adressaten Bescheid wussten, fragten keinen mehr nach Namen und Geburtsdatum, weil das allen wohl bekannt war und l\u00f6sten aus, dass die Antwort wieder so ein kleines Kunstwerk sein konnte. Das ergab eine solche \u00dcbung in schriftlichen Dingen, dass auch Nachrichten \u00fcberwiegend von den Betroffenen selbst verfasst werden konnten, und die freudigen Ereignisse wurden so oft zu M\u00e4rchen und ein Ungl\u00fcck oft mit Schweigen bedacht, wie es sich geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Das war nicht von einem Tag auf den anderen gegangen, und die Unbeholfenen mussten oft jahrelang lernen und studieren, bis sie den weisen Gedanken des immer \u00e4lter werdenden K\u00f6nigs verstanden hatten. Er verbrachte jetzt wieder Stunden auf seinem Thron, und da man sich ihm nur mit Kunstwerken nahte, hatte er selbst auch nur solche zu verfertigen, und selbst die Todesurteile, die er zu f\u00e4llen hatte, brachten den Delinquenten noch den geb\u00fchrenden Trost und lie\u00dfen sie gelassen aus ihrem s\u00fcndigen Leben gehen. Das h\u00e4tte nun bis zum Ende seiner Tage so weiter gehen k\u00f6nnen. Sicher h\u00e4tte er sogar noch l\u00e4nger gelebt, weil die S\u00e4nger sein Loblied bis in die fernsten und reichsten L\u00e4nder trugen und so manches sch\u00f6ne Bildnis ihn unsterblich gemacht hatten, aber da nicht das Gegenw\u00e4rtige, sondern nur das Ausgedachte von Dauer sein kann, lag bald ein Zug von Gram auf seinem Antlitz, auch, da er wohl vergessen hatte, sich in all dem Tun ein kleines Fetzchen Gl\u00fcck f\u00fcr sich selbst zu reservieren. Zudem war ein unerkl\u00e4rliches Sterben, \u00fcber das normale Ma\u00df hinaus, seit zwei Jahren \u00fcber sein kleines 452 Quadratwerst Reich gekommen. <\/p>\n<p>Da ging der arme K\u00f6nig mal wieder in den Garten. Er hatte lange der vielf\u00e4ltigen Blumen und Gew\u00e4chse nicht mehr geachtet und erging sich darin, ohne dass das seinen Gram allerdings gelindert h\u00e4tte. Da setzte er sich am Teich nieder und wollte seine Fische f\u00fcttern, doch der Teich war g\u00e4hnend leer. Da schlug er die Augen nieder und meinte wohl, das geh\u00f6re zu den sich mehrenden Missgeschicken. Als er seine Augen wieder aufschlug, gewahrte er dann doch noch einen einzelnen Fisch, der gerade hinter einer Wasserpflanze hervorkam, sich nichts aus seiner Einsamkeit zu machen schien und den er noch nie gesehen hatte. Er rief seinen Hofnarren und fragte: \u201ewas ist das f\u00fcr ein Fisch?\u201c Der Hofnarr sagte darauf: \u201eDen wahren Namen werdet ihr nicht wissen wollen, aber es ist wohl so, dass er alle eure Stichlinge gefressen hat. Seht ihn nur an, und dann wird euch schon ein passender Name einfallen.\u201c \u201eEr ist sehr sch\u00f6n\u201c, sagte der alte K\u00f6nig, \u201eich werde ihn erst beobachten m\u00fcssen, bevor ich ihm einen passenden Namen geben kann.\u201c \u201eIhr solltet nicht zu lange damit warten, Herr K\u00f6nig, denn es ist ein tropischer Fisch und wird in unserem Teich nicht lange \u00fcberleben. Au\u00dferdem ist er Gesellschaft gewohnt und k\u00f6nnte vorher noch an Einsamkeit sterben\u201c, meinte der Hofnarr, der wohl gar nicht so n\u00e4rrisch war, wie man denken k\u00f6nnte, und eigentlich sogar gebildet. \u201eGut\u201c, sagte der K\u00f6nig, \u201edann will ich ihn Christoph nennen. Male mal ein Bild von ihm \u2026 aber nein, das kannst Du ja doch nicht, lass es den Hofmaler machen.\u201c \u201eZu Diensten, Herr K\u00f6nig\u201c, sagte der Hofnarr, \u201eaber der Maler ist besch\u00e4ftigt, er bemalt gerade Steine.\u201c \u201ePack dich\u201c, sagte da der grummelige K\u00f6nig, \u201eich kl\u00e4re das selbst.\u201c Er blieb noch eine Weile sitzen und beobachtete den Fisch weiter, der etwas zu suchen schien. Da sah er einige der bemalten Steine am Ufer liegen, in einer Reihe, deren erster wie ein Schlangenkopf aussah. W\u00fctend eilte er zum Hofmaler und fuhr ihn an: \u201eBezahle ich dich etwa f\u00fcrs Steineanmalen? Wie kannst Du sie neben den Teich drapieren, in dem der sch\u00f6nste Fisch schwimmt, den je ein menschliches Auge gesehen hat. Ich habe ihm einen Namen gegeben und m\u00f6chte ihn zu meinem Wappen machen.\u201c \u201eAm Teich?\u201c, sagte der Maler, \u201edort war ich schon lange nicht mehr. Ich habe die Steine da nicht hingelegt. Meine behalte ich alle hier in meinem Atelier.\u201c \u201ePapperlapapp\u201c, grummelte der alte K\u00f6nig, \u201enun male er endlich das Bild, dass ich es zu meinem Wappen machen kann.\u201c \u201eGef\u00e4llt Ihnen denn das alte Wappen nicht mehr? Das Schwert, gekreuzt mit dem Pinsel und dahinter die Lyra?\u201c, warf der Maler noch kurz ein. \u201eDie Sch\u00f6nheit dieses Fisches ist un\u00fcbertroffen, und schlie\u00dflich sind wir doch alle Christenmenschen, was ich wenigstens hoffen m\u00f6chte. Die Christen haben es doch mit den Fischen, irgendwie\u201c, sagte da der alte K\u00f6nig schon etwas vers\u00f6hnlicher.<\/p>\n<p>Flink hatte der Maler das Bildnis fertig, das zum neuen Wappen des K\u00f6nigreichs sogleich erhoben wurde.  Alsbald war das Wappentier dann auch wirklich verschwunden, wie der Narr vorhergesagt hatte. Das R\u00e4tsel um die Schlange aus bemalten Steinen blieb aber ungel\u00f6st, und der arme, alte K\u00f6nig stie\u00df er zu seinem Unmut in seinem Reich immer \u00f6fter auf solche versteinerten Schlangen, die wohl aus irgendwelchen Gr\u00fcnden in Mode gekommen waren, ohne dass jemand wusste, welche Industrie wohl dahinter stand bei den Tausenden von Steinen, jeder ganz anders aussehend. Aber bevor wir in unserer Geschichte fortfahren, wollen wir sehen, was der Maler inzwischen zustande gebracht hatte.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/a8e72dd2-bdb9-44a9-8cb6-07a77af8e7b1.jpg\" width=\"50%\" height=\"50%\" alt=\"ein Fisch\" \/><\/center><\/p>\n<p>Der Fisch war zwar verschwunden, aber er lebte ja weiter, weil das Bildnis ihn getreu wiedergab. Ob er gestorben war, wusste keiner zu sagen, selbst die weisesten Ratgeber des alten, armen K\u00f6nigs nicht. Genauso wenig wussten sie den Ursprung der steinernen Schlangen zu kl\u00e4ren und wieder streifte der arme, alte K\u00f6nig durch sein ganzes Land, von einer Grenze an die andere. Sein Reich hatte allerdings nur eine Nordgrenze, an der das Meer lag, eine Westgrenze und eine Ostgrenze, also drei. Nach S\u00fcden hin ging es in ein Bergland \u00fcber, das karg und steinig war und f\u00fcr das sich keiner interessierte. Manche sagten zwar, das sei auch ein K\u00f6nigreich, aber wovon h\u00e4tte ein K\u00f6nig dort leben wollen und noch dazu eine Zahl von Untertanen. Der arme, alte K\u00f6nig wandte sich nun diesen Bergen zu, stieg \u00fcber sieben Gipfel, bis er an ein Tal mit einem B\u00e4chlein kam. Dessen Wasser waren blau, aber nicht so durchscheinend wie es reines Wasser ist, das doch den Himmel spiegelt und dessen Farbe annimmt. Er steckte einen Finger in die Fl\u00fcssigkeit und zog ihn wieder heraus, und sein Finger war ganz blau. Es musste sich um einen Farbquell handeln. Als er sich umsah, gewahrte er noch andere B\u00e4chlein, die alle ihre eigene Farbe hatten und einige glitzerten und flirrten sogar in der Sonne.<\/p>\n<p>Er folgte dem blauen Bach und alsbald kam er an ein Schloss, dessen Mauern aus Gebirgssteinen gehauen waren, und alle waren sehr kunstvoll bemalt und kein Stein glich dem anderen. Vergeblich suchte der arme, alte K\u00f6nig nach einem Tor oder einer Pforte, aber ziemlich hoch ragte ein Erker heraus, indem eine Frau sa\u00df mit einem spitzen Hut, von dem ein Schleier herabfiel und schien sehr besch\u00e4ftigt zu sein. Der arme, alte K\u00f6nig rief hinauf: \u201eMit wem habe ich die Ehre der Begegnung so fern meines Reiches? Ich f\u00fcr meinen Teil bin der arme, alte K\u00f6nig aus dem Reich, wo alle Welt nur in Kunstwerken miteinander verkehrt, aber es l\u00e4uft nicht mehr so in letzter Zeit.\u201c \u201eSoso\u201c, sagte die Frau im Erker. \u201eIch hatte euch nach eurem Namen gefragt, wollt ihr ihn mir nicht nennen?\u201c, bat der arme, alte K\u00f6nig. \u201eWas f\u00e4llt dir ein, meine Mutter anzuquatschen, du alter Wichser\u201c, sagte ein Junge, der hinter einer der S\u00e4ulen hervorgetreten war. \u201eWir machen Dir Beine, Alter\u201c, sagte der zweite Sohn, der hinter der anderen S\u00e4ule hervortrat. \u201eMax, Murkel, seht ihr nicht, dass dieser Mann einen sehr langen Weg hinter sich hat und wir gastfreundlicher sein sollten?\u201c, wandte sich die Unbekannte an ihre beiden S\u00f6hne. \u201eMax, l\u00f6s doch mal deinen Mechanismus aus.\u201c Max zog ein paar eiserne Pfl\u00f6cke heraus, mit denen der Erker an der Mauer befestigt war und sehr langsam schwebte der Erker auf den Boden. \u201eIhr beide geht jetzt wieder ins Schloss\u201c, entschied die nicht mehr ganz junge Frau, in deren Gesicht sich keine Spur von Schminke zeigte, sodass Mutter Natur sie bis heute von Falten verschont hatte. Folgsam fuhren die beiden S\u00f6hne wieder aufw\u00e4rts und Max verriegelte oben wieder den Erker mit eisernen Pfl\u00f6cken. \u201eSie scheinen befehlen gewohnt zu sein. Das l\u00e4sst einen hohen Stand vermuten\u201c, nahm der arme, alte K\u00f6nig das Gespr\u00e4ch wieder auf. \u201eJa, ich bin die Prinzessin Dreimaldreimalklug, wenn Sie das verstehen k\u00f6nnen.\u201c \u201eNa klar, ich bin doch nicht dumm, habe das schon als Kind gelernt\u201c, war die prompte Antwort des armen, alten K\u00f6nigs. \u201eund sie haben schon zwei S\u00f6hne?\u201c \u201eNein drei, der dritte, der \u00e4lteste ist zur See, ich habe ihn schon sechs Jahre nicht mehr gesehen und auch nichts von ihm geh\u00f6rt.\u201c \u201eEin Abenteurer, das will mir wohl gefallen. Ist er auch so \u2026 abweisend?\u201c \u201eIn solchen Jugendjahren kann sich viel ver\u00e4ndern, was wei\u00df eine arme Mutter schon davon.\u201c \u201eEine Prinzessin immerhin.\u201c \u201eDie Kinder sagen zu mir auch manchmal Napoleon, wenn ich mal wieder am Befehlen bin.\u201c \u201eDas will mir wohl gefallen, eine Prinzessin, die wei\u00df, was sie will.\u201c<\/p>\n<p>So ging das Gespr\u00e4ch noch eine Weile fort, bis sich der arme, alte K\u00f6nig ein Herz fasste und frug: \u201eIhr Schloss darf ich nicht betreten wegen der geheimen Mixturen und Farbger\u00fcche, aber darf ich Sie einladen, mein Reich zu besuchen, das an das Ihre grenzt, das zwar nur 452 Quadratwerst gro\u00df ist, aber in dem man nur mittels Kunstwerken untereinander verkehrt.\u201c \u201eSie wissen, dass solche Dinge \u2013 ich nehme das mal als einen galanten Antrag \u2013 immer mit einer Aufgabe verbunden sind, die fast menschenunm\u00f6glich ist?\u201c \u201eZwar bin ich nur dreimalklug und vielleicht nicht einmal das, aber ich soll sicher ihren dritten Sohn herbeiholen, nicht?\u201c \u201eSo ist es. Dann w\u00e4re das gekl\u00e4rt \u2013 und machen Sie sich keine Sorgen um Ihre Intelligenz. Sie ist dem Alter entsprechend noch vorhanden.\u201c Einen Dank f\u00fcr dieses flapsige Kompliment blieb der arme, alte K\u00f6nig schuldig, und das aus reiner Klugheit, denn er hatte wohl verstanden, dass diese Napoleonine ihn wohl auch noch unter ihre Befehlsgewalt nehmen k\u00f6nnte, und dazu war er doch zu sehr Mann und machte sich auf den R\u00fcckweg. Noch einmal wandte er sich um: \u201eUnd der Name?\u201c \u201eChristian.\u201c<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg machte sich der arme, alte K\u00f6nig noch weiter seine Gedanken. Hatte er nicht nebenher selbst gekl\u00e4rt, woher die vielen steinernen Schlangen in den Vorg\u00e4rten seines Reiches kamen? Von nichts als Steinen und farbigen B\u00e4chen umgeben, hatte diese Prinzessin Neunmalklug, nat\u00fcrlich Neunmalklug!, ihr Auskommen. Da sie keine Schminke trug, hatte er direkt in ihre Seele geschaut und war der Fehlstelle gewahr geworden, die bei aller erschauter Sch\u00f6nheit dort klaffte. Daher hatte er auch gleich erraten, was ihr fast menschenunm\u00f6glicherf\u00fcllbarer Wunsch wohl sein w\u00fcrde. Als er dann wieder durchs eigene Reich zu seinem Schloss wanderte, sah er jetzt die steinernen Schlangen in den Vorg\u00e4rten mit anderen Augen. Sie wurden ihm zu einem Zeichen der Hoffnung auf bessere Zeiten und den Besuch der Prinzessin Neunmalklug. Als er wieder im Schloss war, legte sich sein Alter schwer auf seine Schultern. Man k\u00f6nnte nun meinen, er h\u00e4tte sich auch noch auf den Weg ans Meer gemacht, aber er war nur in der Lage zu schreiben:<\/p>\n<p>Lieber Christian,\u2028ich bin bis ans Ende meines Reiches und dar\u00fcber hinaus gewandert. Auf diesem Wege habe ich Deine Mutter kennengelernt. Sie hat den innigen Wunsch Dich wiederzusehen. Ich wei\u00df, Du bist schon Jahre fort von zu Hause und hast sicher viel erlebt. Solltest Du in einer der Hafenst\u00e4dte mal eine Schlange der Hoffnung sehen, so wisse, sie ist von der Hand Deiner Mutter. Kehre zur\u00fcck, darum bitte ich Dich.<br \/>\nAnno 1222<br \/>\nDer arme, alte K\u00f6nig<\/p>\n<p>Darauf kam keine Antwort und so r\u00fcstete sich der arme, alte K\u00f6nig zu einer erneuten Wanderung, die ihn diesmal ans Meer f\u00fchren sollte. Dort hatten ihn fast all seine Kr\u00e4fte verlassen und er gedachte zu sterben. Da schrieb er noch einmal an die Prinzessin Neunmalklug:<\/p>\n<p>Liebe Prinzessin,<br \/>\nich habe nicht mehr die Kraft in die Hauptstadt meines kleinen Reiches zur\u00fcckzukehren, aber ich w\u00fcrde mich trotzdem sehr freuen, wenn Sie mein Land besuchen wollten. Ich war hier auf dem Fischmarkt und habe zwei Fische lebend wiedergefunden, deren einen ich zu meinem Wappentier gemacht habe, nannte ihn wieder Christoph und den anderen Christian. Normalerweise vertragen sich diese Art Fische nicht, doch als ich sie zusammensprerren lie\u00df, f\u00fchrten sie keinen Kampf um Leben und Tod, sondern eine Art Tanz auf, was sich hoffentlich nicht \u00e4ndern wird, wenn ich sie zu mir ins Schloss schicke. Aber wisset, sie leben nur drei Jahre und s\u00e4umt bitte nicht, sie in meinem Teich zu beobachten.<br \/>\nAnno 1223<br \/>\nDer arme alte K\u00f6nig<\/p>\n<p>Darauf starb der arme, alte K\u00f6nig. Der Fischh\u00e4ndler war kein anderer als der gesuchte Christian. Er hatte die Fische aus dem Lande Siam, dem heutigen Indonesien mitgebracht und brachte nun die Fische pers\u00f6nlich ins Schloss, wo er seine Mutter wartend am Teich sah, sie aber jetzt wieder einen Grund zur Trauer hatte, sosehr sie sich \u00fcber die R\u00fcckkehr des Sohnes auch freute. In diesem Moment kam ein Bote und verlas die letzte Nachricht des armen, alten K\u00f6nigs, der solle zum K\u00f6nig gew\u00e4hlt werden, der diese tanzenden Fische br\u00e4chte und k\u00fcnftig sollten zwei Fische im Wappen sein:<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/c40b54f1-4d59-4742-adeb-899b2740c392.jpg\" width=\"50%\" height=\"50%\" alt=\"zwei Fische\" \/><\/center><\/p>\n<p>Die Fische sahen pr\u00e4chtig aus und an bemalten Steinen war im 452 Quadratwerst Reich nun auch kein Mangel mehr. Die Prizessin Neunmalklug wurde K\u00f6nigin Mutter und von ihren drei Jungs: Christian, Max und Murkel, war der eine nun K\u00f6nig und die anderen beiden Prinzen.<\/p>\n<p>Was die Prinzessin bewegte \u2026<\/p>\n<p>\u2026 als sie allein in ihrem Schlosse ohne T\u00fcr noch Tor mit den schillernden Farbb\u00e4chen ringsum vom armen, alten K\u00f6nig verlassen worden war. Sie glaubte keine Sekunde daran, dass er ihren \u00e4ltesten Sohn Christian je in der weiten Welt finden k\u00f6nne, ja sie zweifelte sogar daran, dass er etwas daransetzen w\u00fcrde. Ihre beiden verbliebenen S\u00f6hne waren ihr da ein Trost, und wenn diese auch etwas ungehobelt erschienen, als sie des armen, alten K\u00f6nigs ansichtig geworden waren, so hatten sie doch beide ein gutes Herz, das freilich nur der leiblichen Mutter galt, denn es wurde viel gehalten auf das Blut in dieser kleinen Familie. Sie erz\u00e4hlte ihnen von der Einladung, die sie erhalten hatte, und sie reagierten sehr unterschiedlich. Max w\u00e4re gern mal in die Welt hinausgezogen, aber unter der Voraussetzung, dass ihnen keine Polizei begegnete, denn diese f\u00fcrchtete er mehr, als dass ihn die Abenteuerlust hinaustrieb. Murkel war der Meinung, dass sie in ihren Bergen doch alles h\u00e4tten, was sie brauchten, und schlie\u00dflich sei Bergsteigen doch der beste Sport. Murkel war ein bisschen dicklich \u2013 ein Erbteil seines Vaters, den er darum nicht so recht mochte. Aber er hatte eine Vorliebe f\u00fcr M\u00e4rchen und Geschichten. Woher diese Gabe kam, konnte man gar nicht sagen, denn die Prinzessin lie\u00df nur die notwendigsten Nachrichten an sich heran und meinte, auf mehr k\u00f6nne sie sich nicht konzentrieren. Murkel hing trotzdem an seiner Mutter, mehr als Max, denn er h\u00f6rte auch sehr gern Musik mit ihr und hielt sich, wie sie, die eine etwas unsichere Stimme, aber in der h\u00f6chsten Lage hatte, auch f\u00fcr einen guten S\u00e4nger, der es in der einen oder anderen Weise noch zu etwas bringen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Also einer daf\u00fcr und einer dagegen, sich mal auf so eine Reise ins Nachbarland zu begeben. Aber was dachte die Prinzessin selbst? Verdammt \u2013 sie k\u00f6nne sich nicht konzentrieren, dachte sie, tunkte einen feinen Pinsel in einen besonders glitzernden Bach und tupfte feine Punkte auf einen Stein, der danach aussah, als k\u00f6nne er noch ein Tierbildnis vertragen. Nat\u00fcrlich hatte sie auf dem Wams des armen, alten K\u00f6nigs diesen seltsamen und wundersch\u00f6nen Fisch wahrgenommen. Die Z\u00fcge des K\u00f6nigs wiederzugeben, konnte sie nicht, und nun denkt ihr vielleicht, sie malte stattdessen dessen Wappentier, aber nein, da geriet ihr einer der T\u00fcpfelchen etwas gr\u00f6\u00dfer und sprach zu ihr: \u201eIch bin es, Venus.\u201c \u201eAch, Du bist es, unsere sch\u00f6ne Nachbarin?\u201c \u201eJa, ich kann Dich etwas lehren, n\u00e4mlich Dich zu konzentrieren.\u201c \u201eIch bin doch nie konzentrierter als beim Malen.\u201c \u201eDu konzentrierst Dich aber dabei zu sehr auf Dich und vielleicht auf Deine Jungs.\u201c \u201eBin ich denn nicht auch das wichtigste auf der Welt und meine Jungs. Sieh, ich denke dabei auch an Christian.\u201c \u201eDu bist eben eine Mutter, aber ich \u2026 .\u201c \u201eNun sag schon, was bist denn Du?\u201c \u201eIch bin eine Geliebte. Ich bin auf der Welt, dass man mich anhimmelt.\u201c \u201eUnd das ist, was Du mich lehren wolltest?\u201c \u201eNein, das wei\u00dft Du doch im Grunde selbst. Ich wollte Dich lehren, sich zu konzentrieren.\u201c \u201eIch bin konzentriert und gleichzeitig zerstreut mich das Malen.\u201c \u201eDas ist auch gut so, doch zu welchem Ende.\u201c \u201eDu meinst, ich soll reisen?\u201c \u201eNur, wenn Du jemanden brauchst, der f\u00fcr Dich eintritt.\u201c \u201eIch brauche jemanden, der mich nicht fallen l\u00e4sst.\u201c \u201eDann reise!\u201c<\/p>\n<p>Die Prinzessin wunderte sich, dass sie nicht von selbst darauf gekommen war. Sie legte den Stein zu den fertigen und bald schon hatte sie das Gespr\u00e4ch mit Venus wieder v\u00f6llig vergessen, denn sie konnte sich nicht nur schlecht konzentrieren, sondern hatte auch ein schlechtes Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n<p>Dann packen wir\u2019s,<\/p>\n<p>sagte Murkel als die Entscheidung zur Reise gefallen war. Freilich war schon ein Jahr seit der kurzen Begegnung vergangen, aber die Prinzessin reizte auch, das Nachbarland mal zu sehen, dem sie so einen Absatz ihrer einzigartigen bemalten Steine verdankte. So klein dieses 152 Quadratwerst Reich auch war, so hatte es doch alles, was man sich vorstellen konnte: Im Norden das Meer, eine Ost- und eine Westgrenze und im S\u00fcden eben die Berge, die sie aus eigener Anschauung kannten.<br \/>\nJeder packte ein, was er f\u00fcr richtig hielt, Max mehrere Schraubenschl\u00fcssel und einen Kreuz- und einen Minusschraubenzieher und Murkel ein Buch, um sich auch zerstreuen zu k\u00f6nnen. An Nahrungsmitteln nahmen sie Ziegenk\u00e4se mit, Tomatenmark und Nudeln, wovon man sich ja allenorts w\u00fcrde ern\u00e4hren k\u00f6nnen und vor allem der Frau Mutter gut mundete. Die Prinzessin wollte ihren Picknickkoffer mitnehmen und sah ihn durch. Die Plastikbecher erschienen ihr zu unpers\u00f6nlich und sie wollte daf\u00fcr lieber Teegl\u00e4ser mitnehmen. Max hatte ein Segelboot als Motiv, obwohl es auch ein Lamborgini h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, auf den man aber wegen der h\u00e4sslichen Abgase verzichtet hatte. Murkel hatte einen Delphin drauf, denn er war ja auch eine Wasserratte. Die Prinzessin hatte ein Motiv, das im fernen China als Symbol der Herrschaft gilt und hatte all diese Tassen auch selber gestaltet. Als sie den Koffer gerade wieder schlie\u00dfen wollte, sagte der sorgf\u00e4ltige Max, dass da noch ein Teeglas fehle. \u201eF\u00fcr den armen, alten K\u00f6nig etwa?\u201c, fragte ihn die Prinzessin Neunmalklug. \u201eNein, den kennen wir doch gar nicht, ich meine das hier\u201c, und er hielt ihr ein Teeglas hin, das ganz hinten gestanden hatte und seit sechs Jahren schon nicht mehr benutzt worden war. \u201eOh ja, nat\u00fcrlich. Ich bin auch so etwas von vergesslich in letzter Zeit. Es k\u00f6nnte ja sein, dass es gebraucht wird.\u201c \u201eWas bedeuten diese Kugeln und der eine mit dem Ring drumrum?\u201c, fragte Murkel, der dieses Glas vielleicht zum ersten Mal in seinem bewussten Leben sah. \u201eDas sind Wandelsterne, Murkel\u201c, erwiderte die Prinzessin, \u201ealle anderen Sterne haben nur den Tages- und den Jahreslauf und behalten ihre Positionen, aber die Wandelsterne sind immer mal woanders zu sehen.\u201c \u201eSo wie die Sonne, die t\u00e4glich \u00fcber den Himmel zieht?\u201c \u201eNein, die Sonne ist ein richtiger Stern und wenn es noch andere Wesen in unserer Milchstra\u00dfe gibt, so k\u00f6nnen sie nur sie wahrnehmen und sie w\u00e4re f\u00fcr sie einer von hundert Milliarden Sternen, wie wir sie von uns aus sehen. Unsere Erde k\u00f6nnten sie schwerlich entdecken. Und daf\u00fcr hat sich Christian sehr interessiert, als er in euerm Alter war.\u201c \u201eUnd jetzt ist er ein Seefahrer\u201c, bemerkte Murkel. \u201eEin Seefahrer kann mit den Sternen und einer Uhr bestimmen, wo er sich auf dem weiten Meer befindet\u201c, mischte sich Max nun ein, aber alle drei wussten nicht weiter und genau zu sagen, wie man das wohl macht. \u201eDann wird er sich sicher auch wieder nach Hause finden\u201c, sagte Murkel und strich seiner Mama eine Str\u00e4hne aus dem Gesicht.<br \/>\n\u201eWo hat denn der arme, alte K\u00f6nig \u00fcberhaupt sein Schloss?\u201c, fragte Max noch mal sicherheitshalber. \u201eMan sagt, es ist auf einer Insel, Karsibor im Wolziger See.\u201c Da platze Murkel heraus: \u201eKarsibor, das h\u00f6rt sich an wie ein Zauberspruch, wie Excalibur oder wie der Drache Kalifur. Vielleicht ist es sogar verwunschen und wir m\u00fcssen erst einen Zauber brechen.\u201c Die Prinzessin Neunmalklug wurde nachdenklich. Nach dem, was ihr der arme, alte K\u00f6nig in ihrem kurzen Gespr\u00e4ch erz\u00e4hlt hatte, konnte das gut m\u00f6glich sein. Hatte er doch zwar eine gute Idee gehabt, dem Land einen Verkehr nur in Kunstwerken zu bescheren, aber was sein pers\u00f6nliches Gl\u00fcck anbetraf, so hielt sich das doch sehr in Grenzen. Und pl\u00f6tzlich fiel ihr auch wieder das Gespr\u00e4ch mit dem Wandelstern Venus ein, das schon geraume Zeit zur\u00fccklag und sie ja schon wieder v\u00f6llig vergessen hatte und sie packte auch noch den Stein mit den T\u00fcpfelchen ein, auch wenn die Kinder maulten, dass sie noch mehr zu schleppen h\u00e4tten, denn die Prinzessin selbst nahm nur ein winziges T\u00e4schchen mit. Alles andere trugen die beiden S\u00f6hne \u00fcber die sieben Berge hin\u00fcber in das pr\u00e4tenti\u00f6se Land, das ihnen bisher nur gute Handelsgesch\u00e4fte beschert hatte, aber in dem sie nun ihr Gl\u00fcck zu finden hofften.<\/p>\n<p><em>C.R. Juni\/Juli\/August 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seelenwege Es war einmal ein armer, alter K\u00f6nig, dessen Reich sich gerade mal auf 452 Quadratwerst bema\u00df und der nicht viel Gl\u00fcck bei den Frauen gehabt hatte. 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