{"id":3908,"date":"2022-06-09T16:53:18","date_gmt":"2022-06-09T14:53:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3908"},"modified":"2023-12-08T22:59:05","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:05","slug":"beinahe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3908","title":{"rendered":"Beinahe \u2026"},"content":{"rendered":"<p><strong>Beinahe \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Beinahe w\u00e4re ich auf dem ersten Arbeitsmarkt angekommen. Als ich einmal eine gesch\u00fctzte Werkstatt sah und das betreute Wohnen, kamen mir die Tr\u00e4nen. Der Supermarkt, sie kennen mich da schon von Kindesbeinen an, wollte mich nehmen. Sie w\u00fcrden mich schon hinbiegen, sagten sie. Mein Ziehvater und Mam wollten mich erst am Pfingstsamstag f\u00fcr immer aus meiner Einrichtung, wo ich ein berufsvorbereitendes Jahr absolvieren sollte, abholen, aber mir wurde dort gesagt, ich solle schon am Freitag gehen. Meine Vorliebe f\u00fcr Pfandflaschen versteht keiner, au\u00dfer vielleicht mein Papa, und mein Ziehvater, als er mich dann doch schon am Freitag abholte, er die kniehohe Stromzufuhr zu meinem Handy abbaute, fand das alles meinerseits nicht so gut vorbereitet, dass die leeren Flaschen und B\u00fcchsen alle noch auf dem Tisch standen und nur halb gepackt war. Und es war auch nicht die ges\u00fcndeste Raumluft, wie er auch gleich feststellte. Er hat mich alle Sachen allein runtertragen lassen. Wir hatten uns viel geschrieben die letzten Tage, und er hatte angemerkt, dass er mich wie einen Erwachsenen behandeln w\u00fcrde. Dann fuhren wir beim sch\u00f6nsten Wetter \u00fcber Potsdam zur\u00fcck. Auf der Fahrt fragte er mich, ob ich mich denn freue, nach Hause zur\u00fcckzukommen. Ich antwortete nicht. Darin besteht ja auch immer eine gewisse Gefahr. Wie schnell konstruiert der Bedankte daraus eine Art von \u00dcberlegenheit. Er sagte zu mir, er f\u00e4nde es sch\u00f6ner, wenn ich w\u00e4hrend der Fahrt nicht mit dem Handy spiele, und ich lie\u00df es sein. Das Handy ist mein ein und alles. Ich geh\u00f6re zu den besten Spielern der Welt und habe auch ein M\u00e4dchen kennengelernt dar\u00fcber (was ein Geheimnis zwischen mir und meinem Ziehvater ist), die mich und meine Art mag, allerdings zwei oder drei Level unter mir h\u00e4ngengeblieben ist. Manchmal schicke ich meinem Ziehvater Nachrichten \u00fcber Spiele, aber wie ich sie so toll finde, lehnt er sie ab und nimmt sie gar nicht zur Kenntnis.<\/p>\n<p>Freitagnachmittag sind dann alle zu Hause. Mam ist krankgeschrieben und meine beiden Br\u00fcder kommen fr\u00fcher aus der Schule. Mein Ziehvater beruft einen Familienrat ein. Nicht alle sind begeistert davon. Meine Br\u00fcder sind keine Heimkinder, sie sind hier wirklich zu Hause, und obwohl sie j\u00fcnger sind, sind sie mir \u00fcberlegen. Mein Ziehvater sagt, sie sollen mich behandeln wie ihren \u00e4ltesten Bruder, wie es sich geh\u00f6rt und dass wir jetzt ein paar Wochen ohne Mam auskommen m\u00fcssen, denn sie w\u00fcrde wieder f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit in die Klinik gehen. Jeder h\u00e4tte seine Pflichten. Das w\u00fcrden wir jede Woche mit einer Liste der guten Taten auswerten und der Beste bek\u00e4me 5 \u20ac. Nicht alle fanden das gut, aber in der Hausarbeit und Tierpflege bin ich unschlagbar. Ich kann Sachen so gut und gr\u00fcndlich bis zum Ende machen wie meine Mam. Ich bin zwar etwas langsam, aber was das Arbeiten anbelangt, bin ich nicht gehandicapt.<\/p>\n<p>Am Abend spielen mein Ziehvater, Mam und ich Canasta. Ich ziehe viele Joker und arbeite auf einen Jokercanasta hin. Als dann einer fertigmacht, habe ich vierhundert Miese auf der Hand. Es sind Feiertage und ich bin in bester Stimmung. Ich soll zwar, wenn es wieder in die Woche geht, halb acht aufstehen, aber feiertags kann es schon mal halb zehn werden. Mam ist auch nicht fr\u00fcher raus. Am Sonnabend gehe ich mit meinem Ziehvater einkaufen. Eine lange Liste mit zweimal Fit drauf, wie ich in meinem Genauigkeitsfimmel feststelle. Wir kaufen dennoch nur eine Flasche, weil das nat\u00fcrlich ein Versehen war. Er will einen Kuchen backen und ich stehe direkt vor der Hefe. Zu Hause ermahnt er mich, dass ich meine Sachen einr\u00e4umen soll. Ist schon erledigt, der Koffer schon wieder verstaut, kann ich da erwidern.<\/p>\n<p>Dann entdecke ich, dass man mit dem Handy nicht nur endlos spielen kann, sondern auch st\u00e4ndig Musikh\u00f6ren. Ich behalte die St\u00f6psel den ganzen Tag drin. Wenn mich jemand darauf anspricht, ziehe ich den Stecker und bestrafe die anderen, dass sie alles mitanh\u00f6ren m\u00fcssen. Ich bin der St\u00e4rkste der Familie, ich bin achtzehn. Keiner kann mir mehr so richtig was verbieten. Wo bleiben die Klebepunkte f\u00fcr die Liste der guten Taten, frage ich meinen Ziehvater immer wieder. Ich spreche sehr laut wegen der St\u00f6psel und er findet es gut, dass er endlich jedes Wort versteht von mir (er ist ein bisschen schwerh\u00f6rig). Sie m\u00fcssen auch alle laut reden mit mir und so kommen die Sachen mal endlich klar zur Sprache. Mam macht Mittag, ich wasche ab. Dann verziehen sich alle und mein Ziehvater besch\u00e4ftigt sich mit dem Kuchen, den wir gleich am Nachmittag verkosten. Ich fahre mit dem Fahrrad rum, es ist herrlich, wieder zu Hause zu sein. Ich sage das wieder nicht, das w\u00e4re wieder gef\u00e4hrlich, aber es wird diesmal f\u00fcr immer sein.<\/p>\n<p>Am Abend spielen wir wieder Canasta. Ich habe ein paar gute Spiele, freue mich \u00fcber jeden gelungenen Trick. Mein Ziehvater und Mam meckern, dass ich auch dabei die St\u00f6psel im Ohr habe, aber ich lass sie einfach reden. Am Sonntag ist mein Ziehvater wieder fr\u00fch raus und es kommt wieder so, dass ich mit Mam dann allein am Tisch sitze. Mein Ziehvater f\u00e4hrt endlich mit meinem mittleren Bruder zu sich nach Hause. Sie sollen endlich die Klebepunkte f\u00fcr die Liste der Pflichten holen und wie er sagt, auch etwas zum Arbeiten f\u00fcr die Zeit nach den Feiertagen. In der Zeit wasche ich wieder ab und staubsauge, ohne dass mir das jemand gesagt h\u00e4tte. Die V\u00f6gel hatte ich schon versorgt, ich beobachte sie oft sehr intensiv und sehe genau, wie sich jeder von ihnen verh\u00e4lt. Ich klebe mir zwei rote Punkte in die Liste. Ich fange eine Motte mit einer Hand, einfach zugegriffen und erledigt, und erz\u00e4hle ihm das.<\/p>\n<p>Er will Puffer machen und alle au\u00dfer Mam sind damit besch\u00e4ftigt. Mein mittlerer Bruder ist wieder der Maschinist, schneidet die Kartoffeln erst versehentlich in Scheiben, aber nach einem kleinen Umbau sind sie im Nu zerrieben.  Mein Ziehvater will Haferflocken ranmachen, aber es sind keine zu finden, und Mam ist auch dagegen, weil das der beste Puffermacher, ihr Vater, auch nicht macht. Puffer sind nicht gerade mein Ding, aber wir m\u00fcssen auch sparen. Mein Ziehvater isst etwa f\u00fcnf, aber drei bleiben trotzdem \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Er sagt, wir wollen nicht den ganzen sch\u00f6nen Tag in der Bude hocken und ins Gr\u00fcne fahren. Wir einigen uns auf ein Bad, in dem wir schon oft vor dessen Saisoner\u00f6ffnung waren und auch schon Mams Geburtstag gefeiert hatten. Halb drei geht es los. Ich frage meinen Ziehvater, ob ich barfu\u00df mitfahren kann, mir geht es so gut. Klar, sagt er. Mein mittlerer Bruder will nicht mit. Was er vorhat wei\u00df kein Mensch, aber er setzt sich dann doch hinten auf den Sitz, nimmt aber keine Badehose mit. Der Kaffee war schnell gekocht, der Kuchen eingepackt und ab ging es ins Gr\u00fcne. Die Badeanstalt ist ziemlich voll, aber wir finden noch ein schattiges Pl\u00e4tzchen, wo wir unsere Decken ausbreiten k\u00f6nnen. Es gibt ein bisschen Streit um den Platz auf den Decken. So schnell bin ich eben doch noch nicht der gro\u00dfe Bruder. Der fluffige Kuchen ist Matsch, aber schmeckt \u2013 Aprikosenkuchen, meines Ziehvaters Lieblingswerk. Ich habe keine Lust etwas zu trinken. Mein j\u00fcngster Bruder gie\u00dft sich die Tasse voll Milch. Nach einer kurzen Ruhepause geht es dann ins Wasser. Mein mittlerer Bruder beobachtet uns vom Steg aus. Mein j\u00fcngster Bruder und ich sind die ersten an der Plattform, die etwa 100 m drau\u00dfen ist. Wir steigen hoch und springen rein \u2013 immer wieder. Mein Ziehvater macht nur einmal einen K\u00f6pper und bleibt dann im Wasser. Als Mam endlich ankommt und sich auf den Rand der Plattform setzt, schwimmt er schon wieder zur\u00fcck, denn das Wasser ist noch frisch. Wir drei sind allein auf der Plattform, Mam, mein kleinster Bruder und ich. Es macht Spa\u00df. Ich springe noch mal rein \u2013 black \u2013 bin ich weg.<br \/>\nBeinahe \u2013 was h\u00e4tte aus mir werden k\u00f6nnen?<\/p>\n<p><em>C.R. 8.6.2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beinahe \u2026 Beinahe w\u00e4re ich auf dem ersten Arbeitsmarkt angekommen. Als ich einmal eine gesch\u00fctzte Werkstatt sah und das betreute Wohnen, kamen mir die Tr\u00e4nen. Der Supermarkt, sie kennen mich da schon von Kindesbeinen an, wollte mich nehmen. Sie w\u00fcrden&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3908\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,12],"tags":[],"class_list":["post-3908","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3908","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3908"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3908\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3944,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3908\/revisions\/3944"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3908"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3908"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3908"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}