{"id":3896,"date":"2022-05-10T10:25:15","date_gmt":"2022-05-10T08:25:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3896"},"modified":"2023-12-08T22:59:05","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:05","slug":"ich-der-geniemacher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3896","title":{"rendered":"Ich &#8211; der Geniemacher"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ich &#8211; der Geniemacher<\/strong><\/p>\n<p>In meinen Erinnerungen mischen sich die verschiedensten Sachen. Workshops, ja sog. Worldcafes, deren Inhalt nichts weiter ist als das verzweifelte Ank\u00e4mpfen gegen b\u00fcrokratische Vorschriften, die irgendwelche Idioten in die Welt setzen und sich dabei noch denken, sie h\u00e4tten etwas f\u00fcr den Fortschritt getan. Dazu gibt es vegetarische Creationen, als h\u00e4tten nun alle der Fleischeslust entsagt. Ein Heer von jungen Leuten, das auf der Welle des Abiturs f\u00fcr alle einigerma\u00dfen lustlos in die Unis geschwemmt worden war und jetzt auf P\u00f6stchen sitzt, in denen Rede- und Selbstdarstellungsverm\u00f6gen alles zu sein scheint. Dann noch die Reimk\u00fcnstler, die es f\u00fcr die grandioseste Erfindung halten, wenn sich in einem Gedicht mal nichts reimt. Unter letzteren befand ich mich, Mal ganz anders als sonst, nicht dem schmalen Budget geschuldet in einer simplen Herberge, sondern einem Hotel mit gleich mehreren Konferenz-Suiten. Nat\u00fcrlich war auf keiner dieser Konferenzen etwas Wesentliches oder \u00dcberraschendes, die benachbarte war von Bauluden, denen es vor allem auf das Essen angekommen war und die ein Radio laut aufgedreht hatten. Dazu ist noch zu sagen, dass ich die sich Undichter nennenden Reimer schon jahrelang nicht gesehen hatte, ihre Evocationen nicht mehr las und sie mir demzufolge fast alle fremd geworden waren. Und Schrocke war nicht dabei und Liane nicht und auch nicht Sybill, bei der ich nicht mal mehr wei\u00df, wo das y hingeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Ich war mit einem Freund dort und teilte das Zimmer mit ihm, das er in eine Art Obdachlosenschlafplatz verwandelt hatte und unentwegt ein selbstkomponiertes Lied \u00fcbte. Sein Name ist Armin Kahle und ich habe noch keinen Menschen getroffen, der \u00fcber mehr nat\u00fcrliche Intelligenz verf\u00fcgt unter v\u00f6lliger Abwesenheit dessen, was man Bildung nennt. &#8222;Dein Haar bringt mich um den Verstand&#8220;, ging es in dem Lied. Nat\u00fcrlich war f\u00fcr ihn da keine Zeit zum konferieren und sein Outfit gen\u00fcgte nicht mal den d\u00fcrftigen Anspr\u00fcchen der Undichter.<\/p>\n<p>Ich also allein in den Konferenzraum, wo schon alle mit Rumstehen und small Talk gut besch\u00e4ftigt, aber auch einigerma\u00dfen gelangweilt waren. Schrocke nicht dabei und Liane nicht, Gerhard zum Gl\u00fcck auch nicht und nicht der beharrliche und immer ein bisschen unpraktische Vorsitzende. Also eigentlich doch nicht die Undichter, sondern Jedermanns. Eigentlich erinnere ich mich nur an eine junge Frau, die sich mit freundlichem Erstaunen umwandte, als ich auf mich aufmerksam machte und in die Langeweile ein einmaliges Lifeereignis ank\u00fcndigte. Die Worte wei\u00df ich nicht mehr, aber es war auf gute Weise Aufsehen. Von drau\u00dfen klang noch die Bauarbeiter Musik. Ich ging in aller Ruhe zu ihnen und drehte den Subwoofer leise, was die Luden auch geschehen lie\u00dfen. Zur\u00fcckgekehrt hatte das Aufsehen noch angehalten und ich griff einen hageren, \u00e4lteren Mann heraus, nicht ohne schon eine gewisse Agressivitat. Ich befragte ihn: &#8222;Kennen Sie ein Genie?&#8220; Er antwortete nicht, st\u00f6rte sich wohl auch am Aggressionstone und Verstocktheit zeichnete sich in sein Gesicht, aber er blieb jedenfalls redestehend  neben mir. &#8222;Nicht einmal eins aus der Geschichte?&#8220; Wieder keine Antwort, angestrengtes, widerwilliges Nachdenken. &#8222;Sie kommen nicht mal auf Albert Einstein?!&#8220; Verstocktheit oder Ungewohntheit des Gedankengangs. In meiner Wut versagte ich mir, das aufzudr\u00f6seln.<\/p>\n<p>Nun war aber auf Hoffnung umzuschalten, denn es kann der Teil, der weder geplant noch vorhersehbar war und doch wie am Schn\u00fcrchen lief, weil es wohl so etwas wie gn\u00e4dige h\u00f6here Wesenheiten gibt. Ich k\u00fcndigte ein derzeitiges Genie an, ist klar, wer das war. Und er erschien in einer glatten enganliegenden Hose, in der sich vor Stolz etwas abzeichnete, auch das erraten Sie und einem gemusterten Sweater, eben ganz ein selbstbewusstes Genie. Er strahlte und gab der atemanhaltenden Menge sogleich eine Kostprobe seiner Genialit\u00e4t. Er erkl\u00e4rte  n\u00e4mlich eine neuartige elektronische Kuckucksuhr, bei der das Pendel nicht einfach vor sich hinschwingt als Deko, sondern vollinhaltlich mit dem Herzst\u00fcck verbunden. Der Kuckuck bedarf keines komplizierten Holzmechanismus, sondern wird durch Zugmagneten bet\u00e4tigt. Jedesmal wenn jemand das Wort Nachhaltigkeit oder klimaneutral in den Mund nimmt, kotzt er f\u00fcr sich ein bisschen ins Geh\u00e4use, das daher gigantisch dimensioniert werden muss und durch Quantenverschr\u00e4nkung nur geleert werden kann. Dazu sind die oben genannten Wesenheiten da.<\/p>\n<p>Und auch meine Brust schwillt ein bisschen an, obwohl mich keiner mehr wahrnimmt und alle Blicke auf Armin gerichtet sind, der sich sonnt in seiner Sternstunde.<\/p>\n<p>Er ist ein Genie und ich habe ihn darauf gebracht &#8211; und entdeckt.<\/p>\n<p><em>C.R. 10.5.2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich &#8211; der Geniemacher In meinen Erinnerungen mischen sich die verschiedensten Sachen. Workshops, ja sog. 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