{"id":3893,"date":"2022-05-02T18:25:19","date_gmt":"2022-05-02T16:25:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3893"},"modified":"2023-12-08T22:59:05","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:05","slug":"ehrfuerchtig-und-heilsam-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3893","title":{"rendered":"Ehrf\u00fcrchtig und heilsam sein"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ehrf\u00fcrchtig und heilsam sein<\/strong><\/p>\n<p>Furcht ist etwas anderes als Angst, w\u00e4hrend letztere nur n\u00fctzlich ist, ist die Furcht besonders lehrreich dazu. Und Ehrfurcht ist die Furcht vor der Ehre eines anderen, der sich sicher sein kann, dass seine Ehre gerechtfertigt ist und diese notfalls, wenn vielleicht auch nur mit Worten, verteidigen kann. Das kann dann schon mal ehrfurchtgebietend werden.<\/p>\n<p>Sie sehen, man kann sich in unserer Sprache aalen, aber einer sagte auch mal, dass man, je weiter man nach Osten k\u00e4me, die Sprache immer reicher w\u00fcrde. Diesen Reichtum zu erlernen, ist fast unm\u00f6glich, auch wenn wir Deutschen in dem Ruf stehen, uns angelegentlich f\u00fcr andere V\u00f6lker zu interessieren, manchmal war das allerdings, um uns einer gewissen \u00dcberlegenheit gewiss zu werden, aber diese Weltoffenheit hat sicher auch das Potenzial verbindend zu wirken.<\/p>\n<p>Man nehme nur den Begriff \u00bb\u0412\u0435\u0447\u043d\u0430\u044f \u0441\u043b\u0430\u0432\u0430\u00ab aus einer mir einigerma\u00dfen bekannten Sprache. Man kann es heute noch mancherorts sogar bei uns lesen und die wenigsten verstehen es noch. Ist das fortgewischt, weil wir diese beiden Worte nicht mehr verstehen, nicht einmal mehr lesen k\u00f6nnen? Haben wir diesem Volk hinreichend Ehre gezollt und wie verh\u00e4lt es sich jetzt?<\/p>\n<p>Die Zeiten sind aufgebrochen. In K\u00f6penick hat man j\u00fcngst erfahren, was 30 Stunden Stromausfall bedeuten, Mehl ist immer noch ausverkauft, auch wenn es f\u00fcr uns nur eine Zugabe, f\u00fcr viele auf der Welt aber noch ein echtes Nahrungsmittel ist, und wozu man bei einem drohenden Atomkrieg so viel Klopapier braucht, dass es das auch nicht mehr gibt, erschlie\u00dft sich wohl nur dem, der die unmittelbaren Folgen der blanken Angst abzusch\u00e4tzen versteht.<\/p>\n<p>Haben wir keine Furcht und machen uns schon lange keine Gedanken mehr, was Ehrfurcht eigentlich ist, so bekommen wir es eines Tages eben mit der Angst zu tun, so scheint der Lauf der Dinge.<\/p>\n<p>Und heilen k\u00f6nnen, ist auch nicht mehr nur die Dom\u00e4ne der Mediziner, an deren gottgleichen Image heftig gekratzt wird in letzter Zeit. Wir sind nahe daran, dass uns unsere \u00c4rzte sagen: macht euern Kram doch alleine, wenn ihr alles besser wisst. Dabei ist es doch richtig, dass heilen eine moralische Voraussetzung hat. Da wir aber alles in Geld zu messen gehalten sind, und sich die Moral dem schon, solange wir Geschichte schreiben, entzieht, uns auch keine gemeinsame Kultur mehr hilft, die dergleichen voraussetzt, stehen wir ein bisschen auf dem Schlauch.<\/p>\n<p>Trotzdem darf man bei dem Heilenk\u00f6nnen auch das K\u00f6nnen nicht untersch\u00e4tzen, das die meisten \u00c4rzte auch dank eines unvergleichlichen Auswahlverfahrens, dass es nur die besten werden d\u00fcrfen, wirklich aufweisen. Im Grunde sind es auch seltene F\u00e4lle, wo bei den meisten Menschen Heilung n\u00f6tig ist, man sollte sich zun\u00e4chst gewahr werden, was das verbreitetste Leiden heute ist. Das sind nicht nur psychische Sch\u00e4den, die man nach und nach alle als Krankheiten anerkennt, sondern das geht bis zu den Befindlichkeiten, dass man eine tatenlose und resignierte Einstellung entwickelt, \u00fcbervorsichtig wird und dass man der Sinnlosigkeit verf\u00e4llt. Das nun ist vielleicht das verbreitetste Leiden, das wir dann gar nicht mehr den Medizinern allein aufb\u00fcrden k\u00f6nnen, auch den Lehrern und Erziehern nicht, nicht den Jugend- und Familienhelfern, nicht den Altenpflegern, da sind wir dann vielleicht alle mal gefragt. Und wenn wir unter diesem Aspekt auf die Welt schauen, meistern es andere V\u00f6lker viel besser, noch Lebensfreude und Lebenssinn zu erhalten, auch wenn es in deren L\u00e4den an mehr als nur an Mehl und Klopapier mangelt und der Bev\u00f6lkerung an Kleingeld.<\/p>\n<p>Wir glauben uns von \u00fcberlebten Traditionen befreit zu haben, und haben mal wieder das Kind mit dem Bade ausgesch\u00fcttet. Vor 250 Jahren d\u00e4mmerte die Romantik herauf, als Gegenbewegung zu der doch einigerma\u00dfen n\u00fctzlichen Aufkl\u00e4rung, die die Welt, wie sie meinten, in ein einziges M\u00fchlwerk verwandelt h\u00e4tte. Sie beklagten sogar, dass man die Erde aus ihrem Mittelpunkt und ihr die Ruhe genommen h\u00e4tte und wurden nach all dem Blutvergie\u00dfen um die richtige Religion dann fast alle katholisch. Alle Utopien ma\u00dfen dem Konservativen, wie es durch kundige Alte fr\u00fcher verk\u00f6rpert wurde, gro\u00dfes Gewicht bei, und wo sollte man da vorsichtiger sein, als bei dem Vergessen und der Aush\u00f6hlung von Traditionen. Haben wir denn noch welche? <\/p>\n<p><em>C.R. im Waltersdorfe am 2. Mai 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ehrf\u00fcrchtig und heilsam sein Furcht ist etwas anderes als Angst, w\u00e4hrend letztere nur n\u00fctzlich ist, ist die Furcht besonders lehrreich dazu. 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