{"id":3857,"date":"2022-01-24T13:16:24","date_gmt":"2022-01-24T11:16:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3857"},"modified":"2023-12-08T22:59:05","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:05","slug":"ich-moechte-dir-zurufen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3857","title":{"rendered":"Ich m\u00f6chte Dir zurufen\u2026"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ich m\u00f6chte Dir zurufen \u2026<\/strong><\/p>\n<p>lieber Bernhard, lass es sein mit dem Schreiben. Zwar kannst Du Dir einen guten Plot ausdenken, der bei der \u201eEnkelin\u201c aber nur f\u00fcr ein Drittel ausreicht, dann ist die Luft raus. Und woher beziehst Du die Luft f\u00fcr wenigstens das erste Drittel?<\/p>\n<p>Ein Student aus Westberlin m\u00f6chte, wie er sagt, das ganze Deutschland sein eigen nennen und reist 1964, also drei Jahre nach dem Mauerbau, mehrfach in den Osten. Sieht, dass dort ein Deutschlandtreffen veranstaltet wird. Die bereits florierende Marktwirtschaft im Westen hat solche Werte nicht zu bieten, und ihm f\u00e4llt eine junge Frau auf, wie er 20 Jahre jung, die irgendwie anders diskutiert und als er sie wiedertrifft am Alex, tr\u00e4gt er ihr ein Fr\u00fchlingsgedicht vor. Der moralische Knoten, den Schlink schlingt, ist, dass diese junge Frau bereits schwanger ist, und wie auch anders, von einem Parteisekret\u00e4r, was sie aber zu verbergen wei\u00df. Seine Begeisterung f\u00fcr Birgit geht so weit, dass er sie unter Aufbietung beachtlicher finanzieller Mittel in den Westen holt. Es ist keine Flucht \u00fcber Stacheldrahtz\u00e4une, sondern die Deluxe Variante mit falschen Papieren. Zwischendrein hat seine Birgit ein Kind entbunden und fortgegeben. Alles das bleibt unentdeckt und Birgit erweist sich als verschlossene und einigerma\u00dfen haltlose Gattin, die ihre Selbstfindung voranstellt. Letztlich findet sie dann zum Schreiben und das Dokument, das sie verfasst hat, ist das eigentliche Kunstwerk an dem Buch, aber zu d\u00fcrftig f\u00fcr einen richtigen Roman und schon im ersten Drittel abgehakt. Birgit hatte sich auf die Suche nach ihrer weggegebenen Tochter machen wollen, aber eben auch wieder nicht, denn der Frevel lastete schwer auf ihr.<\/p>\n<p>Kaspar, der seinen Namen vom Mohren unter den drei heiligen K\u00f6nigen hatte, ist auch so ein richtiger Mohr und sieht seine Aufgabe darin, seiner Frau Birgit in allem zu dienen, bis dass sie eben, gleich als romanhafte Wendung am Anfang in der Badewanne aus Trunkenheit ers\u00e4uft. Der Kaspar ist nun eigentlich der Held, mit dem man sich identifizieren sollte, aber er kann au\u00dfer einigerma\u00dfen Geldverdienen mit seiner Buchhandlung und Gedichteaufsagen eigentlich nichts. Was er schon 1964 nicht konnte, n\u00e4mlich selbst Inhalte generieren, lernt er auch in den Zweitausendern nicht.<\/p>\n<p>Recht unwahrscheinlich findet er dann die verlorene Tochter seiner verstorbenen Frau, die eine bewegte Vergangenheit hat, jetzt in der rechten Szene ein v\u00f6lkisches Dasein f\u00fchrt und eben diese Enkelin geboren hatte, um die sich die restlichen zwei Drittel des Buches drehen. Der ach so blass bleibende Kaspar wirft dann mit Geld um sich und kauft sich so in die v\u00f6lkische Szene, dass er einige anstrengende Wochen mit seiner Stiefenkelin Sigrun verbringen kann. Diese entdeckt angeblich ihre Passion f\u00fcrs Klavier, wird dann doch vom rechten Vater abgeschirmt, ger\u00e4t auf die schiefe Bahn und Schlink glaubt uns einen positiven Schlenker zu bieten, als sie dann nach Australien geht, sich mit Kaspars Geld eine Weile \u00fcber Wasser h\u00e4lt, um dann endlich eine Pianistin zu werden und an einem Konservatorium anzukommen. \u00dcber diesen Kitsch, den Schlink nur anzudeuten wagt, geht dann das Buch zuende. Im Grunde hat dieser Kaspar absolut nichts zu bieten, au\u00dfer seinem Geld und einem Kanon an Bildung, mit dem er sich wappnet gegen die inhaltlich doch wohl \u00fcberlegene rechte Szene, ohne die das Buch im Einerlei ersoffen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Indem er sich einen solchen billigen Sieg konstruiert, meint Schlink, etwas geschafft zu haben, aber dieser Allesversteher, der so einen Erfolg wie den \u201eVorleser\u201c aufzuweisen gehabt hat, prallt doch an den einfachen Wahrheiten ab, die ihre Unausweichlichkeit haben. Immerhin hat er ein weiteres Mal versucht, dem rationalen Kern der rechten Idee nahezukommen, die den einfachen Menschen auch Luft zu Atmen l\u00e4sst und sich nicht beirren l\u00e4sst durch die Klischees, die ihnen entgegengehalten werden. Im Grunde ist es ja der Gemeinschaftssinn, der in die Binsen gegangen ist. Diese eine Parallele zwischen Nazitum und Sozialismus ist sicher erlaubt, dass es in beiden so etwas wie Gemeinschaftssinn gab, und ist das nicht das, was die Gesellschaft im Innersten zusammenh\u00e4lt?, wenn auch zum tragischen Leidwesen von Widerst\u00e4ndlern, die in diesen Systemen eine Verantwortung bekommen, der sie manchmal nur unter Aufbietung aller Kr\u00e4fte, ja ihres Lebens, gerecht werden k\u00f6nnen. Andererseits gab es in den gemeinschaftsorientierten Systemen immer eine \u00dcberreaktion gegen solche Widerst\u00e4ndler, statt sie als Treibmittel f\u00fcr eine weitere erfolgreiche G\u00e4rung der Gesellschaft aufzufassen. F\u00fcr diesen Umgang gibt es kein Patentrezept, aber die Aufgabe des Gemeinsinns ist sicher ein noch schlimmerer Fehler, denn er richtet nicht nur punktuell Schaden an, sondern amnesiert eine ganze Gesellschaft, macht das Volk zu einem Wahlvolk, wohl wissend, dass es die Wahl gar nicht hat.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt in dem Buch mehrfach der Begriff des sich Anbietens, was doch sehr in der N\u00e4he der Prostitution steht. Der starke Mann, der schon hinter der T\u00fcr steht und der vielleicht zu Unrecht mehr als alles gef\u00fcrchtet ist, bietet sich nicht an, sondern ist sich seiner Erw\u00e4hltheit wohl bewusst. Von Gottes Gnaden kann er auch nicht mehr sein, das hatten wir auch schon zur Gen\u00fcge. Das Gef\u00fchl der meisten Menschen erraten und darauf eingehen, das kann er vielleicht. Vielleicht gibt es ihn aber auch gar nicht \u2013 und wir werden untergehen.<\/p>\n<p><em>Christian Rempel, im Waltersdorfe anno 2022, 24. Januar<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich m\u00f6chte Dir zurufen \u2026 lieber Bernhard, lass es sein mit dem Schreiben. Zwar kannst Du Dir einen guten Plot ausdenken, der bei der \u201eEnkelin\u201c aber nur f\u00fcr ein Drittel ausreicht, dann ist die Luft raus. 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