{"id":3787,"date":"2021-08-29T14:09:41","date_gmt":"2021-08-29T12:09:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3787"},"modified":"2023-12-08T22:59:06","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:06","slug":"uebermenschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3787","title":{"rendered":"\u00dcberMenschen"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcberMenschen<\/strong><\/p>\n<p>Wieder muss der unvergleichlichen Juli Zeh ein Roman aus der Feder geflossen sein \u201e\u00dcber Menschen\u201c. Nachdem wir mit \u201eUnter Leuten\u201c viel \u00fcber die Landflucht erfahren hatten und sie die teilweise undurchsichtigen Typen in der Mark beschrieb, mehr an der Zahl als in dem Kammerst\u00fcck, das sie jetzt zum besten gibt, wo sich viel zwischen drei Personen und einem Hund abspielt.<\/p>\n<p>Die Hauptperson, in der wir die Autorin wiederzufinden glauben, ist diesmal die einzige, die aufs Land geflohen ist und sich scheinbar auch nicht vor einem einsamen Leben f\u00fcrchtet in einem 400 Seelendorf. Die ganze Politik mit ihren Absurdit\u00e4ten und Anma\u00dfungen sa\u00df ihr im Nacken, personifiziert in einem Lebenspartner, der von den panischen Anwandlungen, die in der Gesellschaft existieren, ganz gut zu leben versteht und sich die Dinge eben verzerrt haben, wo M\u00fclltrennung wichtiger ist als innere Ruhe.<\/p>\n<p>Vielleicht war es f\u00fcr Juli Zeh gar nicht abzusehen, als sie diese Dora das erste Mal auf den Gartenstuhl an der Mauer aus Hohlblockbausteinen steigen l\u00e4sst und hin\u00fcbersp\u00e4hen nach dem Nachbarn (die Nachbarproblematik spielt in ihren Romanen ja immer eine gro\u00dfe Rolle und sie hat da schon die skurrilsten Typen angesiedelt), aber gleichzeitig ist eben dieser Blick \u00fcber die gleichnamige Mauer, ihr Blick und Lebensweg, der sie immer n\u00e4her an die Menschen im Osten gebracht hat, die sie in Unterleuten etwas persiflierte und sich jetzt fast ausschlie\u00dflich auf einen konzentrierte, der zun\u00e4chst in das Schema passen sollte, das man sich beim Blick \u00fcber die Mauer von diesen machte: einf\u00e4ltig und kulturlos ein wenig. Noch kommt sie nicht dahinter, was es ausmachte, dass diese Menschen das geworden sind, was sie zunehmend zu lieben beginnt, eher noch als Bewunderung zu bezeichnen, wie man im hier und jetzt angekommen sein kann, seine Autonomie bewahrt und alle herbeiphilosophierten Abgr\u00fcnde ins Reich der geld- und anerkennungss\u00fcchtigen Welt verweist, in denen eben \u00dcbermenschen nicht zu finden sein werden. \u00dcberhaupt den Begriff des \u00dcbermenschen wieder ins Bild zu r\u00fccken, ist schon ein gef\u00e4hrliches Unterfangen, aber dazu ist ein Roman lang, um solche Entwicklungen aufzeigen zu k\u00f6nnen, und wir wollen hier nicht verraten, wer mit dem Begriff der \u00dcbermenschen gemeint sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Im hier und jetzt sein k\u00f6nnen, seine Autonomie zu bewahren, authentisch sein und etwas f\u00fcr andere tun, das scheint die schlichte Lebensformel zu sein, auf die uns Juli Zeh aufmerksam machen m\u00f6chte. Nebenher f\u00e4llt auf, dass das in totalit\u00e4ren Regimen besser gelingt als in kraftlosen und die Orientierung erschwerenden sog. Demokratien, wobei diese Werte dann paradoxer Weise erst in diesen so recht zum Erbl\u00fchen kommen und hervorscheinen. Sollte das einen nicht mit Dankbarkeit zu beiden Varianten erf\u00fcllen? In der einen ern\u00e4hrt man sich und kann sogar Reichtum erlangen, in der anderen n\u00e4hrt es die Seelen, sie bilden sich unter Zw\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Du wurdest fast zu einer Gotin<br \/>\nDoch reicht es nur zur Himmelsbotin<br \/>\nUnd allverst\u00e4ndig Hundepfoten<br \/>\nLiegen auf Schultern, die nicht<br \/>\nauszuloten<\/p>\n<p><em>C.R. 23.8.2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberMenschen Wieder muss der unvergleichlichen Juli Zeh ein Roman aus der Feder geflossen sein \u201e\u00dcber Menschen\u201c. 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