{"id":3747,"date":"2021-05-29T09:08:55","date_gmt":"2021-05-29T07:08:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3747"},"modified":"2023-12-08T22:59:06","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:06","slug":"die-seele-brennt-mein-rathenow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3747","title":{"rendered":"Die Seele brennt \u2013 mein Rathenow"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Seele brennt \u2013 mein Rathenow<\/strong><\/p>\n<p>Nach 15 Jahren wieder mal ein Wiedersehen mit der Geburtsstadt der deutschen optischen Industrie \u2013 diesmal mit der Bahn und meinem Mich\u00e9l, der ja noch gar nicht geboren war, als ich das letzte Mal dort weilte. Alles noch sehr sauber und in Goldschnitt. Gleich am Bahnhof das Denkmal f\u00fcr Johann Heinrich August Duncker, der noch im achtzehnten Jahrhundert in Halle, wo die Realien damals schon eine Rolle gespielt hatten, Theologie und die Kunst des Glasschleifens studiert hatte \u2013 man bedenke, welche Kombination. Er erfand dann, zur\u00fcckgekehrt nach Rathenow, die Vielschleifmaschine, wo gleich mehrere Kalotten mit jeweils f\u00fcnf Glasrohlingen geschliffen werden konnten, die man im optischen Museum, wo wir die einzigen G\u00e4ste waren, bewundern kann.<\/p>\n<p>Dieses Museum der optischen Industrie befindet sich im Dachgeschoss des Kulturhauses \u201eJ. R. Becher\u201c, das das Motto tr\u00e4gt (ebenfalls in goldenen Lettern) \u201eWir erhoben uns \u2013 Gestalt zu sein\u201c. Dieser wohl unkonventionellste der DDR Minister hatte nur einen Makel, er war Junkie. Sein Erbe nun scheint st\u00e4rker zu sein als das Dunckers, denn wie uns Jugendliche offenbarten, ist Rathenow nun eine Stadt der Drogen, jedenfalls was die jungen Leute betrifft.<\/p>\n<p>Wenn ich bedenke, dass ich vor zwanzig Jahren von dieser Stadt so fasziniert war, dass ich am liebsten dort hingezogen w\u00e4re, macht es einen das Herz bluten, wenn ich daran denke, vor welcher unl\u00f6sbaren Aufgabe man da gestanden h\u00e4tte, denn so ein Problem l\u00f6sen Polizei und Streetworker nicht mehr. Da m\u00fcsste man schon beim Gro\u00dfen Kurf\u00fcrsten anfangen, dessen Denkmal auch noch gut in Schuss ist. Aber keiner wei\u00df mehr, wo man ihn hinstecken soll, genauso wenig wie die Jugendlichen w\u00fcssten, was es mit dem Schwedendamm wohl auf sich hat. Die Schweden w\u00e4ren im Zweiten Weltkrieg, der irgendwann um 1942 festgemacht wurde, an der Havel gestanden. Ach so, sagten sie auf meinen Hinweis, dass es wohl eher um den 30j\u00e4hrigen Krieg gegangen sei, der war doch auch in der Drehe.<\/p>\n<p>Man hat dort die Geschichte verlorengegeben und verlor die Jugend, auch wenn alles noch so aus dem Ei gepellt ist. Man mag gar nicht fragen, wie es da wohl um die Lehrerschaft stehen mag. Sicher ist dort der Lehrer auch schon der Depp, auf den keiner mehr h\u00f6rt, wie es uns aus dem Westen \u00fcberkommen ist. H\u00e4tte man je einen so gro\u00dfen Sinn stiften k\u00f6nnen, dass es die Jugend von den Drogen zur\u00fcckgehalten h\u00e4tte?<\/p>\n<p>Die Parteivorderen hatten damals \u00fcber die Eigenart Johannes R. Bechers hinweggesehen, nicht von den Drogen wegzukommen, und man kann sich vorstellen, dass es auch in der jungen DDR bei aller Aufbruchsstimmung f\u00fcr einen Sch\u00f6ngeist und Unkonventionellen schon Anlass gab, seinen Weltschmerz zu bet\u00e4uben. Jetzt folgt ihm eine ganze Generation nach.<\/p>\n<p><em>C.R. 28.5.2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Seele brennt \u2013 mein Rathenow Nach 15 Jahren wieder mal ein Wiedersehen mit der Geburtsstadt der deutschen optischen Industrie \u2013 diesmal mit der Bahn und meinem Mich\u00e9l, der ja noch gar nicht geboren war, als ich das letzte Mal&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3747\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-3747","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3747","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3747"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3747\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3748,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3747\/revisions\/3748"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3747"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3747"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3747"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}