{"id":3626,"date":"2021-02-13T19:11:58","date_gmt":"2021-02-13T17:11:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3626"},"modified":"2023-12-08T22:59:06","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:06","slug":"jensis-traum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3626","title":{"rendered":"Jensis Traum"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jensis Traum<\/strong><\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht genau, was Jensis Tr\u00e4ume sind, da es schon eine Weile her ist, dass ich etwas davon mitbekommen habe. Meistens war mein Vater der erste Adressat, und nur, weil ich ja immer um ihn war, habe ich die Entw\u00fcrfe der Mehrgenerationenh\u00e4user und die anderen Baupl\u00e4ne mitbekommen. Man soll ja seine Tr\u00e4ume m\u00f6glichst bis zum letzten Atemzug bewahren, weil sie das beste an einem sind und nicht mal unbedingt mitsterben, wenn es mal mit einem zu Ende geht. Mir hatte er eine Aufgabe zugedacht, die er vielleicht selbst w\u00fcrde besser erf\u00fcllen k\u00f6nnen, denn er ist mit der Feder gewandt, wie keiner der anderen meiner Geschwister, aber f\u00fcr die Skandale habe ich meistens gesorgt, und da es an diesen nicht gerade mangelt in unserer Familie, ergibt sich ein gewisses Spezialistentum bei mir.<\/p>\n<p>Nun bin ich zwar der Meinung, dass ich von Fall zu Fall in dieser Richtung auch wirklich etwas zuwege gebracht habe, aber das Problem des Schweigens besteht ja weiter, und es ist, als h\u00e4tte ich ein Gedicht zum besten gegeben und man k\u00f6nnte jetzt eine Stecknadel fallen h\u00f6ren, so still ist es. Es gibt da zwar einen regen Bundestag, der sich m\u00e4hlich voranarbeitet mit virtuellen Tagungen und dr\u00f6gen Protokollen, aber w\u00fcrde das jemanden interessieren, wenn ich nur eines davon auf meiner Homepage h\u00e4tte?<\/p>\n<p>Meine Erlebniswelt hat ja nun nach den hei\u00dfen Sommertagen, wo ich auch ein bisschen neben mir stand, einen gem\u00e4chlichen Verlauf genommen, wo ich meinen Geschwistern nur das eine oder andere kleine Werk liefern konnte, s\u00e4mtlich vom h\u00f6rbaren Fallen einer Stecknadel begleitet, eine gr\u00fcndliche Quittung f\u00fcr eine Reihe von Beitr\u00e4gen, in denen noch Platz f\u00fcr Tr\u00e4ume war, die ich mir unm\u00f6glich ausreden lassen konnte. Dennoch haften sie an der Realit\u00e4t und atmen ihren frischen Wind, der in die Dinge fahren k\u00f6nnte, wenn man es nur zulie\u00dfe.<\/p>\n<p>So wird jedem noch das Bild des Sonnenwagens bekannt sein, mit dem mein Vater nun wieder \u00fcber den strahlenden Winterhimmel t\u00e4glich f\u00e4hrt, ohne \u00fcbrigens im Schnee die geringste Spur zu hinterlassen. Zu seinen Lebzeiten hatte er dieses wichtige Instrument seiner best\u00e4ndigen Gegenwart unter meine Obhut gestellt, es war die letzte Unterschrift, die er geleistet hat. Ich investierte in sein Gef\u00e4hrt, aus Gr\u00fcnden, die den meisten noch gegenw\u00e4rtig sein d\u00fcrften, einen runden Tausender und sorgte daf\u00fcr, dass er immer vollgetankt ist.<\/p>\n<p>Die Jagd nach den Papieren und dem Erstschl\u00fcssel dauert nun bis heute an, und die damit verbundenen Auftritte meiner Geschwister, die auch schon in die Annalen eingegangen sind, wurden als reines Kunstprodukt geehrt. Letztlich zerschellten die \u00dcbergriffe am gl\u00fccklichen Zufall und am Mut meiner Verlobten.<\/p>\n<p>Nun will ich dem geneigten Leser, da wir noch einmal in das Reich der wundersamen Begebenheiten einsteigen wollen, die Begegnung mit Herrn Diepensee schildern, die die zweite war, ich zun\u00e4chst an den Warteschleifen des renommierten Mercedes Autohauses gescheitert war und nun vor einem jungen, beanzugten Mitarbeiter stand, der ob meiner Geschichte nur Bahnhof verstand, bis sich Herr Diepensee in das Gespr\u00e4ch mischte, den ich viel kleiner in Erinnerung hatte, und wohl auch unges\u00fcnder im Aussehen. Was nahm das Wunder, denn unsere erste Begegnung hatte am 27. Juli stattgefunden und lag nun so lange zur\u00fcck, wie eine Mantelpavianmutter braucht, um ein Junges zur Welt zu bringen. Wie sollte sich da nicht auch der Herr Diepensee zu seinem Vorteil ver\u00e4ndert haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich sah nun auch nicht gerade aus, wie der Dr. rer. nat. Rempel in meiner Polenchapka und der FP2 Maske vor dem Gesicht. Es reichte nicht, dass ich Maske und Hut kurz l\u00fcftete, ich musste schon mal den Ausweis mobilisieren. Mein Auftritt von damals muss irgendwie eindrucksvoll gewesen sein, er konnte sich noch an alle Einzelheiten des Vorgangs erinnern, wogegen mir nicht mal mehr klar war, weshalb ich das Mercedeshaus am 27.7. aufgesucht hatte, wusste nur, dass Herr Diepensee lange verschwunden war und ich den Eindruck hatte, dass, wenn ich noch l\u00e4nger warten w\u00fcrde, die Au\u00dfent\u00fcren vielleicht nicht mehr aufgehen w\u00fcrden. So hatte ich an diesem denkw\u00fcrdigen Tag den Erstschl\u00fcssel auf dem Tresen hinterlassen und war meiner Wege gegangen.<\/p>\n<p>\u201eSie haben ja die Vollmacht Ihres Vaters\u201c, riss mich Herr Diepensee aus meinen Gedanken, denen ich dann noch lange nachh\u00e4ngen konnte, weil er wieder durch die imposante Halle verschwand und mich lange allein lie\u00df. Diesmal hielt ich allerdings die gut zwanzig Minuten aus und betete im Stillen, dass alles gut werden w\u00fcrde. Endlich erschien er wieder, ohne jegliche Akte, sodass man sich fragen konnte, was er denn so lange gesucht hatte. Es folgte erst mal ein kleiner Vortrag. \u201eSie haben ja im Juni die Radmuttersicherungen gekauft und bezahlt und auch den dritten Schl\u00fcssel, der ja, obwohl die Frist verstrichen ist, immer noch bereitliegt.\u201c Er legte vor mich auf den Tresen den Erstschl\u00fcssel, aber der wurde zun\u00e4chst auch Gegenstand einer Besprechung, so dass ich ihn liegenlie\u00df, wo er war. \u201eZwei Tage nach Ihnen kam ja Ihre Schwester zu uns und hat sich nach der Lage der Dinge erkundigt. Sie hat den Weg nicht gescheut, und auch nicht die bei uns \u00fcblichen Wartezeiten. Da Sie aber den Schl\u00fcssel abgegeben haben und Sie ja auch die Vollmacht Ihres Vaters besitzen und zudem ja jetzt einer seiner Erben sind, steht Ihnen der Schl\u00fcssel nat\u00fcrlich zu. \u2026 Und, was den dritten Schl\u00fcssel betrifft, so k\u00f6nnte man wohl nur im Ausnahmefall einen Servicemitarbeiter nach Zeuthen schicken und die Programmierung vor Ort vornehmen lassen.\u201c <\/p>\n<p>Da wurde mir mit einem Schlage klar, dass der dritte Schl\u00fcssel der Grund gewesen war, weswegen ich im Juli vorigen Jahres das Autohaus aufgesucht hatte. Damals f\u00fchrte noch kein Weg herein. Lassen Sie uns noch einmal kurz im Reich der Phantasie sich umsehen:<\/p>\n<p>\u201eIch bin ja nicht mit dem Sonnenwagen hier, sondern mit einem Toyota, dessen Motto doch lautet: Nichts ist unm\u00f6glich!\u201c \u201eBedaure, Ihr \u00dcbertritt in das Reich der Phantasie beginnt mit einem Fauxpas, denn Sie kamen mit einem Mazda, dessen Motto ist: Platz da, ich \u2026\u201c \u201eIch wei\u00df, doch vielleicht ist ja Mercedes auch nichts unm\u00f6glich\u201c, unterbrach ich ihn da. Was h\u00e4tten Sie an meiner Stelle getan, lieber, geneigter Leser?<\/p>\n<p>Lassen wir doch unseren geliebten und verehrten Vater noch t\u00e4glich um sechs im Mercedes Autohaus vorstellig werden, dann nach angemessener Wartezeit von ca. 20 Minuten seinen eigenen Schl\u00fcssel entgegennehmen und seine Sonnenbahn ziehen. Sein Andenken wird jedenfalls gewahrt, auch wenn der Bundestag das f\u00fcr eine der Gewissenfragen h\u00e4lt, die nur jedem individuell obliegt und eben nicht einer zeitweilig entzweiten Gemeinschaft von Geschwistern. Alles, auch das, k\u00f6nnte ein Lernprozess sein.<\/p>\n<p><em>C.R. 13.2.2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jensis Traum Ich wei\u00df nicht genau, was Jensis Tr\u00e4ume sind, da es schon eine Weile her ist, dass ich etwas davon mitbekommen habe. 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