{"id":3606,"date":"2020-12-31T20:31:49","date_gmt":"2020-12-31T18:31:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3606"},"modified":"2023-12-08T22:59:06","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:06","slug":"raunaechte-iv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3606","title":{"rendered":"Raun\u00e4chte IV"},"content":{"rendered":"<p><strong>Raun\u00e4chte IV<\/strong><\/p>\n<p>Der LKW, mit dem wir an die Ostsee unterwegs waren, hatte das Institut f\u00fcr Molekularbiologie zu passieren, das ja im Norden Berlins liegt. Die Tore waren von den Ingenieuren eigentlich f\u00fcr das Passieren noch gr\u00f6\u00dferer Fahrzeuge geeignet konzipiert, aber manchmal nur eine kleine Nebenpforte ge\u00f6ffnet. Mit mir war ein Kommilitone, aber wir waren viel j\u00fcnger, Studenten noch, vielleicht. Er hatte nie durch gute Leistungen im Studium gegl\u00e4nzt, aber hatte ein ausgesprochenes praktisches Verst\u00e4ndnis, sodass er manchmal den Aufpassern sogar Ratschl\u00e4ge geben konnte, wie die nie passierten Tore zu \u00f6ffnen seien. Ich nat\u00fcrlich auch, denn am Rautag vorher war ich doch noch Dachdecker gewesen, wobei ich von meiner H\u00f6henangst abgesehen hatte. Au\u00dferdem begleitete uns Marcel Poferl, der durch eine illegale Handlung in meinem Jahresbewusstsein h\u00e4ngen geblieben war. Wenn man aber davon absieht, zu seinem eigenen Leidwesen immer etwas unter zu panischen Vorstellungen litt. Wir hatten einiges an Zeltsachen hinterherzubringen, was den LKW erkl\u00e4rt, es war Donnerstag, denn mein Bruder Achim war schon mit Frau und Enkeln dort oben, schon seit Sonntag, und w\u00fcrde uns bestimmt schon so sonnengebr\u00e4unt begegnen, als w\u00e4re es eine Fehlleistung von uns, erst gegen Ende der Woche zu kommen. Marcel sollte morgen Nachmittag wieder zur\u00fcck sein in Waltersdorf und es war nur ein Gefallen, den er unserer Familie tat mitanzupacken, denn er war nicht nur panisch und eben ein bisschen kleinkriminell, sondern auch hilfsbereit.<\/p>\n<p>Als wir ankamen und Marcel wohl zum ersten Mal die Ostsee gesehen hatte, suchten wir mehrere Zeltpl\u00e4tze ab, wo wir die \u00fcberlegenen Vorausgereisten wohl finden k\u00f6nnten. Dabei hatten wir Gr\u00fcnde gehabt, dass wir erst jetzt kamen, die famili\u00e4rer Natur waren, denn ich hatte meinem Vater noch ein kleines Werk zu pr\u00e4sentieren, immer ein Highlight in unserer nicht immer unbeschwerten Beziehung, und es hatte nichts Zweitrangiges sein d\u00fcrfen, denn er hatte einen ausgepr\u00e4gten literarischen Geschmack, wie auch Frau Dr. Wilke, der wir nun begegneten, und zwar in einem Ferienhaus im inzwischen mond\u00e4nen Ahrenshop. Das war auch der Grund, warum wir die Vorausreisenden auf den Zeltpl\u00e4tzen nicht gefunden hatten, weil sie in eben diesem Ferienhaus Quartier bezogen hatten, da sie diese Unvergleichliche ja kennengelernt hatten, einerseits durch die Adressliste, die ich gedankenlos an meine Geschwister komplett weitergegeben hatte und andererseits durch die wohl philosophischste Beleidskarte, denn mein Vater war nach meiner Verlesung auch der Werke, die ich erst nach seinem Tod verfasst hatte, mit den Worten: \u201eChristian, Du hast meine Geduld nun genug strapaziert\u201c, entschlafen. Frau Wilke erholte sich in einem Ehebett, das in einem Schlafraum in der unteren Etage stand, und die andern, die sie kaum kannten, hatten ihr schon ein Geschenk gemacht, eine einigerma\u00dfen st\u00f6rrische Strandunterlage, die sie sich ins Bett legen sollte, wozu sie mich um ein Haar auch beordert h\u00e4tte, aus reiner Dankbarkeit, aber wir einigten uns darauf, sie auf die andere Betth\u00e4lfte zu legen, die einst ihrem Manne vorbehalten gewesen ist und jetzt schon seit Jahren nutzlos war.<\/p>\n<p>Nicht dass ich meinem \u00e4ltesten Bruder \u00fcberhaupt begegnet w\u00e4re in diesem Traum, doch wenn ist das hinzudichte, so hat er wohl gesagt: \u201eJetzt kommt ihr nun erst mit den Sachen.\u201c Ich darauf: \u201eEs ging nicht schneller, Du wei\u00dft, der Tod unseres Vaters ist dazwischengekommen, da war noch einiges zu erledigen.\u201c Da h\u00e4tte er mich beinahe aus dem Traum gehauen, indem er sagte, dass das alles doch eine Sache von einem halben Jahr gewesen ist und wir doch jetzt Winter h\u00e4tten, wenn ich erst jetzt darauf k\u00e4me, k\u00f6nnten wir folglich gar nicht im Sommerurlaub an der Ostsee sein, ob ich denn so verr\u00fcckt sei, dass ich dieser simplen Logoik nicht folgen k\u00f6nne. Im \u00dcbrigen sei jetzt eben Sommer und nicht die Zeit der Tr\u00e4ume. Aber in Wirklichkeit ist er mir im Traum eben gar nicht begegnet. <\/p>\n<p>Die untere Etage war stilvoll eingerichtet, mit einem gro\u00dfen Essensaal, und es war schon f\u00fcr die Getr\u00e4nke gedeckt. Da begann mich Marcel schon zu nerven, wie er denn bis morgen wieder nach Hause kommen solle. Das sei kein Problem, er m\u00fcsse nur erst nach Prenzlau kommen, zur Not mit dem Bus (wobei mir klar war, dass der Bus eigentlich zu teuer gewesen w\u00e4re f\u00fcr ihn, aber in Anbetracht seiner Schulden bei mir, wollte ich ihm auch nichts borgen). Er war noch der einzige am Tisch, die Kinder waren in der K\u00fcche zugange, und die Frauen wohl auch. Marcel hatte immerhin schon zwei Bierb\u00e4mbel vor sich, die er aber unber\u00fchrt lie\u00df. Schlie\u00dflich verschwand auch er, und ich war in dem kleinen Saal ganz allein. Es \u00fcberkam mich ein gro\u00dfer Durst und ich erwog, die verlassenen Biere auszutrinken, aber mir war eher nach was Antialkoholischem. Ich ging in die K\u00fcche zu den Frauen und Enkelkindern meines Bruders und sah neben einem Gestell eine Reihe Glasflaschen mit angeschlagenen Glasknaufverschl\u00fcssen stehen. Versehentlich stie\u00df ich eine um, die zwar nicht entzwei ging, aber weitere Splitter sich von den Kn\u00e4ufen l\u00f6sten. Das brachte mir eine R\u00fcge der Frauen wegen der barfu\u00df herumlaufenden Enkel ein und lie\u00df sich auf dem feuchten Fliesenboden auch nicht so leicht durch Fegen beseitigen. Nun war eben auch Wasserknappheit in dem Urlaubsort, aber alle hatten sich genug Vorr\u00e4te angelegt, sodass ich schlie\u00dflich doch einen gef\u00fcllten Wischeimer besorgen konnte. Die eine der Frauen, die sich jetzt als meine Vorgesetzte darstellte, hatte auch einen feuchten Lappen, aber wischte nicht den besplitterten Boden, sondern Tatschabdr\u00fccke der Kinder von der Fliesenwand. Das k\u00f6nne ich auch, sagte ich mir, und wischte ebenfalls zun\u00e4chst eine der W\u00e4nde ab, bevor ich dann den Boden endg\u00fcltig von den Splittern befreite, und als ich damit fertig war, waren au\u00dfer Frau Wilke alle in der unteren Etage verschwunden. Keiner hatte sich um die halbgedeckten Tische im Saal gek\u00fcmmert und Marcels beide Biere standen immer noch verwaist da.<\/p>\n<p>Ich ging der Sache nach, stieg eine Leiter auf den Spitzboden herauf, und da sa\u00dfen sie alle beim Essen und hatten nicht M\u00fche gescheut, alles an diesen unkomfortableren Ort geschafft zu haben und nichts davon verlauten zu lassen. <\/p>\n<p>Ich lie\u00df es wortlos dabei bewenden und machte mich auf eine kleine Wanderschaft durch den Ort, der sich inzwischen herausgemacht hatte vom Katendorf zu einer Art Binz. Erst jetzt bemerkte ich \u00fcberall die Vorratsbeh\u00e4lter wegen der S\u00fc\u00dfwasserknappheit. Ein Mann beklagte mir gegen\u00fcber den Umstand, dass, wenn man auch nur einen halben Quadratmeter Rasen anlegen wolle, man einen f\u00f6rmlichen Antrag w\u00fcrde stellen m\u00fcssen, ein Verfahren, der jedem Deutschen im Grunde klar ist, sonst m\u00fcsse man eben auswandern.<\/p>\n<p>Dem Traum ist es auch geschuldet, dass ich schlie\u00dflich, Marcel werden die anderen schon zu seiner p\u00fcnktlichen R\u00fcckkunft verholfen haben, wieder an dem Institut f\u00fcr Molekularbiologie anlangte, das sich mal eben jetzt dort oben befand. Sie hatten zwar nichts bez\u00fcglich des Coronavirus herausgefunden, obwohl sie \u00fcber einen Labortrakt verf\u00fcgen, den man nur durch Tauchen erreichen konnte, wegen der gef\u00e4hrlichen Viren, mit denen sie umgingen, die Sicherheitsbedingungen hatten sie aber weitgehend verinnerlicht. Dort war sogar eine kulturelle Veranstaltung avisiert, zuvor m\u00fcsse man sich aber am Buffet bedienen, das sehr reichhaltig war, aber nur mit Maske und Abstand zu genie\u00dfen war. Das nahm ich gern in Kauf, denn zu meinem Durst hatte sich nun auch Hunger gesellt. Die Ausstellung, die man im Anschluss genie\u00dfen k\u00f6nne, waren animierte Stadtansichten und das Autorenpaar kam mir bekannt vor. Die T\u00f6chter der K\u00fcnstlerin hatten sich mir gegen\u00fcber schon etwas absch\u00e4tzig \u00fcber Zeichentrick ge\u00e4u\u00dfert, der in die nicht gerade sensationellen Ansichten reingeschummelt worden war. Was ich dann allerdings sah, \u00fcberw\u00e4ltigte mich. Die gestochen scharfen Fotos von Baustellen und fertigen Stra\u00dfenz\u00fcgen, die die Gr\u00f6\u00dfe von Werbeplakatw\u00e4nden hatten, also \u00fcbermannshoch und breit waren, erwachten mit einem Mal zum Leben. Aus einem winzigen Punkt entwickelte sich ein respektables Michelinm\u00e4nnchen, das zur Kranh\u00f6he anwuchs, die Kr\u00e4ne aber nicht anr\u00fchrte, die es mit Leichtigkeit h\u00e4tte umschubsen k\u00f6nnen, sondern sich nach Affenart auf Brust und Schenkel schlug, und \u00e4hnliche beeindruckende Animationen, die wirklich echt wirkten.<br \/>\nDer Partner zeigte mir dann auch die Technik des Zauberwerkes, die ebenfalls in einem LKW (man k\u00f6nnte diesen Rautraum auch als LKW Traum bezeichnen) bestand, der neben turmartigen Spiegelscannern auch einen riesigen Beamer trug, wie ich einen noch nie zuvor gesehen hatte. So ein Aufwand f\u00fcr eine schwach besuchte Ausstellung, aber es kam ja mit einem Mal auf Millionen, was sage ich, Milliarden und Billionen, nicht mehr an, denn es vollendete sich das vollendete Krisenjahr 2020. <\/p>\n<p><em>C.R. 31.12.2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Raun\u00e4chte IV Der LKW, mit dem wir an die Ostsee unterwegs waren, hatte das Institut f\u00fcr Molekularbiologie zu passieren, das ja im Norden Berlins liegt. 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