{"id":3602,"date":"2020-12-31T22:25:35","date_gmt":"2020-12-31T20:25:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3602"},"modified":"2023-12-08T22:59:06","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:06","slug":"mein-jahresrueckblick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3602","title":{"rendered":"Mein Jahresr\u00fcckblick"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mein Jahresr\u00fcckblick<\/strong><\/p>\n<p>Ich sp\u00fcre sie noch, die Haptik der Zuckerdose, die ich t\u00e4glich zum Tee auf das Tablett f\u00fcr meinen Vater stellte, obwohl ihm auch immer mehr Pflege durch die Dienste und meine Geschwister zugutekam. Ich h\u00f6re noch das Gel\u00e4ute der Hausklingel, wenn er es wieder mal nicht aufs WC geschafft hatte. Mit jedem Sturz ein St\u00fcck weiter weg vom Leben, jedesmal ein Bruch, erst ins Pflegebett, als der Sessel noch sein bevorzugter Aufenthaltsort war, dann daraus nicht mehr erhoben, dann ein bisschen verr\u00fcckt, dass ich gewahrte, dies sei mein Erbteil von ihm, dann sehr friedlich eingeschlafen. Nicht lange zur\u00fcck hatten wir beide noch herzhafte Streitszenen, zum Beispiel um die Dotationen f\u00fcr mich, zu denen er sich am 11. Januar hatte bewegen lassen, wo er noch zu Kopf der reichen Kinderschar sa\u00df, die seit fast 15 Jahren schon ihre Mutter verloren hatte.<br \/>\nNicht jeder Wunsch wurde ihm erf\u00fcllt. Das Rezept f\u00fcr einen zweiten Rollator lagerte ich ab, bis es sich damit erledigt hatte. Immer, als es auf das dennoch unerwartete Ende zuging, mehrten sich auch die Vorschl\u00e4ge meiner Geschwister, die sich dann im Nachgang als rechte Politiker entpuppten, wegen einer der St\u00fcrze sollte er gleich ins Krankenhaus, Pflegestufen waren zu erh\u00f6hen, eine permanente Kraft sollte her, nach dem Motto 24\/7, was Insider sofort verstehen. Und schlie\u00dflich wurde sie in Irina gefunden, die sich anschickte ein Wunder zu tun und unserem Vater die Lebenskraft zur\u00fcckzuzaubern. Doch das Verfahren, sie zu uns zu holen, zog sich hin und besch\u00e4ftigte mich so viele Wochen, dass im kleinen Bundestag schon wieder viele Eilantr\u00e4ge eingebracht waren. Dabei handelte es sich wohl um einen nat\u00fcrlichen Vorgang, dem man vielleicht mit Irinas Wundermitteln h\u00e4tte beikommen k\u00f6nnen, jedoch nicht mit einer Betriebsamkeit, die der W\u00fcrde des unvermeidlichen Vorgangs ein bisschen im Wege zu stehen drohte.<br \/>\nAm Vortage, als die von uns beiden bef\u00fcrwortete Aktion nun endlich steigen sollte und unter erheblichen Aufwendungen meinerseits, hatte unser Vater dann doch die Augen f\u00fcr immer geschlossen, woraufhin ein vern\u00fcnftig und b\u00fcndig denkender kleiner Bundestag jetzt alles weitere abzublasen f\u00fcr richtig hielt. Da ging ich meine eigenen Wege und h\u00e4tte es f\u00fcr vertretbar gehalten, dass man durchaus ein paar Wochen ins Land gehen l\u00e4sst, vielleicht eben auch mal die reifen Kirschen in Vaters Garten erntet und seiner gedenkt. Ich f\u00fcr meinen Teil hatte eine betr\u00e4chtliche Summe gegen ein einzigartiges Erlebnis getauscht, das mir ebenso rasch zuteilwurde, und im \u00dcbrigen hat wohl jeder der Abgeordneten darauf seine eigene Sicht, der ich nicht vorgreifen m\u00f6chte, nur dass mir faktisch das Leben zu einer Vorh\u00f6lle gemacht werden sollte, dessen Ursache ein Mediziner daran festmachte, dass ich selbst zur Ursache eines, wenn auch gar nicht gerechtfertigten schlechten kollektiven Gewissens geworden war. Ich war auch ein bisschen von meiner Krankheit betroffen, die mich emotionale Ersch\u00fctterungen nur bedingt meistern l\u00e4sst und ich habe viel geschrieben, f\u00fcr eine anonyme Leserschaft, zu der erstmalig dann auch meine Geschwister geh\u00f6rt hatten, denn das waren nun keine Festgedichte geradezu. Klarstellen muss ich da nur, dass ich meine Initiale nicht in Ulis Vornamen geschummelt hatte, was sie bass unterstellte und alles, was ich dann mal ans Amtsgericht geschrieben hatte, wohl\u00fcberlegt und die reinste Wahrheit ist. Das Mittel der Erfindung wei\u00df ich schon anzuwenden, wenn es einer zu erwartenden Einsicht dienen k\u00f6nnte, aber vor Gericht gilt nur die reinste, unerfundene Wahrheit.<br \/>\nAn den dann folgenden Regelungen, die in Debatten erarbeitet werden sollten und dann in Schriftst\u00fccke, die sich Protokolle nennen, gekleidet wurden, habe ich mich nicht mehr beteiligt, denn ich war erst mal der Meinung, ich h\u00e4tte genug getan und so sensationell sind sie ja dann auch nicht ausgefallen, au\u00dfer vielleicht der kriminalistischen Jagd auf ein paar Habseligkeiten, wie das H\u00f6rger\u00e4t oder einen zweiten Autoschl\u00fcssel, bez\u00fcglich dessen ich mich schon am 14. September gegen\u00fcber meiner antwortkargen Schwester erkl\u00e4rt hatte. Fakt ist auch, dass alle die Erbschaft angenommen haben, wobei nach dem Mentalen nicht gefragt wurde.<br \/>\nAls ich nun der verhinderten Wundert\u00e4terin von der letzten Aktion des kleinen Bundestags berichtete, bei der es geboten schien, sie nun erst recht ins Gewand der Metapher zu kleiden, antwortete sie: Nje derschitje sla na swoich bliskich, was ich mir nat\u00fcrlich sofort zu Herzen genommen habe und mich zu dieser Geschichte, die Kunst sein k\u00f6nnte und ich Horst zu verdanken habe, trug.<br \/>\nNat\u00fcrlich h\u00e4tte ich noch ein paar Frischverlobtgeschichten, oder noch schlimmer, OBus oder Magic Ball Geschichten zu bieten, aber das ist wohl eher der normale Lauf der Welt, wie die Erbengeschichte im kleinen Bundestag sicher auch, aber wem liegt das schon am Herzen. Drum zitiere ich zu guter Letzt noch F. Wittkamp, der es k\u00fcrzer wei\u00df:<\/p>\n<p>Das Alte Jahr ist schon sehr alt<br \/>\nDas Alte Jahr nimmt seinen Hut<br \/>\nDas Alte Jahr verschwindet halt<br \/>\nIm neuen Jahr wird alles gut<br \/>\nfrei nach FW<\/p>\n<p><em>C. R. Silvestertag 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Jahresr\u00fcckblick Ich sp\u00fcre sie noch, die Haptik der Zuckerdose, die ich t\u00e4glich zum Tee auf das Tablett f\u00fcr meinen Vater stellte, obwohl ihm auch immer mehr Pflege durch die Dienste und meine Geschwister zugutekam. 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