{"id":3600,"date":"2020-12-30T23:47:07","date_gmt":"2020-12-30T21:47:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3600"},"modified":"2023-12-08T22:59:06","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:06","slug":"rautag-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3600","title":{"rendered":"Rautag III"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rautag III<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDer Morgen gr\u00fc\u00dft, es ruft die Pflicht<br \/>\nso lang wird sie nicht rufen m\u00fcssen<br \/>\ndenn lange schlafen tun sie nicht<br \/>\nsind doch immer dienstbeflissen\u201c<\/p>\n<p>Die Geschwister sind alle was geworden, eine Immobilienmaklerin, ein Mathematikprofessor, ein erfolgreicher und scheinbar kaltbl\u00fctiger Banker, ein Baul\u00f6we, ein Pfarrer und was sie nicht alle waren.<\/p>\n<p>Nur der j\u00fcngste war das Sorgenkind seines Vaters. Der Vater hatte sich schon vor Jahren von der Mutter dieser zahlreichen Kinder getrennt, weil sie im Grunde eine Trinkerin war, auch wenn man es ihr kaum anmerkte, in der N\u00e4he der Familie aber schlecht zu verbergen gewesen war. Alle Kinder waren beim Vater verblieben, der sich alsbald eine andere Frau gesucht hatte, hatten es dem Anschein nach gut bei ihm. Nur der j\u00fcngste eben konnte die Sehnsucht nach seiner Mutter nicht bemeistern und schrieb ihr eine Postkarte, die er aber nicht einstecken konnte, weil er an den Briefkastenschlitz nicht heranreichte. Da bat er einen seiner gr\u00f6\u00dferen Br\u00fcder darum, der aber die Karte zun\u00e4chst las und aus seinem Herzen keine M\u00f6rdergrube machte, sondern den Inhalt seinem Vater \u00fcberbrachte, der darin ein Zeichen der Illoyalit\u00e4t sah, sich aber nicht weiter darum scherte. Da waren sie noch Kinder gewesen, jetzt hatten alle schon ihre eigenen H\u00e4user und Ehegesponse.<\/p>\n<p>Das Ma\u00df war f\u00fcr den Vater erst dann voll, als der j\u00fcngste angab, Dachdecker werden zu wollen, also weder Banker, Rechtsanwalt noch Mathematikprofessor. Diese Ansicht wurde auch von den Geschwistern geteilt, die keinen Prek\u00e4ren in ihrem Stammbaum haben wollten. Daher lockerte sich nicht nur das Verh\u00e4ltnis des j\u00fcngsten zum Vater, sondern auch zu seinen Geschwistern.<\/p>\n<p>So vergingen die Jahre und den Geschwistern wurde es fast langweilig in ihrem erfolgreichen und beschaulichen Leben, und bald trieb es nur noch den alten Vater um, dass er von seinem j\u00fcngsten so gar nichts mehr h\u00f6re. Dieser hatte inzwischen nicht nur die Lehre beendet, sondern war sogar Dachdeckermeister geworden. Nat\u00fcrlich reichte das noch lange nicht an die Erfolge der Geschwister heran, aber wer es h\u00f6ren wollte, dem schw\u00e4rmte der j\u00fcngste gern vor, wie sch\u00f6n es ist, in den zwar gef\u00e4hrlichen aber freien luftigen H\u00f6hen auf die Stra\u00dfen und anderen D\u00e4cher der Stadt zu schauen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich hatte sich doch noch ein, wenn auch einseitiger Kontakt zwischen dem Vater und dem j\u00fcngsten Sohn ergeben, denn der j\u00fcngste schrieb zuweilen Briefe an den Vater, \u00fcber die sich dieser insgeheim freute, die er aber nie beantwortete. Einmal sagte er sogar zu seiner einzigen Tochter: \u201eSchaff mir den Josef her, ich will ihm nun endlich verzeihen.\u201c Wie aber sollte das die Tochter k\u00f6nnen? Sie hatten, dem Vorbild des Vaters folgend, jeglichen Kontakt abgebrochen, und sich von luftigen H\u00f6hen und Fastabst\u00fcrzen berichten zu lassen, danach hatte keinem der Geschwister der Sinn gestanden. Irgendwie ging diese Situation dann auch einfach vor\u00fcber.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wusste auch der j\u00fcngste nicht mehr viel von seinen Geschwistern und ebensowenig vom schweigenden Vater. Da nun Weihnachten heran war, war es auch Zeit, wieder mal Bericht zu geben von sich selbst und dem Vater gute W\u00fcnsche zu senden. Inzwischen war die H\u00f6he des Briefkastenschlitzes f\u00fcr ihn ja keine H\u00fcrde mehr, er h\u00e4tte auch in 40 m H\u00f6he sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dieser Brief aber kam in einem Totenhaus an, denn der Vater war vor kurzem eines schnellen Todes gestorben. Die Geschwister hatten sich versammelt und wurden Zeugen seiner letzten Momente, die der Vater so, wie er es am besten konnte, schweigend verstreichen lie\u00df. Alle glaubten sich dem Toten am n\u00e4chsten, wenn sie auch schwiegen und brachten die Tage bis zur Beisetzung im Vaterhaus zu. An einem dieser Tage kam auch der Brief, den sie nun berechtigt waren, selbst allen anderen vorzulesen. Was war da die Rede von einer schwierigen Kirchendeckung mit Schwalbenschw\u00e4nzen, mit gefundenen Schwalbennestern und roh behauenen Balken. Nur ganz zum Schluss dann ein paar hingeworfene W\u00fcnsche f\u00fcr die Zukunft und das Wohlbefinden des Vaters.<\/p>\n<p>\u201eDas also ist es, was er f\u00fcr mitteilenswert h\u00e4lt, lauter Banalit\u00e4ten\u201c, sagten sie da und f\u00fchlten sich best\u00e4rkt in der Ungeheuerlichkeit, den j\u00fcngsten nicht in Kenntnis zu setzen, dass sein Vater gestorben war.<\/p>\n<p>Zu guter Letzt zogen sie alle mit dem Sarg durch die Stra\u00dfen der Stadt, den Vater zur letzten Ruhe zu betten. Der Ahnunglose auf seinem halbfertigen Kirchendach gewahrte den Trauerzug und sah als erste hinter dem Sarg die schwarz gekleidete einzige Schwester, dahinter die vollz\u00e4hligen Br\u00fcder, und um ein Haar w\u00e4re dem j\u00fcngsten der Kuhfu\u00df aus der Hand gefallen, den er gerade ansetzen wollte, einen rostigen, geschmiedeten Nagel herauszuziehen. Das konnte nur der Trauerzug f\u00fcr seinen Vater sein!<\/p>\n<p>Die einen sagen, die zahlreiche Familie ist daran zerbrochen, in einen verschwindend kleinen Teil, den j\u00fcngsten, und die Majorit\u00e4t, und dass beide Teile nie wieder ein Wort miteinander gesprochen h\u00e4tten. <\/p>\n<p>Die anderen sagen, dass die Schwester, die die treibende Kraft der Aktion gewesen war, sehr sehr lange in Schwarz ging, erst um den Vater und dann um den verlorenen kleinen Bruder.<\/p>\n<p><em>C.R. 30.12.2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rautag III \u201eDer Morgen gr\u00fc\u00dft, es ruft die Pflicht so lang wird sie nicht rufen m\u00fcssen denn lange schlafen tun sie nicht sind doch immer dienstbeflissen\u201c Die Geschwister sind alle was geworden, eine Immobilienmaklerin, ein Mathematikprofessor, ein erfolgreicher und scheinbar&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3600\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,12],"tags":[],"class_list":["post-3600","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3600","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3600"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3600\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3601,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3600\/revisions\/3601"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3600"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3600"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3600"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}