{"id":329,"date":"2011-09-04T11:01:15","date_gmt":"2011-09-04T09:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=329"},"modified":"2023-12-08T23:01:05","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:05","slug":"im-sog-einer-kampagne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/329","title":{"rendered":"Im Sog einer Kampagne"},"content":{"rendered":"<p>\u201eDu hast zwar nicht viel Mitleid mit mir, aber ich leide wirklich erstaunlich.&#8220; HvK<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>C.R.\t2. September 2011<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt zwei M\u00f6glichkeiten, dass man Kleist mag: man m\u00f6chte mit k\u00fcnstlerischen Mitteln al\u00adles anders machen oder gemacht sehen als die Klassiker, ohne ein Romantiker werden zu m\u00fcs\u00adsen, oder man ist weiblichen Geschlechts und ist f\u00fcr seine wunderbaren Briefe entflammt, denn Kleists eigentliche, sperrigen Werke sind nicht f\u00fcrs sch\u00f6ne Geschlecht gedacht, sondern f\u00fcr M\u00e4n\u00adner gemacht, wobei er allerdings \u201eGewalt \u00fcber das Gem\u00fct der Zuschauer zu gewinnen versucht, die verschreckt\u201c (ein ideales Instrument also heutiger Kunstmacherei). Ein Kriegstreiber \u2013 urteil\u00adte Peter Hacks, und Jens Bisky, der Sohn eines bekannten Politikers, w\u00e4hlt eine dritte M\u00f6glich\u00adkeit, die wir oben verga\u00dfen und schreibt sich ins bundesdeutsche Feuilleton, wo er es inzwischen bei einer renommierten Zeitung zum leitenden Redakteur gebracht hat. Sein Werk \u201eKleist \u2013 eine Biographie\u201c ist eins von ungef\u00e4hr vier, die sich vom Sprungbrett des 200. Jahres\u00adtages des Selbst\u00admords Kleists zu Nachruhm aufgeschwungen.<!--more--><br \/>\nWir h\u00e4tten auf diese Kampagne um diesen Kindmann und Dichter wohl noch Jahre warten m\u00fcs\u00adsen oder h\u00e4tten sie gar nicht mehr erlebt, h\u00e4tte er nicht selbst mit dieser Z\u00e4sur seinem und Henriette Vogels Leben dieses Datum, den 21.11.1811, aufgepr\u00e4gt. Zog sich doch fast durch sein ganzes Leben das Motto, dass dies Leben nur etwas wert sei, wenn man es verachte, und  wenn uns der blutjunge Erfolgsautor und Kleistpreistr\u00e4ger Daniel Kehlmann nicht gesagt h\u00e4tte, HvK sei der Dichter un\u00adse\u00adres Zwangs, w\u00fcrden wir ihn vielleicht abtun wie Zeitgenosse Goethe, der beim \u201erein\u00adsten Vor\u00adsatz einer aufrichtigen Teilnahme, immer Schauder und Abscheu (emp\u00adfand, wie bei einem) von der Natur sch\u00f6n intentionierten K\u00f6rper, der von einer unheilbaren Krank\u00adheit ergriffen w\u00e4re.\u201c Mit Krankheit stand Goethe auf Kriegsfu\u00df.<br \/>\nBei Bisky taucht Henriette Vogel am 20. November auf und ist am 21. tot. Eine andere wich\u00adtige Geliebte, Marie von Kleist, f\u00fchrt in der Biographie ein Schattendasein, dabei ist sie doch ein so wichtiger Spiegel, wie HvK eben auf Frauen wirkte. So schreibt sie: \u201eEine Poesie wie die in seinen Briefen hat noch nie \u00e9xistirt, so wie nie eine solche Art Liebe, gesch\u00f6pft aus allen Dich\u00adtern und Dichtungen der Vorwelt.\u201c Die sechzehn Jahre \u00e4ltere Marie, die mit einem entfernteren Verwandten Kleists verheiratet war, war eine Hofdame der K\u00f6nigin Luise und nach Kr\u00e4ften HvK`s  M\u00e4zenin, so dass sie sogar eine Pension f\u00fcr Kleist durch die Monarchin vort\u00e4uschte, die sie aus eigenen Mitteln bestritt. Zum fraglichen Datum des Selbstmords war sie allerdings er\u00adkrankt, nach\u00addem wohl einige nicht zu ihrem 50. Geburtstag gratuliert hatten. Vielleicht war HvK auch unter den S\u00e4umigen, aber in der letzten Nacht mit Henriette Vogel fand er noch pragma\u00adti\u00adsche Worte f\u00fcr die Wahl der Mittodeskandidatin an Marie: \u201eKann es Dich tr\u00f6sten, wenn ich Dir sage, dass ich diese Freundin niemals gegen Dich vertauscht haben w\u00fcrde, wenn sie weiter nichts gewollt h\u00e4tte, als mit mir leben?\u201c HvK hat diese Gedanken nicht nur gedacht und heimlich zu Pa\u00adpier ge\u00adbracht, sondern Henriette auch mehrfach auf die Nase gebunden. Sie ertrug das und ging hei\u00adter mit ihm in den Tod. Man musste als Freundin schon mit ihm sterben wollen. Das hatte Ma\u00adrie abge\u00adlehnt, und, verehrte Damen, w\u00fcrden Sie es nicht auch ablehnen? Immerhin ist das faszi\u00adnie\u00ad\u00adrend. So schrieb die einzige AutorIn, die ich zu HvK kenne, Tanja Langer, gleich ein ganzes Buch \u00fcber die letzte Nacht der beiden, bei der es an hartem Sex freilich fehlen musste, denn die \u00c4rmste und vielleicht auch er waren dazu gar nicht f\u00e4hig. Wenn man will, kann man im langwei\u00adli\u00adgen Teil des Biskyelaborats auch alle unappetitlichen Details der Obduktion der Leichen nach\u00adle\u00adsen.<br \/>\nEigentlich aber k\u00f6nnen wir das Buch gar nicht mehr empfehlen, wo es zur Beschreibung der ungef\u00e4hr acht Dramen, die eigentlich s\u00e4mtlich unspielbar sind, in aller Ausf\u00fchrlichkeit kommt, was etwa die H\u00e4lfte der Biographie ausmacht. Auch die Lebensumst\u00e4nde HvK`s in dieser Zeit tun diesem umstrittenen Dichter eher Abbruch, als dass sie zu unterhalten verm\u00f6gen. Ist man nicht auf umfassende Bildung aus, kann man das Buch, von dem man am Anfang immer wieder ausrufen m\u00f6chte: Ein Meisterwerk, ein Meisterwerk!, getrost auf der H\u00e4lfte zu Seite legen. HvK hatte ja den Schiller vor der Nase, der die Geschichte durchforstet hatte nach Dramatisierbarem und Kleist nur noch die Brosamen \u00fcbriglie\u00df. Goethe hatte es der Antike gleichgetan und auch ihn nachzu\u00adahmen mit Amphytrion oder Pentesilea, konnte nur misslingen. Mit seinen Aufrufen zum totalen Krieg, die Hacks verstimmt haben, versucht er es in der Herrmannschlacht, konnte damit nat\u00fcrlich bei Wagner oder den Nazis re\u00fcssieren, aber heute brauchen wir solche dichterische Mu\u00adni\u00adtion gerade nicht. Selbst dem kultivierten und vielleicht etwas feigen Monarchen Wilhelm III. konn\u00adten wohl Verse nicht gefallen, wie:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alle Pl\u00e4tze, Trift und St\u00e4tten<br \/>\nF\u00e4rbt mit ihren Knochen wei\u00df<br \/>\nWelche Rab`und Fuchs verschm\u00e4hen<br \/>\nGebet sie den Fischen preis<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>D\u00e4mmt den Rhein mit ihren Leichen<br \/>\nLass gest\u00e4uft von ihrem Bein<br \/>\nSch\u00e4umend um die Pfalz ihn weichen<br \/>\nUnd ihn dann die Grenze sein!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das hielt selbst der K\u00f6nig f\u00fcr \u00fcberzogene psychologische Kriegf\u00fchrung, der es sich nicht so ganz mit den Franzosen verderben wollte. Dichterisch ist das allerdings beachtlich, wenn die kunstgerechte Me\u00adtapher hier auch auf Vernichtungsfeldzug geschickt wird.<br \/>\nWarum nun riefen wir zun\u00e4chst immer wieder: Ein Meisterwerk!? Das sind zweihundert Sei\u00adten der suchende, der zweifelnde, der auf seine Art liebende Kleist. Da finden wir die Komik, die wir in seinem Werk vergeblich suchen und die uns doch so nah und unterhaltsam ist. Da wird unser Feuilletonist, der mit Kleist eine fr\u00fche Offizierslaufbahn und den fr\u00fchen Abschied davon gemeinsam hat, selbst zu einem r\u00fchrenden Schw\u00e4rmer, ja beide sind kaum zu unterscheiden. Es ist fast egal, wer den ersten gro\u00ad\u00dfen Satz des Buches gesagt hat, Autor oder Protagonist: \u201eIndem die Seelen sich vom Ger\u00e4usch der Welt entfernen, tausend Gestalten der Dinge unger\u00fchrt vor\u00ad\u00fcber\u00adgehen lassen, um von Voll\u00adkom\u00admenheit zu tr\u00e4umen, tun sie den ersten Schritt zur \u00dcberwin\u00addung der Einsamkeit.\u201c Das ist doch, was unsere junge Generation als coolness entdeckt hat, My\u00adriaden von Bildern auf sich einstr\u00f6men zu lassen, sie aber nicht mehr in die Seele einzulassen, wenn wir mal voraussetzen wollen, dass das wirklich geht.<br \/>\nHatte er sich einmal entschieden, wie f\u00fcr Wilhelmine von Zenge, ging er ran wie Bl\u00fccher und schrieb gleich, ohne vorherige artige Zeichen seiner Zuneigung, auf seinen ersten Kassiber an sie, wie sie ihn durch ihre Hand sehr begl\u00fccken k\u00f6nnte. Allerdings fehlte es ja noch an einem Aus\u00adkommen, und da setzte er auf seinen \u201eLebensplan\u201c, der im Wesentlichen darin bestand unver\u00adz\u00fcglich ber\u00fchmt zu werden. Ihr trug er einige Themen f\u00fcr Denkschriftchen auf, mit denen sie dann gelegentlich auch ein wenig zum Einkommen des angehenden Dichters beitragen k\u00f6nne, denn \u201edie wechselseitige \u00dcbung im Beantworten zweifelhafter Fragen, liebe Wilhelmine, hat einen so vielseitigen Nutzen f\u00fcr unsere Bildung, dass es wohl der M\u00fche wert ist, die Sache ganz so ernsthaft zu nehmen, wie sie ist und Dir eine kleine Anleitung zu leichteren und zweckm\u00e4\u00dfige\u00adren Entscheidungen zu geben\u201c. Schulung in Grammatik und Stil, im Denken und Urteilen ist in diesem Kleistschen Frauenf\u00f6rderungs\u00adpro\u00adgramm inbegriffen. Sie aber, ist nicht etwa pikiert, son\u00addern bezeugt ihrem k\u00fcnftigen Mann, der dann doch ein anderer war: \u201eMeine Ausbildung und Ver\u00ad\u00ad\u00adedlung lag ihm (Kleist) sehr am Herzen. Wenn er aus dem Colegia kam so besch\u00e4ftigte er sich eine Stunde mit mir. Er hatte einen erhabenen Begriff von Sittlichkeit, mich wollte er zum Ideal um\u00adschaffen, welches mich oft bek\u00fcmmerte. Ich f\u00fcrchtete ihm nicht zu gen\u00fcgen und strengt` all meine Kr\u00e4fte an, meine Talente auszubilden, um ihn recht vielseitig zu interessieren.\u201c<br \/>\nEin Haustyrann, wie Thomas Mann, kann da nur die Nase r\u00fcmpfen und Kleists Briefe, von denen wir uns vielleicht noch etwas mehr Zeugnisse gew\u00fcnscht h\u00e4tten, f\u00fcr die seltsamsten Lie\u00adbesbriefe der Welt halten. Dabei ist es doch gar nicht so verwunderlich, dass es einer Frau ge\u00adfallen muss, wenn der Zuk\u00fcnftige h\u00f6chste Hoffnungen in ihre geistige Mitwirkung und Form\u00adbarkeit setzt.<br \/>\nKleist liebte mit Gr\u00fcnden und nach Plan, res\u00fcmiert Bisky und f\u00fchrt uns noch das Verst\u00e4nd\u00adliche einer solchen Auffassung vor Augen. Wieder mal ganz eins mit unserem Kleist, wenn die\u00adser seiner Liebsten schreibt: \u201eaber sei der Liebe w\u00fcrdig und nie wird es Dir an Liebe fehlen \u2026\u201c<br \/>\nEin bisschen Provokateur ist Kleist auch schon, wenn er das geliebte Brandenburger Land ei\u00adgentlich als von \u201er\u00fcckweichender See widerwillig freigegebenen Meeresboden\u201c sieht, der eigent\u00adlich \u201eein Wohnplatz f\u00fcr Walfische und Heringe\u201c ist, was immerhin so noch nicht gesagt wurde. Naturgenuss sei \u00fcberhaupt nur insofern m\u00f6glich, als wie wir uns selbst nicht als h\u00e4sslich empfin\u00adden, was dann alles doch leider verd\u00fcrbe.<br \/>\nEr findet Faszinierendes an der Wissenschaft, die er, f\u00fcr einen Dichter ungew\u00f6hnlich, h\u00f6chs\u00adtens den Fr\u00fchromantikern anstehend, studiert und \u00fcbernimmt deren Gedanken, dass in der phy\u00adsischen und moralischen Welt das gleiche Gesetz obwalten k\u00f6nnte. Das Gew\u00f6lbe stehe, weil alle Steine auf einmal einst\u00fcrzen wollen. Die Welt sei fest, weil alles wechseln, wandeln, st\u00fcrzen wol\u00adle. Der Planet w\u00fcrde fallen, wenn nicht ein gezirkeltes Gleichwicht best\u00fcnde und der Sch\u00f6pfer die ellip\u00adtischen Bahnen ersonnen. Alles das ist in relativer Ruhe, aber birgt das Chaos, das es Kleist angetan hat. Das ist nat\u00fcrlich alles sonstwie modern.<br \/>\nMit dreiundzwanzig ist er fast schon nerv\u00f6s (\u201enoch nichts f\u00fcr die Unsterblichkeit getan\u201c), aber bezwingt sich selbst, dass wenn er erst ein Weib habe, er seinem Ziele \u201eganz ruhig und sicher ent\u00ad\u00adgegengehen\u201c k\u00f6nne. Man kann sich mitfreuen, wenn er Wilhelmine mitteilt: \u201eDu wei\u00dft, dass ich mich jetzt im schriftstellerischen Fach bilde. Ich selbst habe mir schon ein kleines Ideen\u00admaga\u00adzin angelegt, das ich Dir wohl einmal mitteilen und Deiner Beutheilung unterwerfen m\u00f6gte. Ich vergr\u00f6\u00dfere es t\u00e4glich. Wenn Du auch einen kleinen Beitrag dazu liefertest, so k\u00f6nntest Du den Stolz haben, zu einem k\u00fcnftigen Erwerb auch etwas beizutragen.\u201c \u201eIch habe F\u00e4higkeiten, selte\u00adnere meine ich \u2026\u201c Da war noch keine Zeile geschrieben, aber immer geheimnisvoller werden die Mitteilungen an die Braut aus der Ferne. In dieser Attit\u00fcde bl\u00fcht die ganze dichteri\u00adsche Phanta\u00adsie: \u201eDich wollte ich wohl in das Gew\u00f6lbe f\u00fchren, wo ich mein Kind, wie eine ves\u00adtalische Pries\u00adterin das ihrige, heimlich aufbewahre bei dem Schein der Lampe.\u201c<br \/>\nImmer wieder aber auch Zweifel, wenn es um eine Beschr\u00e4nkung des Ich zugunsten einer ge\u00adre\u00adgelten Arbeit geht: \u201eIch will nicht Werkzeug zu Zwecken sein, die ich nicht vor dem Gerichts\u00adhof meiner Vernunft pr\u00fcfen darf.\u201c Seine Zwecke waren, so wieder unisono Autor und Held: unta\u00addeliges Leben, das geliebte M\u00e4dchen ausbilden und sich selbst \u201eauf eine Stufe n\u00e4her der Gottheit stellen\u201c.  Und immer wieder die bitterste Not: \u201eDer Himmel versagt mir den Ruhm, das gr\u00f6\u00dfte der G\u00fcter auf Erden.\u201c<br \/>\nDabei ist schon ein wenig geschafft mittlerweile, ein Drama findet bereits F\u00fcrsprecher, aber er hat sich einen gewaltigeren Stoff vorgenommen, den Robert Guiskard, einem normannischen Feld\u00adherrn, dem vor Konstantinopel die Pest einen Strich durch die Rechnung macht. Ob ihm da auch die von Brentano detektierte Eigenart auf die F\u00fc\u00dfe fiel, dass er sich \u201ealle Personen halb taub und d\u00e4mlich denke, so k\u00f6mmt dann durch Fragen und Repetieren der Dialog heraus\u201c? Oder, wie Wilhelm Grimm meinte, Kleist h\u00e4tte einen Hang zum Furchtbaren, der ihn beherrsche und verlei\u00adte, ins Gr\u00e4\u00dfliche und Emp\u00f6rende auszuschweifen? Er k\u00e4mpft noch mit diesem Stoff w\u00e4hrend sei\u00adnes Aufenthaltes bei Wieland in O\u00dfmannstedt, der ihm sehr zugetan ist. Wieland beobachtet Kleist so: Ein einziges Wort konnte eine ganze Reihe von Ideen in seinem Gehirn anziehen, dass er nichts weiter h\u00f6rte und mit der Antwort zur\u00fcckblieb, er murmel\u00adte zwi\u00adschen den Z\u00e4hnen mit sich selbst und hatte dabei das Air eines Menschen, der sich allein glaubt oder mit seinen Gedan\u00adken an einem anderen Ort und mit ganz anderen Dingen besch\u00e4ftigt ist. Wieland schien das an ei\u00adne gewisse Verr\u00fccktheit zu grenzen, f\u00fcr uns sind das sichere Indizien f\u00fcr Genie. Nichtsdestowe\u00adni\u00adger r\u00fcs\u00adtete er Kleist f\u00fcr den weiteren Weg mit einem Schreiben aus, das h\u00f6chste Hoffnungen bez\u00fcg\u00adlich seines Talents aussprach und das Kleist wie einen Talisman aufbewahrte.<br \/>\nAus dem Guiskard wurde nichts, aber wer es wagt, dem ist Kleists Wertsch\u00e4tzung sicher: \u201eIch trete vor dem Einen zur\u00fcck, der noch nicht da ist, und beuge mich, ein Jahrtausend im Voraus, vor seinem Geiste \u2026\u201c Also liebe deutsche Dichter: Frisch gewagt \u2013 aber euer Leben ist nichts wert, wenn ihr es achtet.<br \/>\nWar das vielleicht der gro\u00dfe Bruch bei einem, der in einem echten Liebesbrief an einen guten Freund von sich sagen konnte: \u201eIch kann ein Differentiale finden, und einen Vers machen, sind das nicht die beiden Enden der menschlichen F\u00e4higkeit?\u201c Aber wieder sind es Frauen, vornehm-lich seine Schwester Ulrike, die assistieren soll, der er gesteht, wie erstaunlich er leide. Eine Ein\u00adladung  an Ulrike zum Zusammenleben mit ihm, liest sich so: \u201eDu wirst mir gern zu dem einzi\u00adgen Vergn\u00fcgen helfen, das, sei es noch so sp\u00e4t, gewiss in der Zukunft meiner wartet, ich meine mir den Kranz der Unsterblichkeit zusammen zu pfl\u00fccken. Dein Freund wird es, die Kunst und die Welt wird es Dir einst danken.\u201c Auch eine andere Avance, die M\u00e4nner f\u00fcr eine Unversch\u00e4mt\u00adheit halten m\u00f6gen, schmilzt Frauenherzen: \u201eDu liesest den Rousseau noch einmal durch, und den Helvetius, oder suchst Flecken und St\u00e4dte auf Landkarten auf; und ich schreibe. Vielleicht er\u00adf\u00e4hrst Du noch einmal, in einer sch\u00f6nen Stunde, was Du eigentlich auf der Welt sollst. Wir wer\u00adden gl\u00fccklich sein! Das Gef\u00fchl mit einander zu leben, muss Dir ein Bed\u00fcrfnis sein, wie mir.\u201c Doch so weit schmolz Ulrike, der Kleist viel zu danken hatte, nicht dahin, aus der WG wurde nichts.<br \/>\nAber Marie, die Kleist um zwanzig Jahre \u00fcberlebte, gedenkt seiner noch kurz vorm eigenen Dahinscheiden. Der eigentliche Nachruf 1811 stammt von ihr: \u201eHeinrich war ein vortrefflicher Mensch, in den meisten Dingen der Vortrefflichste, den ich je gesehn habe. Diese angeborene G\u00fcte, Liebe, Sanftmuth habe ich bey keinem Menschen noch nie so eingefleischt gefunden, kein Engel vom Himmel kann sie in einem h\u00f6heren Grad besitzen. Auch war er von Natur gottes\u00adf\u00fcrchtig und fromm. Franz\u00f6sische Litteratur, Umgang mit Freigeistern hatten leider Zweifel in ihn gebracht. Er rang, um sie los zu werden, er k\u00e4mpfte nach \u00dcberzeugung. Das griff seinen schwachen K\u00f6rper an, dem er in seiner Jugend gewi\u00df geschadet hatte durch Genu\u00df mancher Art. \u00dcbrigens war er ein Dichter. Und wenn er kein einziges Gedicht erzeugt h\u00e4tte, so war er doch seiner Natur nach ein Dichter. Er war der Poetischste, der Romantischste  Mensch, den ich je gesehn, und so war vieles in ihm, was wir nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, noch begreifen. Er war w\u00fcrklich ein Genialischer Mensch, und in einem solchen giebt es viele Dinge, die sich nicht erkl\u00e4ren las\u00adsen. Aber er war von einer Rechtlichkeit, Biederkeit, \u00c4chtheit des Caracters, die mir eigentlich einen so gro\u00dfen Abscheu f\u00fcr allen Schein, f\u00fcr alles Prahlen, f\u00fcr alles Absichtliche im Lebenssein gegeben. Ach! er ist nicht mehr! ich habe einen Freund verloren wie wenige Frauen sich r\u00fchmen k\u00f6nnen einen zu haben.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDu hast zwar nicht viel Mitleid mit mir, aber ich leide wirklich erstaunlich.&#8220; HvK &nbsp; C.R. 2. 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