{"id":326,"date":"2011-09-04T10:57:11","date_gmt":"2011-09-04T08:57:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=326"},"modified":"2023-12-08T23:01:05","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:05","slug":"kolumne-kw36","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/326","title":{"rendered":"Kolumne KW36"},"content":{"rendered":"<p>Kleistisches<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eNur die vollen und \u00fcber\u00adschw\u00e4ng\u00adlichen Ge\u00adn\u00fcs\u00adse, die in dem er\u00adfreu\u00adlichen An\u00adschau\u00aden der mora\u00adlische Sch\u00f6n\u00adheit unse\u00adres eige\u00adnen We\u00adsens lie\u00adgen\u201c, stel\u00adlen das per\u00adfekte Gl\u00fcck dar, nach dem alles strebt.<br \/>\nDiese Nabelschau empfiehlt uns kein anderer als Kleist, der ein Schw\u00e4rmer war, wenn es um das eigene Ich ging oder dessen erfreu\u00adliche Prospekte, wie \u201esich selbst auf eine Stufe n\u00e4her der Gottheit zu stellen\u201c.<br \/>\nWollte man es nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben bewerten, so war es Kleist schon Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gelungen zum \u201eLiebling der Unverstandenen mit zerrisse\u00adnem Herzen\u201c zu avancieren.<br \/>\nDie Feuilletons sind voll von Betrachtungen \u00fcber Kleist, er wird als einer der gr\u00f6\u00dften Dra\u00admatiker Deutschlands gefeiert, obwohl seine Schaffensperiode eigentlich nicht l\u00e4nger als 10 Jahre war. Es war dies die Zeit der Napo\u00adleonischen Siege, die er schwer ertrug und sich gern zum dichterischen Fanal eines to\u00adtalen Krieges gemacht h\u00e4tte.<!--more--><br \/>\nWir nun sitzen mit zwei Dichterinnen am ge\u00addeckten Kaffeetisch und anderthalb lange Stunden geht es um alles M\u00f6gliche: Filmhel\u00adden, Heiler und ambitionierte Dichterkolle\u00adgen. Immerhin schw\u00e4rmt die eine f\u00fcr Kleist und hat eigens Material mitgebracht, das die Mode so heranschwemmte. F\u00fcr den Gedicht\u00adladen wird ein bisschen herauskopiert und ansonsten das Ende des small talks herbeige\u00adsehnt, aber selbst, wenn man sagt, wollen wir jetzt nicht mal \u00fcber unsere Dichtungen sprechen?, lebt die Ablenkung immer wieder auf, \u201etausend Gestalten und Dinge\u201c, die wir doch unger\u00fchrt vor\u00fcbergehen lassen sollten, wollten wir Kleists Ratschl\u00e4gen folgen, der in solchen Gespr\u00e4chen seinerzeit ein Sonderling war.<br \/>\nDann endlich kann berichtet werden, wie der Kleist-Geist am Weltfriedentag, dementspre\u00adchend unkriegerisch gestimmt, im Gedichtla\u00adden erschienen war und zwecks besserem Auskommen ein Lob- und Preisgedicht in Sonettform f\u00fcr die K\u00f6nigin bestellte, was sogleich verfertigt wurde:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An K\u00f6nigin Luise<br \/>\nVon jenen Tagen, die Sie schwer durchlitten,<br \/>\nVorangeleuchtet den Getreuen Preu\u00dfens,<br \/>\nMit Sch\u00f6nheit nie geseh\u2018nen Glei\u00dfens,<br \/>\nWird sagen man: Sie pr\u00e4gten deutsche Sitten.<br \/>\nFanal der Hoffnung, k\u00e4mpferisch die Jugend,<br \/>\nDie des zerst\u00f6rten Reiches Wagenstreiter;<br \/>\nZu neuen Opfern macht sie noch bereiter,<br \/>\nDas Bild im Herzen Ihrer Treu und Tugend.<br \/>\nOh Herrscherin, dem Vers kann nie gelingen,<br \/>\nDer ewgen Anmut, die uns strahlt zu singen;<br \/>\nWie schwach der Abglanz gegen Ihren Hauch.<br \/>\nOh Glorie, wo Deine Strahlen wohnen,<br \/>\nIst auch die K\u00f6nigin, die Tapfren zu belohnen.<br \/>\n&#8211; Bei\u00df zu du Franzenkatze, zisch und fauch!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Sohn im Hause des Gedichtladens, ein wahrer Katzenliebhaber, fragte, was denn eine Franzenkatze sei und erfuhr, dass dies eine Metapher f\u00fcr Napoleon sei.<br \/>\nLeider ist ja die bezaubernde preu\u00dfische K\u00f6nigin Luise mit 34 dann schon 1810 verstorben, wobei wir nicht bestimmen k\u00f6nnen, ob das etwas mit dem Gedicht zu tun hatte, das Kleist schlie\u00dflich ablieferte.<br \/>\nDer Kleist-Geist war weitgehend zufrieden, hielt aber das Ende f\u00fcr seines Stiles untypisch und hat dann wohl einige Ver\u00e4nderungen vorgenommen und ein etwas weniger Voll\u00adkom\u00admenes daraus gemacht. Geld hatte er auch nicht dabei, und als wir ihm eine Tasse Kaffees anboten, zog er ein Fl\u00e4schchen Rum aus seinem Felleisen hervor und verd\u00fcnnte ihn sich geh\u00f6rig.<br \/>\nSo leicht also konnten wir teilhaben an seiner Unsterblichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Waltersdorfe 4.9.2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleistisches &nbsp; \u201eNur die vollen und \u00fcber\u00adschw\u00e4ng\u00adlichen Ge\u00adn\u00fcs\u00adse, die in dem er\u00adfreu\u00adlichen An\u00adschau\u00aden der mora\u00adlische Sch\u00f6n\u00adheit unse\u00adres eige\u00adnen We\u00adsens lie\u00adgen\u201c, stel\u00adlen das per\u00adfekte Gl\u00fcck dar, nach dem alles strebt. 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