{"id":3202,"date":"2019-11-24T14:25:32","date_gmt":"2019-11-24T12:25:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3202"},"modified":"2023-12-08T22:59:45","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:45","slug":"kolumne-nummer-35-2019-auferlegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3202","title":{"rendered":"Kolumne Nummer 35\/2019 \u201eAuferlegt\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auferlegt<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem wir uns in die Lande Phant\u00e1siens haben vom verstorbenen Michael Ende entf\u00fchren lassen und wir Theodor Fontane unsere Referenz erwiesen haben, haben wir uns jetzt ein bedr\u00fcckendes Werk von Fjodor Dostojewski \u00abTotenhaus\u00bb vorgenommen, in dem eine triste M\u00e4nnerwelt beschrieben wird, mit der man lieber nichts zu tun haben m\u00f6chte. Wir haben uns diese Lekt\u00fcre auferlegt, weil es ja immer gilt, einem Autor, der sich die M\u00fche gemacht hat, etwas zu Papier zu bringen, auch den Gefallen des Lesens zu bereiten.<\/p>\n<p>Dostojewski war ja selbst mal ein Verbannter und an seiner Beschreibung eines sog. Ostroggs, also einem Zwangsarbeitslagers, erstaunt schon, welche Freiheiten die Gefangenen da noch hatten und wie sie mit einem legend\u00e4r guten Brot versorgt wurden. Auch wenn man mehrfacher M\u00f6rder war, drohte einem noch nicht die Todesstrafe, sondern man konnte seine Zeit noch relativ kommod, auch mit Kontakten mit der Bev\u00f6lkerung verbringen. Selbst die geschlechtlichen Freuden waren nicht ganz ausgeblendet, und wenn man nur \u00fcber ein paar Kopeken verf\u00fcgte, konnte man sich auch diese noch erkaufen. Man stelle sich vor, dass die Gefangenen sogar ein Theaterst\u00fcck j\u00e4hrlich auf die Beine stellten. Es entstanden Lieder, die von Gefangenen gedichtet worden waren und auch der Branntweingenuss war nicht ganz unm\u00f6glich. Das ist dann doch eine annehmbare Welt, in der die Gefangenen, wenn auch mit Ketten Versehenen, da ihre Zeit herumbrachten.<\/p>\n<p>Man kann sich da \u00fcberlegen, dass es doch noch eine volkst\u00fcmliche Kultur gab, die das \u00dcberleben m\u00f6glich machte. Man kann sich schwer vorstellen, welche Unterschiede da zu heute bestehen. Jetzt bin ich gerade beim Weihnachtsfest der Gefangenen, und es erstaunt auch, wie die Bev\u00f6lkerung diese nicht einfach ihrem Schicksal \u00fcberlie\u00df, sondern selbst die \u00c4rmsten noch ein Geb\u00e4ck oder sonst etwas spendeten, gro\u00dfe Mengen auch von den Betuchteren kamen, sodass man sagen konnte, dass die Str\u00e4flinge keinem der Anwohner egal waren.<\/p>\n<p>Das Verbrechen galt in russischen Landen eben nicht zuerst als Schuld, die man einer gerechten Strafe zuf\u00fchrte, die alle f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich halten und sie ihnen daher egal ist, sondern sowohl das Verbrechen als auch dessen S\u00fchne wurden als allgemeines Ungl\u00fcck angesehen. Demzufolge sind eben die Bestraften auch die Ungl\u00fccklichen, denen da eben etwas im Leben unterlaufen ist. Es ist auch nicht zu untersch\u00e4tzen, welche Klammer da die Religion bildete, wenn nicht die weltlichen Gewalten, sondern eben ein Heiland als oberste Instanz angesehen wird, mit dem man ganz pers\u00f6nlich seinen Frieden machen kann.<\/p>\n<p>Dieses Auferlegte, das eigentlich eine Zumutung ist, macht die heutigen Verluste so recht deutlich. Wie sehr man einer Heimat, einer Nation bedarf, wie wichtig Riten sind, selbst noch im Zweiten Weltkrieg, als einer der gefangenen deutschen Angreifer beim Kartoffelsch\u00e4len aufgefordert wird ununterbrochen Lieder zu singen, wie Hermann Kant in einem Roman beschrieben hat. Man stelle sich einen heutigen Jugendlichen in dieser Situation ohne ein Handy vor, von dem er nicht mal die genaue Funktion ahnt. Das ist doch etwas, worauf man in seinem Leben ein bisschen vorbereitet sein sollte.<\/p>\n<p><em>Christian Rempel in Zeuthen, den 24.11.2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auferlegt Nachdem wir uns in die Lande Phant\u00e1siens haben vom verstorbenen Michael Ende entf\u00fchren lassen und wir Theodor Fontane unsere Referenz erwiesen haben, haben wir uns jetzt ein bedr\u00fcckendes Werk von Fjodor Dostojewski \u00abTotenhaus\u00bb vorgenommen, in dem eine triste M\u00e4nnerwelt&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3202\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-3202","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3202","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3202"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3202\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3203,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3202\/revisions\/3203"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3202"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3202"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3202"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}