{"id":3198,"date":"2019-11-16T16:06:44","date_gmt":"2019-11-16T14:06:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3198"},"modified":"2023-12-08T22:59:45","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:45","slug":"kolumne-nummer-34-2019-jenny-treibel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3198","title":{"rendered":"Kolumne Nummer 34\/2019 \u201eJenny Treibel\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jenny Treibel<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben ja immer noch das Fontanejahr und da kann man schon mal wieder in seine oder des Vaters Bibliothek schauen und nachsehen, was Fontane da noch zu bieten hat. Nun, nach gehabter Lekt\u00fcre, ist es mal wieder Zeit, sich in die m\u00e4rkischen Lande zu begeben, allerdings nicht mit einer Kalesche, wie er zu tun pflegte, sondern ganz einfach zu Fu\u00df und sehen, was einem da so an Eindr\u00fccken begegnet. Es ist ja sieben Jahre her, dass ich das Brandenburgische bis Guben durchstreifte und jetzt soll es wenigstens noch einmal die erste Etappe werden, bis Bestensee und zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Da wird auch Zeit sein, seine Gedanken zu Fontanes Werk Jenny Treibel zu ordnen und darin zu schwelgen. Diese Frau eines Berliner Industriellen, dem Hersteller des Berliner Blau, stammte aus ganz einfachen Verh\u00e4ltnissen, aus einem Apfelsinenladen in der Adlerstra\u00dfe, hat ihr Embonpoint schon \u00fcberschritten und erlaubt sich nur noch gelegentlich, sich an die Liebe zur Lyrik zu erinnern, die sie besonders mit einem sp\u00e4ter zum Professor avancierten Dichter verbindet, der nat\u00fcrlich auch schon l\u00e4ngst die dichterische Passion an den Nagel geh\u00e4ngt hat und eben seinen akademischen Pflichten nachgeht. Sowohl Jenny Treibel als auch der Professor Schmidt haben schon heiratsf\u00e4hige Kinder, und wie diese Dinge so gehen, kommt bei der Professorentochter Corinna der Wunsch auf, eine Ehe mit dem Fabrikantensohn zu schlie\u00dfen, was aber die Frau Mama gr\u00fcndlich hintertreibt.<\/p>\n<p>Der Sohn, der verlobte Leonard, bleibt absolut blass und kann sich nicht aus dem m\u00fctterlichen Regiment l\u00f6sen, schreibt, als die Verlobung ruchbar geworden, seiner Braut unentwegt Briefe, in denen er immer wieder seine unverbr\u00fcchliche Liebe strapaziert, was aber Corinna, die eine mutige Tat erwartet hatte oder wenigstens einen Besuch, ma\u00dflos entt\u00e4uscht, sodass die t\u00e4glichen Beteuerungsbriefe bald zu kleinen Schnipseln verarbeitet werden.<\/p>\n<p>Dies nun ist allerdings auch ein wunder Punkt von mir und muss vielleicht jeden, der aufs Schriftliche vertraut, verunsichern, denn auch ich kann meine heimliche Leidenschaft nur schriftlich ausdr\u00fccken und eigentlich m\u00fcsste das doch einem Literaten wie Fontane mehr gelten als das Schicksal zu erfahren zu Schnipseln verarbeitet zu werden.<\/p>\n<p>Meine diesbez\u00fcglichen Avancen gegen\u00fcber der Angebeteten sind auch nur schriftlicher Natur und haben zwar nicht das Schicksal zu Schnipseln zu werden, aber sie nehmen auch nicht gerade einen Ehrenplatz in den Habseligkeiten der geliebten Person ein. Manchmal gibt es bei ihr den schwachen Impuls, diese kleinen Werke mal zu ordnen und mit einem fahlen B\u00e4ndchen zu versehen, um sie f\u00fcr sp\u00e4tere, der Erinnerung gewidmete Zeiten aufzuheben, aber sie wiegen eben nicht so schwer, wie ein in aller Gegenwart gesprochenes Wort.<\/p>\n<p>Aber gibt es nicht eben auch Unterschiede, manch einem gilt das Wort, der anderen aber das Geschriebene. Und hat man wirklich selber die Wahl? Bei Jenny Treibel werden letztendlich alle gl\u00fccklich, Corinna ehelicht ihren Cousin und auch Leonard wird wohl nicht ohne Ehespons geblieben sein.<\/p>\n<p>Es ist eine so sch\u00f6ne Charakterstudie Fontanes, dass man sie gern noch ausf\u00fchrlicher gelesen h\u00e4tte, aber er hat es bei einer ziemlich rasanten Wendung zum b\u00fcrgerlich normalen belassen. Beinahe m\u00f6chte man meinen, er sei etwas in Eile gewesen, als er das schrieb.<\/p>\n<p>Ich eile mich nun, Ihnen diese kleinen Eindr\u00fccke nebst pers\u00f6nlichem Schicksal nahezubringen. So viel man auch liest, seinen Lebensweg muss man allein finden, und wenn dabei nicht sein eigenes Gl\u00fcck, so ist es einem vielleicht wenigstens beschieden, sich an einem gelesenen oder geh\u00f6rten Gl\u00fcck zu erfreuen. Hauptsache es gibt noch Gl\u00fcck auf Erden.<\/p>\n<p><em>Christian Rempel in Zeuthen, den 15.11.2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jenny Treibel Wir haben ja immer noch das Fontanejahr und da kann man schon mal wieder in seine oder des Vaters Bibliothek schauen und nachsehen, was Fontane da noch zu bieten hat. 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