{"id":3195,"date":"2019-11-10T21:13:59","date_gmt":"2019-11-10T19:13:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3195"},"modified":"2023-12-08T22:59:45","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:45","slug":"kolumne-33-2019-das-buch-der-buecher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3195","title":{"rendered":"Kolumne Nummer 33\/2019 \u201eDas Buch der B\u00fccher\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Buch der B\u00fccher<\/strong><\/p>\n<p>Man m\u00f6chte das keinem Buch zugestehn, und schon gar nicht einem, das ja nur als Jugendbuch gilt und sich selbst etwas wichtigmacht, eben dem Buch \u201eDie unendliche Geschichte\u201c von Michael Ende. Auch kann man das Phantasy Genre in eine Ecke stellen, so zwischen Kitsch und Science Fiction, und es eben etwas abgefahrenen Liebhabern von Wort- und Wesenskonstruktionen \u00fcberlassen, die mit dem Allt\u00e4glichen m\u00f6glichst wenig zu tun haben. Es schwirrt einem der Kopf von seltsamen Begriffen und Namen, die man sich wie ein Biologe alle merken soll oder schwieriger noch, sich ausdenken. Ich habe mir eigentlich nur Auryn, das Amulett mit den sich gegenseitig, jeweils am Schwanz verschlingenden Schlangen gemerkt, und nat\u00fcrlich Atreju, den eigentlichen Helden der Geschichte, in dessen Klugheit und Gewandtheit man sich verlieben kann, obwohl er doch erst 10 Jahre alt ist, wie auch Bastian, der an das Buch kommt, das es vielleicht gar nicht gibt und gab, und doch kann es jeder kaufen, wie es wohl schon 10 Millionen taten und es zum erfolgreichsten deutschen Buch \u00fcberhaupt machten. Seine Vorbehalte gegen\u00fcber sog. Bestsellern kann man da getrost beiseite lassen und wer gern einer profunderen Meinung folgt, kann es auch gern lesen, denn es ist ja ein Welterretungsroman, gleich zweier Welten, unserer und eben Phat\u00e1siens, den Michael Ende uns da ausgearbeitet hat.<br \/>\nDass der schon fr\u00fch verstorbene Autor da Gro\u00dfes geleistet hat, wird anl\u00e4sslich des 40. Jahrestages des Erscheinens des Buches noch einmal so recht deutlich gemacht. Nat\u00fcrlich gibt es auch Streit, und auch der hat nahezu biblische Dimensionen, denn es geht dabei nicht um weniger als um einen Bilderstreit. Sollte man die phantastischen und mit treffenden Gleichnissen versehen Beschreibungen Michael Endes f\u00fcr sich stehen und die Bilder im Kopf des Lesers erstehen lassen oder sollte man selbst zum Pinsel greifen, wie j\u00fcngst Sebastian Meschenmoser, der binnen eines Jahres an die 50 \u00d6lbilder auf die Leinwand brachte und dazu noch unz\u00e4hlige Zeichnungen. Schon die Verfilmung durch Wolfgang Peterson war ein solcher Versuch, der vom Autor erst gutgehei\u00dfen wurde und dann in dessen Entt\u00e4uschung \u00fcberging. Sicher sind die Geschm\u00e4cker da verschieden und ich bevorzuge die schlichte Ausgabe, wo nur die Anfangsbuchstaben der 26 Kapitel, die eben gerade die 26 Buchstaben unseres Alphabets sind und jedes der Reihe nach mit einem der Buchstaben beginnt, alles andere stelle ich mir auch lieber selber vor. Das einzige, was man sich noch w\u00fcnschen k\u00f6nnte, w\u00e4re ein kupferfarbener Seideneinband, aber es handelt sich eben nur um eine Kopie, das originale ist wohl wieder beim \u201eAlten von wandernden Berge\u201c, dessen eif\u00f6rmige Wohnung inzwischen vielleicht wieder in Ordnung ist, aus der es eigentlich kein Entrinnen gibt.<br \/>\nFantasy schlie\u00dft ja immer ein bisschen an M\u00e4rchen an, an die sehnsuchtsbeladenen Urbilder im Volk, und da ist nat\u00fcrlich fast zuv\u00f6rderst die Sehnsucht nach einer Monarchie, einem guten K\u00f6nigspaar, das gegenw\u00e4rtig ist und milde in seiner Regierung. In diesem Fall ist es die Kindliche Kaiserin, auch die \u201eGold\u00e4ugige Gebieterin der W\u00fcnsche\u201c genannt, die Phant\u00e1sien regiert und dabei gar nicht zu regieren scheint, denn ihr gelte das Sch\u00f6ne und H\u00e4ssliche, das Gute und B\u00f6se gleichviel. Und diese Kaiserin ist krank, wie es auch ihr Reich ist, das vom Nichts aufgefressen wird, das man nicht einmal sehen kann und es einem, wenn man hinguckt, vorkommt, als w\u00e4re man blind. Die Phantasien quellen aus dem Autor nur so hervor, dass man gern glauben m\u00f6chte, dass er eine Bibliothek damit h\u00e4tte f\u00fcllen k\u00f6nnen, wie sein alter ego, der Bastian Balthasar Bux in der Silberstadt Amarg\u00e1nth, der es dem Buch zwar im zweiten Teil schwer macht, aber eben zun\u00e4chst der Retter von Phant\u00e1sien wird.<br \/>\nDer eigentliche Held ist aber eben der indianische Atreju aus dem Grasland, der eigentlich gerade h\u00e4tte J\u00e4ger werden sollen, aber auch dringend f\u00fcr die Rettung Phant\u00e1siens gebraucht wird und den die Kindliche Kaiserin zur Rettung vor ihrer Krankheit erw\u00e4hlt, indem sie ihm Auryn \u00fcberbringen l\u00e4sst, das Amulett, das kaiserliche Macht in Phant\u00e1sien verleiht. Atreju besteht nun Abenteuer auf Abenteuer, lernt der Gl\u00fccksdrachen Fuchur kennen, woraufhin sie ein unzertrennliches Duo bilden, aber einen aus der Menschenwelt zu finden, der das einzige Heilmittel hat, n\u00e4mlich der Kindlichen Kaiserin wieder einmal einen neuen Namen zu geben, ist ihm nicht verg\u00f6nnt. Mehr darf man schon fast nicht mehr verraten, will man dem Buch nicht die ins Philosophische gehenden Wendungen und Zusammenh\u00e4nge zu nehmen, denn auch Sie sollten das Buch ja lesen und nichts Gelehrtes dar\u00fcber mal so nebenhin aufschnappen.<br \/>\nJedenfalls lernen sich Atreju und Bastian noch kennen. Aus der geheimnisumwobenen Suche Atrejus wird zun\u00e4chst eine Erfolgsgeschichte Bastians, aber dieser steht dann im Widerstreit mit sich selbst, was man anfangs nicht vermutet hatte, denn eigentlich ist er zur\u00fcckgesetzter dicker Junge. Die F\u00e4hrnisse des Erfolgs werden in der zweiten H\u00e4lfte des Buches behandelt und Theoretiker w\u00fcrden sagen, das Abenteuerbuch wird zum Bildungsroman, wobei allerdings alles in sehr gro\u00dfem Stil vor sich geht bis zu einem Show Down, wie man ihn oft bei Erfolgsautoren zu verzeichnen hat, aber es scheinen auch Gesellschaftsmodelle auf, wie sie die Individualit\u00e4t sich erw\u00fcnscht und die dann mehr oder weniger versagen.<br \/>\nDa es sich um die unendliche Geschichte handelt, ist allerdings bei diesem Show Down auch noch nicht Schluss, sondern sie geht weiter und weiter, bis es einem dann schon mal die Tr\u00e4nen in die Augen treibt. Die Dialoge und Begebenheiten sind so sicher und sch\u00f6n beschrieben, so voller Nuancen und sprachlicher Sch\u00f6nheiten, dass man sich eine \u00dcbersetzung gar nicht vorstellen kann. Das geht nur im Deutschen. Der Fastheld Bastian wollte auch gern mal auf Fuchur reiten, und wie Atreju diesem das anbietet, soll als Beispiel f\u00fcr die Meisterschaft in den Dialogen gelten. Atreju, der Bastians Wunsch kennt, fragt ihn nicht etwa, ob er mal auf Fuchur, dem Gl\u00fccksdrachen durch die L\u00fcfte schweben m\u00f6chte, sondern ob er selbst mal ein St\u00fcck auf dessen Mauleselin Jicha reiten d\u00fcrfe, woraus sich das erw\u00fcnschte Angebot an Bastian, mal Fuchur zum Reittier zu nehmen, taktvoll ergibt. Dieser indianische Atreju, der eigentlich sogar Analphabet ist, hat mehr an Mut und Seelenbildung als alle anderen.<br \/>\nWollte man den Roman in die Literaturgeschichte einordnen, m\u00fcsste man schon eine neue Kategorie erfinden: Verantwortungs- und\u200bHerzenbildungsroman vielleicht, aber damit w\u00e4re keinem geholfen, man kann es auch nicht erz\u00e4hlen, dazu ist es zu reich an inneren Bildern. Es gibt nur ein Mittel, das an sich wirken zu lassen, und das ist das Lesen. Das wird dem Buch auch von allen Kritikern einhellig zugestanden. Sollte man es da noch unn\u00f6tig bebildern? Ich denke: nein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch der B\u00fccher Man m\u00f6chte das keinem Buch zugestehn, und schon gar nicht einem, das ja nur als Jugendbuch gilt und sich selbst etwas wichtigmacht, eben dem Buch \u201eDie unendliche Geschichte\u201c von Michael Ende. Auch kann man das Phantasy&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3195\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-3195","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3195","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3195"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3195\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3197,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3195\/revisions\/3197"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3195"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3195"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3195"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}