{"id":3177,"date":"2019-08-04T11:14:36","date_gmt":"2019-08-04T09:14:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3177"},"modified":"2023-12-08T22:59:45","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:45","slug":"kolumne-nummer-29-2019-leider-juengst-gestorben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3177","title":{"rendered":"Kolumne Nummer 29\/2019 &#8222;leider j\u00fcngst gestorben&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Leider j\u00fcngst gestorben<\/strong><\/p>\n<p>Ein italienischer Romancier, Andrea Camilleri, ist vor wenigen Tagen gestorben. Das erfuhr ich von einem Aufsteller in der Bibliothek, wo dann auch gleich einige seiner B\u00fccher ausgestellt waren. Der Titel des Buches, das ich mir daraufhin aussuchte, lautete: Das graue Kleid. Eigentlich m\u00fcsste es der Handlung nach das graue Kost\u00fcm hei\u00dfen, denn es geht um eine Art Businessbekleidung einer um viele Jahre j\u00fcngeren Ehefrau, die sehr umtriebig ist und eben ein R\u00e4tsel, wie es sich nach Fontane geh\u00f6rt (\u00abEine Frau, die kein R\u00e4tsel ist, ist eigentlich gar keine\u00bb).<\/p>\n<p>Der 25 Jahre \u00e4ltere Ehemann hat gerade seine Bankkarriere beendet und ist in den Ruhestand getreten. Au\u00dfer der Arbeit hatte er weder Interessen noch nennenswerte Freundschaften. So es seine Zeit erlaubte, hatte er den Aff\u00e4ren seiner Frau nachzuspionieren, hatte sich mit ihrer Untreue aber auch schon so gut wie abgefunden und sie schon fast abgetreten an einen sog. Neffen, der sehr unverbl\u00fcmt mit unter seinem Dach lebte. Ein Langweiler, wie er war, brauchte er sich eigentlich nicht zu wundern, dass seine junge Frau auf Abenteuer ausging. Obwohl er sie als schlichtes Gem\u00fct mit bilderbuchhafter Sch\u00f6nheit einstuft und sie sogar mit einer Barbiepuppe oder Aufblasfrau vergleicht und sich mit diesen Vorstellungen alles nur auf das Oberfl\u00e4chlichste gestalten kann und er sich zum Voyeur herabstuft, der sie bei ihren Sch\u00f6nheitsritualen gen\u00fcsslich observieren darf, dann auch immer mal f\u00fcr eine halbe Stunde das blonde Wallehaar k\u00e4mmen, sie ziemlich offensichtlich untreu ist, legt sich die Schuld doch eher auf ihn.<\/p>\n<p>So wird der Roman eben ein Dokument der weiblichen \u00dcberlegenheit, dem im Leben Stehen, des sich leisten K\u00f6nnen einer sexuellen Uners\u00e4ttlichkeit und dabei immer noch auf die Formen zu achten, der ganzen vergeblichen Gier nach Liebe und Zuneigung, die sie ihm, als er von einer t\u00f6dlichen Krankheit befallen ist, dann auch noch gibt, aber eben nicht ganz, sondern auch schon wieder \u00fcberschattet vom Sinn f\u00fcr das Praktische, n\u00e4mlich dem Leben nach seinem Tod. <\/p>\n<p>Echte Liebe ist nicht mehr dramatisierbar, sie w\u00e4re auch nicht lesbar, da m\u00fcssen vielschichtige Charaktere her, die man nicht so schnell entr\u00e4tseln kann, sonst w\u00fcrde das Buch nicht spannend sein. Schade nur, dass der Langweiler dann entt\u00e4uscht sterben musste und sich nicht eines Besseren besinnen konnte.<\/p>\n<p><em>Christian Rempel in Zeuthen, den 30.7.2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leider j\u00fcngst gestorben Ein italienischer Romancier, Andrea Camilleri, ist vor wenigen Tagen gestorben. Das erfuhr ich von einem Aufsteller in der Bibliothek, wo dann auch gleich einige seiner B\u00fccher ausgestellt waren. 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