{"id":3111,"date":"2019-04-28T19:15:01","date_gmt":"2019-04-28T17:15:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3111"},"modified":"2023-12-08T22:59:45","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:45","slug":"kolumne-kw16-kw17-2019-schicksal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3111","title":{"rendered":"Kolumne KW 16 \/ KW 17 2019 &#8222;Schicksal&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schicksal<\/strong>&nbsp;<\/p>\n<p>Zuweilen gebe ich B\u00fccher heraus, die mir von ambitionierten Autoren zugespielt werden. Das ist beim vielgescholtenen Unternehmen Amazon zu wirklich g\u00fcnstigen Konditionen m\u00f6glich, sodass dem Urheber keinerlei Kosten entstehen und er Autorenexemplare f\u00fcr einen geringen Preis erstehen kann.<\/p>\n<p>\nDabei kommen einem Schicksale unter, die einen schon bewegen k\u00f6nnen. Man stelle sich vor, dass man den Krieg als kleiner Junge erlebt h\u00e4tte, dass der geliebte Vater, der so sch\u00f6n Mundharmonika spielen konnte, von seiner Seite gerissen w\u00e4re, man bei Sirenengeheul in die Keller musste und nachher die Hungerjahre erlebt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>\nAnstelle des Vaters zog ein beinloser, j\u00e4hzorniger Mann ein, der den Stiefsohn nie beim richtigen Namen nannte, sondern Pfeifenheini, Ferdinand oder Busse. Der einen verpr\u00fcgelte, wenn es nicht nach seinem Sinn ging. Da erwartete der Stiefsohn nichts sehnlicher, als dass er endlich achtzehn wurde und ging in den Westen. So ohne Vater nahmen die Beziehungen zum weiblichen Geschlecht ein wenig pathologische Formen an. Er ergab sich ganz in diese, seiner Meinung nach gro\u00dfen Lieben. Doch selbst in den Westen verfolgte ihn sein Trauma des Stiefvaters, der dann dort auftauchte und seine Pr\u00e4senz geltend machte. Dazu kam, dass sich das Leben im Westen auch als nicht so einfach herausstellte. Man musste schon ganz sch\u00f6n ackern, um auf einen gr\u00fcnen Zweig zu kommen.<\/p>\n<p>\nEin guter Vater und Ehemann zu sein, gen\u00fcgte da dem Protagonisten bald nicht mehr, er st\u00fcrzte sich in eine weitere Beziehung und seine doch scheinbar so ideale Ehe ging in die Br\u00fcche. Dieses Mehr an Beziehung war es dann allerdings auch nicht und er f\u00fchrte f\u00fcr ein paar Jahre ein Junggesellenleben, wobei er beruflich eine komfortable Nische gefunden hatte.<\/p>\n<p>\nDann noch mal eine wunderbare Frau, die bereit war das Alter mit ihm zu teilen und das lange Leben reichte noch einmal f\u00fcr eine drei\u00dfigj\u00e4hrige Ehe. Aber da war er schon m\u00fcde, so lebhafte Eindr\u00fccke wie aus der Kindheit in Erinnerung zu behalten und zu Papier zu bringen. Dieses scheinbare aktuelle Gl\u00fcck bespricht er nicht mehr und seine Lebensgeschichte hat er scheinbar auch nicht f\u00fcr diese Frau, die nun wohl die Endstation bildet, geschrieben, sondern wie er meint, f\u00fcr eine interessierte Leserschaft. Alles Interessante lag vor dieser Endbeziehung, seiner zweiten Ehe, wobei die Jahre nach seiner ersten Scheidung gerade mal auf zwei Seiten Platz finden.<\/p>\n<p>\nWar es nun dieser behinderte Stiefvater, der sein Leben gepr\u00e4gt hat und vor dem er geflohen ist. Er hat ihn also nicht \u00fcberwunden, sondern sich aus dem Staub gemacht. Etwas aufzuschreiben hat viel mit Ehrlichkeit zu tun, und diese Ehrlichkeit scheint er nur auf seine fr\u00fchesten Erlebnisse anwenden zu wollen. Ein Leben, das dann vielleicht im t\u00e4glichen Einerlei, vielleicht eben dem gew\u00f6hnlichen Gl\u00fcck, unterzugehen droht.<\/p>\n<p>\n<em>Christian Rempel in Zeuthen, den 28.4.2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schicksal&nbsp; Zuweilen gebe ich B\u00fccher heraus, die mir von ambitionierten Autoren zugespielt werden. Das ist beim vielgescholtenen Unternehmen Amazon zu wirklich g\u00fcnstigen Konditionen m\u00f6glich, sodass dem Urheber keinerlei Kosten entstehen und er Autorenexemplare f\u00fcr einen geringen Preis erstehen kann. 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