{"id":3072,"date":"2019-02-17T23:06:00","date_gmt":"2019-02-17T21:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3072"},"modified":"2023-12-08T22:59:46","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:46","slug":"kolumne-kw-07-2019-mitgefuehl-regt-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3072","title":{"rendered":"Kolumne KW 07 2019 &#8222;Mitgef\u00fchl regt sich&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mitgef\u00fchl regt sich<\/strong>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Man sollte sich selten, aber dann einen guten Film ansehen, man sollte auch nicht st\u00e4ndig lesen, aber wenn, dann ein gutes Buch.<\/em><\/p>\n<p>In Joseph Fouch\u00e9 bringt uns Stefan Zweig eine Pers\u00f6nlichkeit der franz\u00f6sischen Revolution nahe, die eigentlich ein Spieler ist, mit Machtgel\u00fcsten und sich immer geschickt im Hintergrund haltend und intrigierend. Ob Fouch\u00e9 \u00fcberhaupt eine Idee vertreten hat, da er als Priesterseminarist atheistische und kommunistische Ideen versuchte, wenn es sein musste, \u00fcber Leichen ging, wie bei der Z\u00fcchtigung von Lyon, die sich erfrecht hatten, einen Revolution\u00e4r hinzurichten, l\u00e4sst sich gar nicht mehr sagen. Als sich die Verh\u00e4ltnisse ge\u00e4ndert hatten, diente er erst dem Konvent, dann dem Direktorium, dem Konsulat, dann Napoleon und wusste selbst dem K\u00f6nig nach der Restauration seine Dienste anzutragen.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nEs ist nicht unbedingt Sympathie, die Zweig diesem Subjekt entgegenbringt, aber er versteht es hervorragend, alle diese Wendungen, den damit verbundenen Verrat und Charakterlosigkeit als eine gewisse Notwendigkeit zu zeichnen, denn diese Zeiten sind unvorstellbar hart und selbst die Volksmeinung, die immer eine gro\u00dfe Rolle spielt, sieht \u00fcber vieles hinweg, wenn nur Erfolge zu verzeichnen sind. Fouch\u00e9 bringt in Lyon an die 2000 Menschen um und bedient sich schon der Massenvernichtung, wie ganze Gruppen von vermeintlich Schuldigen mit gehacktem Blei aus Kanonen erschie\u00dfen zu lassen. Da war selbst die Guillotine zu langsam. Dennoch beschreibt Zweig Fouch\u00e9 als nicht blutr\u00fcnstig.<\/p>\n<p>\nAls man Napoleon noch zujubelte hatte er schon, trotz der Siege, drei Millionen Franzosen vom Leben zum Tode gebracht, als er Europa zu seinem Familienbesitz machen wollte. Da gab es kein: \u00abWas ist, wenn Krieg ist, und wir gehen nicht hin.\u00bb<\/p>\n<p>\nStefan Zweig war einer der erfolgreichsten Schriftsteller der zwanziger drei\u00dfiger Jahre und wie viele Episoden der Weltgeschichte hat er auf den Punkt gebracht, dass sie fast erscheinen, wie aus einer erdachten Welt. Doch muss er auch stark gelitten haben. Er hatte Depressionen. Schlie\u00dflich hat er sich im Brasilianischen Exil dann auch 1942 zusammen mit seiner Frau das Leben genommen. Auf die Machtmenschen seiner Zeit hat er kaum Bezug genommen, aber diese Analogien dr\u00e4ngten sich ja von selbst auf.<\/p>\n<p>\nImmerhin habe ich noch eine Zeit erlebt, in der es zwar keine Massenm\u00f6rder mehr gab, aber Machtmenschen allemal. Das kann man heute nicht mehr so durchziehen, kann es h\u00f6chstens ins Subtile entr\u00fccken. Den Preis, den wir daf\u00fcr zahlen, ist, dass solche Geschichten in Bezug auf die Gegenwart nicht mehr geschrieben werden k\u00f6nnen. L\u00e4ngst sind alle Farben aus dem politischen Leben verschwunden, wenn sie sich noch so welche zu geben versuchen und Ampeln und die Jamaikanische Fahne nachahmen.<\/p>\n<p>\nZwar ist inzwischen umstritten, dass Dekadenz die entscheidende Ursache f\u00fcr den Untergang Roms vor 1500 Jahren war und man sollte sich lieber, die eigene Lage bedenkend, an den positiven Beispielen orientieren, die darin bestehen k\u00f6nnten, dass eben jeder seiner Arbeit nachgeht, ohne den anderen von seiner eigenen Weise \u00fcberzeugen zu wollen, wie man es jetzt an den Chinesen sieht. Das genau w\u00fcrde ich als Credo des eigenen Lebens betrachten, und da ist noch nicht alles getan, denn die Dekadenz ist auch heute unaufhaltsam. Da verlohnt sich schon mancher Blick in die Geschichte, auch wenn es nach Stefan Zweig ein Irrtum ist, dass sie sich wiederhole oder \u00fcberhaupt nur berechenbar sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>\n<em>Christian Rempel in Zeuthen, den 17.2.2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitgef\u00fchl regt sich&nbsp; Man sollte sich selten, aber dann einen guten Film ansehen, man sollte auch nicht st\u00e4ndig lesen, aber wenn, dann ein gutes Buch. 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