{"id":3055,"date":"2019-01-14T12:14:55","date_gmt":"2019-01-14T10:14:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3055"},"modified":"2023-12-08T22:59:46","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:46","slug":"kolumne-kw-02-2019-erinnerungsarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3055","title":{"rendered":"Kolumne Nummer 02\/2019 &#8222;Erinnerungsarbeit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Erinnerungsarbeit<\/strong>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute war unser Geschwistertreffen, und das sind sechs und dazu ein 92j\u00e4hriger Vater, dessen Lebensfreude wir und nat\u00fcrlich er selbst bis heute aufrechterhalten konnten. Unsere Mutter h\u00e4tte dieses Jahr ihren 90. Geburtstag, den wir auch ein bisschen vorbereiten wollten. Fest steht jetzt allerdings nur, dass wir gemeinschaftlich an ihr Grab treten werden und dann dieses Ereignis mit einem m\u00f6glichst gro\u00dfen Teil unserer zahlreichen Familie feiern wollen. Neben uns sechs Geschwistern sind ja da noch 15 Enkel und 13 Urenkel hinzugekommen und es gibt nat\u00fcrlich noch viele partnerschaftlich verbundene Personen.<\/p>\n<p><!--more-->Den Kern bildet aber jener \u00fcberschaubare Kreis, der sich heute traf und diesem Treffen war entsprechende Gedankenarbeit vorausgegangen. Als ich selbst dar\u00fcber nachdachte, erschien mir die Kindheit zeitweise als Trauma, dessen Nebel sich erst nach und nach lichteten. Es mag wohl richtig sein, dass, wie man seine eigene Kindheit und die der Geschwister sieht, man sich selbst gerade f\u00fchlt, das Trauma Kindheit also ein Ausdruck eigener D\u00fcsternis ist, der man nicht nachgeben sollte, sondern sie verscheuchen.<\/p>\n<p>\nApropos verscheuchen. Das Wort war mir in einem Gedicht eingefallen, in dem es sich ergeben hatte, dass die Schmetterlinge, die sich wer wei\u00df warum bei mir eingefunden hatten, aber zitternd ihre Fl\u00fcgel nicht entfalten wollten. Die musste ich wohl verscheuchen, in einen Garten, in dem es besser bl\u00fcht und die reinste vorstellbare Seele sie wohl zu sch\u00e4tzen wei\u00df.<\/p>\n<p>\nDas geh\u00f6rt aber nur bedingt hierher, obgleich ich auch von meinem Geheimsten gesprochen habe, vielleicht das Interessanteste, was ich heute Abend ge\u00e4u\u00dfert habe, denn es hat ohne jeden Ansatz von Religiosit\u00e4t biblische Dimensionen, eben das was Jahre dauern darf oder eben auch Ewigkeiten, was schm\u00e4hlich zuschanden werden kann, ohne dass man es einer Willk\u00fcr eines noch so verehrten h\u00f6heren Wesens zueignen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>\nAnsonsten gibt es Stories \u00fcber Stories in unserem bunten Leben, und wenn die heute wiederbegr\u00fcndete Zensur zu einer Selbstzensur wird, oder eben ein restlicher wohltuender Schmerz bleibt, dann kann man sich eben gl\u00fccklich nennen.<\/p>\n<p>\nWenn dann nach dem Auseinanderstieben, so wird man es wohl nennen m\u00fcssen, nach zehn Minuten einer der Verstimmtesten anruft und ausgerechnet den langgehegten Wunsch meines Vaters zur Erf\u00fcllung bringt, und das gleich morgen, dass er n\u00e4mlich einmal Carmina Burana sehen m\u00f6chte, dann kann man schon an eine gl\u00fcckliche Familie glauben. Jedenfalls f\u00fcr diesen Moment, und das ist ja schon sehr viel.<\/p>\n<p>\n<em>Christian Rempel in Zeuthen, den 12.1.2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnerungsarbeit&nbsp; Heute war unser Geschwistertreffen, und das sind sechs und dazu ein 92j\u00e4hriger Vater, dessen Lebensfreude wir und nat\u00fcrlich er selbst bis heute aufrechterhalten konnten. Unsere Mutter h\u00e4tte dieses Jahr ihren 90. 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