{"id":3043,"date":"2018-12-30T12:34:58","date_gmt":"2018-12-30T10:34:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=3043"},"modified":"2023-12-08T22:59:46","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:46","slug":"kolumne-kw-52-2018-minierwerkzeug-fontane","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/3043","title":{"rendered":"Kolumne KW 52 2018 &#8222;Minierwerkzeug Fontane&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Minierwerkzeug Fontane?<\/strong>&nbsp;<\/p>\n<p>Indem sie Gestalten Leben einzuhauchen verm\u00f6gen, behaupten die Schriftsteller eine eigene geistige Existenz, die, wenn es gelingt, sie zeitlichem und politischem Tagesgesch\u00e4ft \u00fcberlegen machen. Sie da als Werkzeuge zu sehen, ist denn wohl allzu egoistisch gedacht und greift viel zu kurz, denn sie selbst ziehen aus ihrer Existenz eben als Dichter eine eigene Heiligkeit, die dann allein ihnen und gar nicht so sehr nur ihren unbestreitbaren Werken zukommt. Zeichen dieser Ehrfurcht vor den Dichtern und Schriftstellern selbst war denn auch die DDR Rezeption, die diesen zwar zumutete, eben nur ahndungsvoll den Z\u00fcgen der neuen Zeiten gegen\u00fcbergestanden zu haben, aber eben auch in Ermangelung des Religi\u00f6sen, diese neben den \u00f6konomischen Genies auch als Genies gelten zu lassen.<\/p>\n<p><!--more-->Der gute Schriftsteller erwacht zu eigenem Leben und Verehrungsw\u00fcrdigkeit, indem er eben Fiktives lebendig machen kann, sodass einem das best\u00e4ndige T\u00fcrenknallen der Madame Chauchat im Zauberberg zu einem bleibenden und lebendigen Erlebnis werden kann, als w\u00e4re es von irgendwie erinnernswerter Bedeutung. Dass nun Thomas Mann, der auch nur zur H\u00f6chstform auflaufen konnte, wenn er biblische Vorlagen, wie die Josef und Jakobgeschichte ausmalte, sich dann dazu versteigt, dass Fontane \u00abdas sch\u00e4rfste Minierwerkzeug\u00bb gewesen sein k\u00f6nne und die Frage, wof\u00fcr dieses hatte gut sein k\u00f6nnen, die demokratische Aufkl\u00e4rung ins Feld f\u00fchrt, h\u00f6rt sich zwar gut an, greift aber doch wohl zu kurz, denn es stellt gerade jene Anwendung aufs Politische dar, das fast allen Sch\u00f6ngeist zu ersticken drohte und sich erst in den letzten Jahrzehnten wenigstens aufgel\u00f6st hat, wo allen klargeworden ist, dass Politik auch nichts weiter als allgemeine Ratlosigkeit ist.<\/p>\n<p>\nDa wir nun das Demokratische am Boden sehen, in der Brache des Nichtmehrfunktionierenwollens und der Lebensfremdheit, k\u00f6nnte man Fontane doch durchaus wieder w\u00f6rtlichen nehmen, der zwar angeblich den Adel so gestalten h\u00e4tte, wie er sein sollte und nicht wie er war, aber dann eben ein Utopist im besten Sinne war, indem er auf das Bewahrenswerte verwies, was man im Zuge proletarischer Vereinfachung schon auf den M\u00fcllhaufen bef\u00f6rdern wollte. Da sich doch fast jeder heute den geistigen Reichtum des zugegebenerma\u00dfen idealisierten Adels im Grunde leisten k\u00f6nnte, wenn nicht die Schwierigkeit im Wege st\u00fcnde, dass das auch M\u00fche macht, so kommen wir eben zu einer sehr pers\u00f6nlichen Differenzierung, in der es gar nicht mehr von Belang ist, ob man Adliger oder Kleinb\u00fcrger ist, sondern man kommt zu der eigentlichen kommunistischen Vision, dass in einem von materiellen N\u00f6ten befreiten Umfeld eben nur noch die menschlichen Werte der Kultivierung bed\u00fcrfen und man sich so entfalte, wie es die besten Romanschreiber, Maler und Bildhauer sich je vorgestellt haben. Diese K\u00fcnste, sollten sie sich nicht vorher selber abschaffen wollen, k\u00f6nnten Bestandteil fast jedes Menschen werden, der dann nach Belieben in die Rolle eines Arbeitgebers, Politikers oder Naturforschers versetzt sein kann.<\/p>\n<p>\nMan konnte sich schon immer fragen, was der Mensch im Kommunismus, wo es ja dann nach seinen Bed\u00fcrfnissen gehen sollte, dann eigentlich den lieben langen Tag machen soll (das ist sicher auch meiner Rentnerperspektive geschuldet, die ja so eine Art kleiner Kommunismus ist). Dann best\u00fcnde immer noch die Notwendigkeit, sich weiterzuentwickeln und auch ein wenig f\u00fcr Unterhaltung zu sorgen, und wie ginge das ohne gro\u00dfe deutsche Schriftsteller?<\/p>\n<p>\n<em>Christian Rempel in Zeuthen, den 25.12.2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Minierwerkzeug Fontane?&nbsp; Indem sie Gestalten Leben einzuhauchen verm\u00f6gen, behaupten die Schriftsteller eine eigene geistige Existenz, die, wenn es gelingt, sie zeitlichem und politischem Tagesgesch\u00e4ft \u00fcberlegen machen. 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