{"id":2994,"date":"2018-10-14T11:16:49","date_gmt":"2018-10-14T09:16:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=2994"},"modified":"2023-12-08T22:59:46","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:46","slug":"kolumne-kw-41-2018-abschied-von-einer-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/2994","title":{"rendered":"Kolumne KW 41 2018 &#8222;Abschied von einer Welt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Abschied von einer Welt<\/strong>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Herbst in seiner Pracht h\u00e4lt, was der Sommer versprochen hat. Auch er verw\u00f6hnt uns noch mit Sonne, die jetzt die Farben der Bl\u00e4tter zur Geltung bringen kann. Fast m\u00fcsste man schon auf das Jahr zur\u00fcckschauen, aber daf\u00fcr ist es noch zu fr\u00fch.<\/p>\n<p><!--more-->Und doch, es begann mit dem Geburtstag meines Lieblingsen\u00adkels und zu diesem Anlass sah ich meine gro\u00dfe Tochter Jane wieder und wir spielten gemeinsam ein Puppenspiel, an dessen Titel wir uns beide nicht mehr erinnern konnten, als ich mal diese kleinen Werke Revue passieren lassen wollte.<\/p>\n<p>\nZwei Tage sp\u00e4ter hatte meine Angebetete Geburtstag. Es ist mir auch entfallen, was ich ihr geschenkt habe. Wahrscheinlich wei\u00df sie es auch nicht mehr. Meine eigentlichen Geschenke sind Briefe und Gedichte, und sie sind nicht immer nur mit Liebe getr\u00e4nkt. Ich habe sie auch an prominente Personen geschickt und bis auf eine Ausnahme nie eine Antwort erhalten. Es muss wohl der Eindruck entstehen ich dr\u00e4nge mich auf. Das Kriterium, das Rainer Maria Rilke mal einem jungen Dichter in wundervollen Briefen nahelegte, dass dieser pr\u00fcfen solle, ob er um sein Leben nicht anders kann als schreiben, erf\u00fclle ich nicht. Zwar bezeugen diese Zeilen, dass ich es nicht ganz bleiben lassen kann, aber was wirkliche Werke betrifft schweigt es inzwischen in mir ganz von selbst.<\/p>\n<p>\nFrauen streben gern die Freundschaft an, die sie ja von Freundinnen her auch gut kennen. Dass es auch noch die Liebe geben soll, erscheint den meisten im Wortsinn nicht mehr verst\u00e4ndlich, es wird sogar als l\u00e4stig empfunden, denn das ist ein dem Tod verwandtes Gef\u00fchl, das kaum gelebt werden kann. Meistens ist es nur ein kurzzeitiges Hochgef\u00fchl, das die Natur in uns angelegt hat, um die Nachkommenschaft zu sichern. Mit der Zeit muss man sehen, dass es eben nicht anh\u00e4lt und sich durch N\u00e4he verschlei\u00dft. Daher erscheint es dem modernen, etwas feigen Men\u00adschen als das Beste, wenn man sich gar nicht mehr darauf einl\u00e4sst, um seine kleine Welt nicht zusammenbrechen zu lassen. Meine Liebe ist nun gar nicht erst ins Leben gekommen und es ist nicht mal das Betreten eines gemeinsamen oder \u00f6ffentlichen Raumes mehr m\u00f6glich, kein Blick und kein Wort. Wie w\u00fcst liegt da das Herz, man darf eigentlich gar nicht mehr leben, und trotzdem betrifft es einen nur ganz leicht, man ist freundlich, aufmerksam und tut gute Werke, gar nichts von Verbitterung oder verletzter Eitelkeit.<\/p>\n<p>\nDenn im Grunde kann man seine Liebe nicht verlieren. Wird der andere h\u00e4sslich und es mehren sich seine Falten, man sieht es nicht. Erz\u00e4hlt er einf\u00e4ltige Dinge und es gibt nichts, was ihn aus der Ruhe bringen kann, man h\u00f6rt es nicht. Ist des anderen Herz aus immerw\u00e4hrendem Eis und kann gar nichts mit einem anfangen, man sp\u00fcrt es nicht.<\/p>\n<p>\nMeistens sind das alles nur Ungeschicklichkeiten, die den Menschen passieren, die um Offenheit verlegen sind. Sie m\u00f6chten noch so freim\u00fctig alles und allen erz\u00e4hlen, was sie so fertiggebracht haben und noch an zu Bew\u00e4ltigendem vor ihnen steht, gegen\u00fcber einem Menschen, dem das Wagnis der Liebe das wichtigste Lebensziel ist, werden sie verstummen, den Sonderling meiden.<\/p>\n<p>\nUnd auch der Einsamkeit singt Rilke in seinen Briefen an den hoffnungsvollen Dichter Franz Xaver Kappus ein Hohelied, wobei man sich um die Sozialit\u00e4t einer solchen Lebenshaltung Sorgen machen kann. Bei der Frage, wer f\u00fcr diese Einsamkeit verantwortlich ist, der andere, die Welt oder er selbst, kann man schnell mit der Antwort bei der Hand sein: Nat\u00fcrlich er selbst. Er wird auch dieses Verdikt tragen, in seiner Einsamkeit, bis die Zeiten ihn erl\u00f6sen.<\/p>\n<p>\nZum Gl\u00fcck ist die Erscheinung der Sonderlinge marginal, sonst w\u00fcrde sich bald kein Rad mehr drehen, und die Dinge m\u00fcssen ja ihren Lauf nehmen. Allerdings steigen deren M\u00f6glichkeiten, weil die materiellen gestiegen sind und keiner mehr hungern muss, der ein Formular auszuf\u00fcllen versteht.<\/p>\n<p>\nUnd schlie\u00dflich ist selbst der gut funktionierende Mensch in gewisser Beziehung auch ein kleiner Sonderling, f\u00fcr dessen kleine Macken sich zu interessieren lohnt, denn jeder Mensch ist ein Universum.<\/p>\n<p>\n<em>Christian Rempel in Zeuthen, den 13.10.2018<\/em><\/p>\n<p>\n<strong>Herbsttag<\/strong><\/p>\n<p>Komm, es ist Zeit. Der Sommer war sehr gro\u00df.<br \/>\nNoch sind nicht Schatten auf die Sonnenuhren,<br \/>\ndoch auf die Fluren lass die Winde los. <\/p>\n<p>Befiehl den Fr\u00fcchten, voll und reif zu sein;<br \/>\ngib ihnen noch zwei s\u00fcdlichere Tage,<br \/>\nzur Vollendung dr\u00e4nge sie und jage<br \/>\ndie letzte S\u00fc\u00dfe in den schweren Wein. <\/p>\n<p>Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.<br \/>\nWer einsam ist, wird lange einsam bleiben,<br \/>\nwird wachen, br\u00fcten, lange Briefe schreiben,<br \/>\nund wird in den Alleen hin und her<br \/>\nunruhig wandern, w\u00e4hrend Bl\u00e4tter treiben. <\/p>\n<p><em>nach Rainer Maria Rilke<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abschied von einer Welt&nbsp; Der Herbst in seiner Pracht h\u00e4lt, was der Sommer versprochen hat. Auch er verw\u00f6hnt uns noch mit Sonne, die jetzt die Farben der Bl\u00e4tter zur Geltung bringen kann. Fast m\u00fcsste man schon auf das Jahr zur\u00fcckschauen,&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/2994\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-2994","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2994","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2994"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2994\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2996,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2994\/revisions\/2996"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2994"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2994"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2994"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}