{"id":2947,"date":"2018-07-22T16:01:04","date_gmt":"2018-07-22T14:01:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=2947"},"modified":"2023-12-08T22:59:46","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:46","slug":"oh-musen-lasst-mich-schweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/2947","title":{"rendered":"Oh Musen, lasst mich schweigen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Oh Musen, lasst mich schweigen<\/strong>&nbsp;<\/p>\n<p>K\u00f6nnte man selbst, als Kundiger und F\u00fchlender, den deutschen Buchpreis verleihen, er k\u00e4me keinem anderen als Hans Pleschinski zu, f\u00fcr sein Werk \u201eWiesenstein\u201c, einer Destille der historischen Wahrheit, die Jahrzehnte ben\u00f6tigt hat, das Geschehene zur hochprozentigen Wahrheit werden zu lassen und uns in eine Welt des vergehenden Luxus eines Musentempels, den Wiesenstein, im Riesengebirge f\u00fchrt, ehemals dem deutschen Schlesien angeh\u00f6rig und Wirkungsort des Dramatikers und Dichters Gerhart Hauptmann. Bei aller Verstrickung verdient, kann sich der Nobelpreistr\u00e4ger in dem von ihm selbst erbauten Anwesen mit seiner Entourage umgeben und zum Kriegsende und dar\u00fcber hinaus ein kulturelles Leben aufrecht erhalten, das sich im Wesentlichen von seinen eigenen Werken n\u00e4hrt, die umfangreich und gut sind, und die man sich immer wieder vorlesen kann. Goethe hatten wohl er und auch der sogenannte Dr. Spitz (Thomas Mann in Amerika) ihren Wohlstand zu verdanken, denn jener trat seinerzeit daf\u00fcr ein, dass die Urheber geistiger Werke auch ihren Anteil hatten an jeglichen Nachdrucken und es somit zu Reichtum bringen konnten. Man m\u00f6chte das legitim erworben nennen. Ist doch eine Verg\u00fctung nichts weiter als gesellschaftliche Anerkennung, und auf den Pr\u00fcfstand des Gefallens, der Ergiebigkeit f\u00fcr die Seele hatten alle K\u00fcnstler ihre Werke zu stellen, und in diesen Versuchen waren sowohl Erfolge als auch Gezisch zu ertragen.<\/p>\n<p>\nEs war ruhig geworden um Gerhart Hauptmann in der Gegenwart. Seine sozialen Werke hatten mit dem Untergang des Sozialismus keinen Bestand mehr, seine religi\u00f6sen Attit\u00fcden passen auch wenig in die heutige Zeit. Dichtung steht allgemein nicht hoch im Kurs, gerade wenn man ihr den Dunst des Belehrens anzumerken meint. Pleschinski aber hebt diesen Schatz und umgibt ihn mit der Aura der historischen Wahrheit vermittels der Geschehnisse am Ausgang des Zweiten Weltkriegs. Er vermeidet die Einseitigkeit vieler Beschreibungen von heute vom Schicksal der Vertriebenen, stellt diese immer wieder in den Kontext der Verbrechen, denen sich die Deutschen zuvor schuldig gemacht hatten. Dieser Kollaps menschlicher Werte im Kriegsverlauf, der nur mit dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg vergleichbar sein mag, h\u00e4tte nur durch eine Wunderwaffe verhindert werden k\u00f6nnen, womit aber nicht die Bombe gemeint sein kann, sondern die Kultur. Jedes europ\u00e4ische Volk verf\u00fcgte \u00fcber so etwas und die Besinnung darauf kann ja auch keinem anderen Volk schaden. Die Deutschen, die in ihren deutschesten Zeiten wohl gern auf den Untergang zusteuern, hatten eigentlich eine besonders hochstehende Kultur, die sich heute leider zu verlieren droht. Diese kann zu einem Gutteil aus Sprache bestehen, wenn diese versagt, hat man dann noch die Musik usw.. Man kann die Rolle der Kultur und deren Einwirkung auf Handlungen zwar auch \u00fcbersch\u00e4tzen (\u201eDas Fremde \u00fcbersch\u00e4tzt man nicht, das Vertraute umso mehr\u201c), aber wie vieles war durch sie eben vorbedacht und ausprobiert. Trotzdem hat es dieses Desaster gegeben und man m\u00fcsste eigentlich als einzige Konsequenz in Schweigen verfallen, aber Pleschinski schweigt nicht, bringt uns die Facetten von Hauptman nahe und hat auch Eigenes an Dialogen zu bieten, wie sie stimmiger nicht sein k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>\nDiese Gesellschaft, bestehend aus Hauptmann und seiner zweiten Frau, dem Diener, der Zofe, dem G\u00e4rtner, dem Masseur, der Krankenschwester, dem Biographen, der Sekret\u00e4rin, der K\u00f6chin und einigen anderen, ist schon die halbe Aufstellung zu einem gro\u00dfen Drama \u00fcber den Dramatiker selbst, den er aber gar nicht so in den Mittelpunkt r\u00fcckt, sein Leben ist ja auch am Verl\u00f6schen, sondern die j\u00fcngere Generation, insbesondere den Masseur Paul Metzkow und die Sekret\u00e4rin Anni Pollak, die aber manchmal, und das ist vielleicht der einzige kritische Punkt an Pleschinskis Werk, als dem Meister \u00fcber dargestellt werden als gekonnte Rezipienten und Leuten, die noch eine Zukunft haben. So ist auch der einzige st\u00f6rende Abschnitt des Buches der, wo Metzkow mit einer sch\u00f6nen deutschen Kaffehausbesitzerin ins Bett steigt.<br \/>\nDer Roman beginnt mit der abenteuerlichen Abreise Hauptmanns aus dem zerst\u00f6rten Dresden, mit knapper Not dem Inferno entkommen, was ihn dann auch im Glauben an die Kultur, auch der westlichen Alliierten lebensgef\u00e4hrlich ersch\u00fcttert hat. Noch glaubt er, zur\u00fcckgekehrt in sein Wiesenstein, sagen zu k\u00f6nnen: \u201eIch wei\u00df, dass in England und Amerika gute Geister genug vorhanden sind, denen das g\u00f6ttliche Licht der Sixtinischen Madonna nicht fremd war und die vom Erl\u00f6schen dieses Sterns allertiefst getroffen weinen.\u201c Das wurde von den Nazis gestrichen, und  auch die Passage: \u201eVon Dresden aus, von seiner k\u00f6stlich-gleichm\u00e4\u00dfigen Kunstpflege in Musik und Wort sind herrliche Str\u00f6me in die Welt geflossen, auch England und Amerika haben durstig davon getrunken,\u201c wurde dann in ein \u201ehaben sich berauscht\u201c verbogen. Kein Wort seiner Klage sollte hinzugef\u00fcgt oder weggelassen werden, aber er war eben nur ein Instrument in einer viel weniger kunstbeflissenen und kosmopolitischen Welt des Nazismus.<\/p>\n<p>\nMit Hauptmann gemein habe ich das Misstrauen gegen\u00fcber dem Visuellen. Er war kein Filmliebhaber, auch wenn einige seiner Werke verfilmt worden waren, wie Atlantis, indem der Untergang der Titanic vorweggenommen worden war, der Held aber zu den \u00dcberlebenden z\u00e4hlt, ein Mikrobiologe, dessen Frau dem Wahnsinn verfallen war und er einer ber\u00fcckenden T\u00e4nzerin Mara verf\u00e4llt, die von Ida Orloff gespielt worden war, die schon sechzehnj\u00e4hrig das Hannele in deren Himmelfahrt gegeben hatte, zu der er selbst auch in Leidenschaft entbrannte. Sie hat sich dann, sechsundf\u00fcnfzigj\u00e4hrig, so vor dem Einmarsch der Russen in Wien und den Vergewaltigungen gef\u00fcrchtet, dass sie sich das Leben genommen hat, als diese Soldateska wirklich nahte. Wenn man bedenkt, dass das bei ihr schon ein einigerma\u00dfen vorger\u00fccktes Alter war und meine Angebetete, bei der man so etwas keinesfalls als Vorstellung zulassen m\u00f6chte, erst 53 ist, so kann es einen grausen. Die Gattin Hauptmanns muss seine Aff\u00e4re mit der Schauspielerin duldend hingenommen haben, vielleicht muss man einem Schriftsteller, der ja von irgendwo seine Eindr\u00fccke hernehmen muss, so etwas zugestehn, wie es \u00fcberhaupt als selbstverst\u00e4ndlich galt, dass er seine Umgebung eben zum Zwecke der Bewunderung einspannte und sie dabei wohl auch gut und niveauvoll unterhielt.<\/p>\n<p>\nNat\u00fcrlich erf\u00e4hrt man auch Biographisches, dass er als Wirtshauskind aufwuchs, sein Vater bankrottierte, dass er zwei Br\u00fcder hatte, Carl und Georg und sich Gerhart zun\u00e4chst in der Landwirtschaft, dann als Bildhauer versuchte und er eigentlich durch Carl zum Dichten kam. Dass die drei Br\u00fcder drei Schwestern reicher Kaufmannsherkunft ehelichten und ihnen erst das ein sorgenfreies, selbstverwirklichtes Leben erm\u00f6glichte. Die Jahre in Berlin und Erkner werden erw\u00e4hnt, dass Gerhart ein Lungenleiden gehabt hat und wie er dann, nachdem er schon drei S\u00f6hne sein eigen nannte, Ivo, Eckart und Klaus, f\u00fcr die Geigenvirtuosin Margarete Marschalk entbrannte und er es sich mit der Scheidung nicht leicht machte, sogar die Mitgift zur\u00fcckzahlte. Wie er als nackter Bogensch\u00fctze des Morgens Hugo von Hoffmannsthal in Verlegenheit brachte, der eines Adams noch nicht ansichtig geworden war, oder sich nach durchzechter Nacht in die Ostseefluten st\u00fcrzte auf seinem Anwesen auf Hiddensee und schlie\u00dflich auch das Zerrbild, des saufenden, stotternden und S\u00e4tze nicht zu Ende bringenden selbstverliebten Pepperkorn in Thomas Manns Zauberberg. Sein Schlafgemach, \u00fcber dem Bett immer bekritzelt mit n\u00e4chtlichen Einf\u00e4llen, alles das nun Museales.<br \/>\nDie Vorg\u00e4nge im Tal waren so schrecklich, dass es die arglose Natur um Wiesenstein adelte. Und immer wieder dort Gespr\u00e4che und Lesungen, auch aus den griechischen Dichtungen um das mykenische Artridengeschlcht, zu denen Iphigenie, Agamemnon, Klytaimnestra, Elektra und Orest geh\u00f6ren, und Hauptmann reflektierte die blutende Welt: \u201eWer mag vom Hades getrennt sich f\u00fchlen in der oberen Welt?\u201c Die Finsternisse, ein St\u00fcck von 1938, das von der Begebenheit handelt, dass ein Arier verbotener Weise an der Trauerfeier eines j\u00fcdischen Fabrikanten teilnimmt, was auf ein pers\u00f6nliches Erlebnis Hauptmanns zur\u00fcckgeht und er in seiner Angst vernichtet hatte, tauchte wieder auf, von einem polnischen Kulturverantwortlichen mitgebracht, und trug nun dazu bei, seine Verstrickung nicht allzu tragisch einzuordnen. Ein Besuch Johannes R. Bechers auf Wiesenstein  mit verlockenden Angeboten, die der dem Tode nahe Hauptmann aber nicht annehmen kann, kommt erfreulicherweise ganz ohne Hetze aus und ist ein Mosaikstein in der durchaus glaubhaften und profunden Beschreibung der Nachkriegsvorg\u00e4nge. Zum H\u00f6hepunkt des Romans gestaltet sich dann ein Dinner, von dem nicht viel verraten sein soll, nur eben, dass die Dialoge meisterhaft sind und vom sch\u00f6pferischen K\u00f6nnen des Autors zeugen.<\/p>\n<p>\nIch m\u00f6chte dem Ganzen noch eine etwas pers\u00f6nliche Wendung geben. Man kann sich fragen, ob diese Art Hofhaltung eines Laureaten mit dem entsprechenden materiellen Aufwand seine Rechtfertigung hat. Auch ohne die umgebenden Umst\u00e4nde von Hunger, Tod und Vertreibung, w\u00e4re eine solche Lebensart zu hinterfragen, denn eigentlich ist ja jede gut ausgef\u00fchrte Arbeit genauso viel wert, aber indem sich Pleschinski auch allen Satelliten und Angestellten en detail widmet, wird f\u00fcr ihn diese Frage, bei allem Langmut bez\u00fcglich des Wohllebens einzelner, eben beantwortet und sein Roman ist ein gro\u00dfer Wurf.<br \/>\nBesonders hat mich die Rolle von Frau Doktor, Margarete Hauptmann beeindruckt, wie sie jeden verbalen Angriff auf ihren Mann oder auch nur atmosph\u00e4rische St\u00f6rung im Keim zu ersticken wei\u00df, die wohl anderseits nicht mal in der Lage war, ein Ei zu trennen. Sie hat ja ihren Mann um zehn Jahre \u00fcberlebt, ging in den Westen und wurde dort noch von der Schwester Maxa betreut, die sich schon beim Hausherrn n\u00fctzlich gemacht hatte. Mir scheint diese uneigenn\u00fctzige Dienstbarkeit, f\u00fcr die Frauen ja so ein Talent besitzen, heute leider der Vergangenheit anzugeh\u00f6ren, weshalb ich mit einer Adaption auf ein Wort Gerhart Hauptmanns schlie\u00dfen m\u00f6chte:<\/p>\n<p><strong><br \/>\nWo bist Du, Gesicht, Du mein Frauengebild<br \/>\nIm Dulden die Gr\u00f6\u00dfe, im Fordern so mild?<br \/>\nJa, solche Frauen findet man heute nicht mehr und der Ausruf des Dichters, der alles beinhaltet, was ein sch\u00f6pferischer Mann kann, der in einem Alter ist, wo er schon gefragt wird:<br \/>\nNein, das ist ja doch zu keck<br \/>\nwie kann er es nur wagen<br \/>\n\u2026 mit Liebe mich zu plagen?<br \/>\nJa wenn er doch ein Ritter w\u00e4r<br \/>\nfein zierlich, jung an Jahren,<br \/>\nwir lockten ihn mit Weiberlist.<br \/>\nDann ist es eine v\u00f6llige Illusion, noch das auszurufen, wozu man trotz allem noch in der Lage ist:<br \/>\nOh Musen, helft mir schm\u00fccken.<br \/>\nSie ist mein!<\/p>\n<p><\/strong><br \/>\n<em>C.R. 12.7.2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oh Musen, lasst mich schweigen&nbsp; K\u00f6nnte man selbst, als Kundiger und F\u00fchlender, den deutschen Buchpreis verleihen, er k\u00e4me keinem anderen als Hans Pleschinski zu, f\u00fcr sein Werk \u201eWiesenstein\u201c, einer Destille der historischen Wahrheit, die Jahrzehnte ben\u00f6tigt hat, das Geschehene zur&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/2947\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-2947","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-leseproben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2947","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2947"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2947\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2949,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2947\/revisions\/2949"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2947"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2947"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2947"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}