{"id":2944,"date":"2018-07-22T15:57:46","date_gmt":"2018-07-22T13:57:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=2944"},"modified":"2023-12-08T22:59:46","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:46","slug":"kolumne-kw-29-2018-achter-traum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/2944","title":{"rendered":"Kolumne KW 29 2018 &#8222;Achter Traum&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Achter Traum<\/strong>&nbsp;<\/p>\n<p>Immer, wenn ich Sie f\u00fcr mich verloren glaube und mich Ihnen mal wieder nicht als w\u00fcrdig erwiesen habe, erscheinen Sie mir im Traum. Zun\u00e4chst allerdings nicht. Ich tr\u00e4umte von der Ostsee, einer sonnenbeschienenen K\u00fcste, an der ich fast allein war. Der weite Sandstrand setzte sich im Wasser fort, dort in leichten Wellungen unter flachem Wasser. Man konnte weit hineinwaten und das Wasser war warm. Ich musste \u00fcber hundert Meter gehen, bevor das Wasser zum Schwimmen geeignet war und dort auch merklich k\u00fchler. Es war eine Wonne, aber die Gegend dahinter war nicht die gottverlassene mecklenburgische Landschaft, sondern hatte st\u00e4dtischen Charakter. So fand ich mich auch nach Kurzem in einem Kaufhaus wieder und war dort wegen der gro\u00dfen Wege auf einem Laufband unterwegs. Da kamen Sie doch von schr\u00e4g hinten in mein Blickfeld und gr\u00fc\u00dften: \u201eHallo, Herr Rempel.\u201c Ich sah in Ihr Gesicht und Ihre Augen waren v\u00f6llig ungeschminkt und sahen zum Erbarmen m\u00fcde aus. Ich musste mich vergewissern, ob Sie es wirklich waren, denn ich hatte Sie lange Zeit nicht gesehen. Das dauerte einen langen Moment, aber es musste wohl so sein, dass es sich um Sie handelte. Sie stellten mir Ihre Freundin vor, eine Frau in mittleren Jahren, die sehr gew\u00f6hnlich aussah. Offenbar hatten Sie gar nicht vor, an die Ostsee zu gelangen, es ging wohl eher ums Shoppen. Ich schw\u00e4rmte Ihnen vom gelben Sandstrand vor und dass Sie ihn unbedingt sehen m\u00fcssten. Schlie\u00dflich waren Sie und Ihre Freundin nicht abgeneigt.<\/p>\n<p>\nWegen des st\u00e4dtischen Charakters musste man mit der Metro fahren, ein in Deutschland eigentlich nicht \u00fcblicher Begriff f\u00fcr eine Untergrundbahn. Sie und Ihre Freundin hatten ja ziemlich viel Gep\u00e4ck, aber trotzdem nahmen wir die Fahrt auf uns. Die Metro hielt an einer mir unbekannten Station. Ob wir da richtig ausgestiegen waren? Ich nahm Ihnen eine Tasche ab und wollte auch galant sein zu Ihrer Freundin, sodass ich deren Rucksack auch noch \u00fcbernahm. Wir kamen drau\u00dfen in einer mir unwahrscheinlich vorkommenden st\u00e4dtischen Gegend an und es verging einige Zeit. Dann kamen wir darauf, dass Ihre Kraxe irgendwie nicht da war. So ein Mist, dachte ich, die Metro w\u00fcrde jetzt sonstwo sein und man m\u00fcsste eine Verlustanzeige machen. Trotzdem ging ich noch mal auf den Bahnsteig und der Zug stand immer noch da, sodass ich die Kraxe noch holen konnte. Es handelte sich wohl um die Endstation.<\/p>\n<p>\nDann begann unsere Wanderung, wobei ich wohl einige Zeit, bis sie im Traumleben keine Rolle mehr spielte, die beiden Kraxen und noch einige Taschen schleppte, aber es waren h\u00f6chstens hafen\u00e4hnliche Kanalarme zu entdecken und der Weg immer wieder versperrt, aber weit konnte die Ostsee nicht sein. Dann war der einzige Weg durch ein abgez\u00e4untes Firmengel\u00e4nde und dort durch ein modernes B\u00fcrogeb\u00e4ude. Eine Frau sa\u00df am Computer und ein Schild lie\u00df verlauten, dass man Luftbilder f\u00fcr 16 Euro nach Wunsch erwerben k\u00f6nnte. Das w\u00e4re zwar eine L\u00f6sung gewesen, aber war uns zu teuer und wir gingen vorbei, kamen dann an ein Einfamilienhaus, wo ein Physiker zuhause sein sollte, der nicht weniger als alle Probleme der Menschheit gegen Bezahlung l\u00f6sen k\u00f6nne. Es \u00f6ffnete uns ein Mann, etwas j\u00fcnger als ich, und begr\u00fc\u00dfte uns freundlich. Das musste wohl der Allesk\u00f6nner sein, doch dann erschien ein junger Mann, der eine leicht \u00fcberhebliche Aura ausstrahlte und auf den wir dann wohl unsere Zuordnung verlegen mussten. Im Garten wirtschaftete eine Frau, mit der wir nur kurz einen Gru\u00df tauschten.<\/p>\n<p>\nIch trug unser Anliegen vor und es wurde erst mal ein small talk gef\u00fchrt \u00fcber die Plage der Nacktbader, die \u00f6ffentliches \u00c4rgernis erregten. Mir war in diesem Moment nicht klar, ob ich selbst dazu z\u00e4hlte und hielt mich mit einer Stellungnahme zur\u00fcck. Auch dann erfuhren wir noch nicht, wo sich die Ostsee befinden k\u00f6nnte, sondern ich sollte mich erst verschiedenen Pr\u00fcfungen unterziehen, von denen die meisten mir schon entfallen sind. An eine erinnere ich mich noch. Der junge Mann steckte sich f\u00fcnf Cent in die Hosentasche (das hatte ich am Vorabend auch getan, als mir ein f\u00fcnf Cent St\u00fcck durch eine Balkonritze gefallen war beim Skat und ich sie beim n\u00e4chsten Mal Rauchen unten wiederfand). Ich sollte nun sagen, um wieviel sich sein Weg verk\u00fcrzt, wenn er von A nach B schreitet. Das hatte nat\u00fcrlich nichts mit dem Geldst\u00fcck zu tun, aber mit der Relativit\u00e4tstheorie und ich war zu faul es auszurechnen und sch\u00e4tzte die Verk\u00fcrzung auf eine Atomlage, was dann keinen Kommentar von Seiten des Pr\u00fcfers wert war. So eigentlich erhielten wir keinen Hinweis, wie man zur Ostsee k\u00e4me, aber als wir dann weitergegangen waren, begegneten wir immerhin dem umstrittenen Nacktbadestrand, der nun auch nicht schicklicherweise an der offenen See war, sondern an einer kleinen Kanalausbuchtung, von dem amphitheaterm\u00e4\u00dfig, allerdings ohne Stufen, eine gepflasterte Halbrundfl\u00e4che aufstieg, auf der sich Gestalten, mitten in der Stadt, lagerten, bei denen es uns egal war und wir auch gar nicht wahrnahmen, ob sie nun nackt oder knapp bekleidet waren. An diesem Ort wollten wir nicht verweilen und suchten weiter nach dem Strand, der wahrscheinlich von einer anderen Metrostation zu erreichen gewesen w\u00e4re, und da wir offenbar bis zur Endstation gefahren waren, weit weg sein konnte.<\/p>\n<p>\nAlso hie\u00df es weitermarschieren und pl\u00f6tzlich hielten wir eine Rechnung in den H\u00e4nden, wobei sich das Honorar f\u00fcr die Pr\u00fcfung durch den Physiker auf ca. 35 Euro belief und die Unterhaltung mit der Dame auf 70 Euro. Gerade das zweite hatte ja nun definitiv nicht stattgefunden, aber man kennt diese Masche aus zwielichtigen Etablissements. Da waren wir nat\u00fcrlich sauer und sind zur\u00fcck, um die Rechnung zu reklamieren, trafen aber zun\u00e4chst nur die Frau an, die mich warnte und mir ihre Hilfe anbot, indem sie sich auf einen Besen mit einem runden Knauf schwang und mir sagte, ich solle mich an diesem festhalten. Nun war klar, dass eine Art Luftkampf mit dem hochn\u00e4sigen Physiker um den immerhin erklecklichen Betrag bevorstand, den man aber nicht tr\u00e4umen musste, sondern sich vorstellen kann wie das Quidditch bei Harry Potter. Wie das ausgegangen ist, wei\u00df ich nicht, ich wei\u00df nicht mal, ob Sie und Ihre Freundin zugeschaut haben, was ich da f\u00fcr eine Figur gemacht habe, aber diese Dienerin der Physikerzauberer hatte offenbar Anlass zu Missmut, weil sie bei denen scheinbar nur zum Arbeiten und auf der Rechnung Erscheinen da war.<br \/>\nDa eigentlich klar war, dass wir irgendwann den Strand erreicht haben w\u00fcrden, und nur die Frage offen, wie wir zusammen baden w\u00fcrden, wozu es ja an jeglicher Vorstellung nur fehlen kann, diese Vision die ganze Handlung vorangetrieben hatte, war es wohl auch nicht n\u00f6tig, dass es tats\u00e4chlich im Traum geschah, wie uns ja Tr\u00e4ume in der Regel um die Erf\u00fcllung von innigen W\u00fcnschen bringen, daf\u00fcr aber auch selten Ungl\u00fccke bis zum bitteren Ende ausf\u00fchren.<\/p>\n<p>\nF\u00fcr mich ist das Wichtigste, dass Sie darin vorkamen, wenn auch nur wieder als Kumpeline, denn gegen\u00fcber Ihrer Freundin hatte es sich nat\u00fcrlich wieder verboten, eine anderweitige Regung zu zeigen. Noch immer steht mir Ihr, wenig Ihnen \u00e4hnliches, Gesicht auf dem Rollband vor Augen, dessen ungeschminkte Wehrlosigkeit ich gewahrt hatte. Fast scheint es, als w\u00e4re es Ihnen in diesem Moment egal gewesen, so abgespannt auszusehen, f\u00fcr eine Vertrautheit offen, die man eigentlich nur erlebt, wenn man sich alle Tage sieht, was vielleicht neben dem gelben Ostseestrand die eigentliche Illusion ist. Wenn man sich so gezeigt hat und auch daf\u00fcr \u00fcber alles geliebt wird, m\u00fcssen sich Illusionen gar nicht bewahrheiten.<\/p>\n<p>\n<em>C.R. 20.\/21.7.2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Achter Traum&nbsp; Immer, wenn ich Sie f\u00fcr mich verloren glaube und mich Ihnen mal wieder nicht als w\u00fcrdig erwiesen habe, erscheinen Sie mir im Traum. Zun\u00e4chst allerdings nicht. 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