{"id":2891,"date":"2018-05-23T13:57:46","date_gmt":"2018-05-23T11:57:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=2891"},"modified":"2023-12-08T22:59:46","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:46","slug":"woran-denn-nun-zerbrochen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/2891","title":{"rendered":"Woran denn nun zerbrochen?"},"content":{"rendered":"<p>Auch dieses Buch eine Empfehlung, diesmal von Jane. Ich hatte mir \u201eRummelplatz\u201c von Werner Br\u00e4unig, dem jungverstorbenen DDR Autor, besorgt und war, wie von den meisten B\u00fcchern, zumal noch umfangreichen, erst gar nicht erbaut, sagte das auch Jane, aber sie entlie\u00df mich nicht aus der Verpflichtung, bis dass ich den Kelch des Lesens bis zur Neige geleert haben w\u00fcrde. Da hatte er es also auf \u00fcber sechshundert Seiten gebracht und hat dann druntergeschrieben: Ende des ersten Bandes. Also muss er die Absicht gehabt haben, seinen Lebensroman noch weiterzuf\u00fchren, dieser erste Band handelt von nur vier Jahren DDR Geschichte, einige diffuse Szenen spielen auch im Westen, mit denen er nun gleich gar nicht zurechtkommt.<\/p>\n<p><!--more-->Als Br\u00e4unig das schrieb, war er etwa 30 und hatte ein bewegtes Leben hinter sich, das der Authentizit\u00e4t des Buches sehr zutr\u00e4glich war, obwohl er auf konkrete Beschreibungen nicht angewiesen ist, er kann wie ein begnadeter Schriftsteller auch seitenlang fabulieren, Naturerscheinungen verherrlichen oder manchmal auch politisieren. Eigentlich entsprach das genau dem Bitterfelder Weg, den er 1959 mit einl\u00e4uten half mit dem Aufruf: \u201eGreif zur Feder, Kumpel!\u201c Aber diese Authentizit\u00e4t brachte eben Dinge zutage, die selbst der inzwischen ausgegebenen Devise von der Verbindung von Leben und Kunst zu sehr auf den Senkel gingen. Es gab eine Diskussion um den Vorabdruck eines Kapitels seines Romans, die letztlich darin endete, dass er nicht zu retten war f\u00fcr eine Publikation, in den ganzen DDR Zeiten nicht, sondern sogar erst 2007 erschien, als nun wirklich alles schon gegessen war.<\/p>\n<p>\nSpielort des Romans ist die Wismut, einem Staat im Staate, der der Sowjetunion die Rohstoffe f\u00fcr das Atomprogramm lieferte, den Abbau der Pechblendevorkommen im Erzgebirge, aus denen sich spaltbares Uran 235 gewinnen lie\u00df. Dort siedelt er eine Handvoll Charaktere an, die dieser schweren Arbeit unter Tage fr\u00f6nen, die Fl\u00fcchtlinge, Draufg\u00e4nger und verhinderte Studenten sind und denen von der sowjetischen Verwaltung die Normen vorgegeben werden, im von Sowjetsoldaten bewachten Sperrgebiet. Dort ist auch der integre Kommunist Hermann Fischer, der verwitwet ist und mit seiner Tochter Ruth zusammenlebt, die das Bindeglied zum zweiten Handlungsort, einer Papierfabrik, herstellt, wo sie t\u00e4tig ist und eines Tages die Idee hat, dass auch die k\u00f6rperlich schwere und verantwortungsvolle Arbeit eines Maschinenf\u00fchrers von einer Frau ausgef\u00fchrt werden k\u00f6nnte. Man muss sich schon in der Terminologie des Bergbaus auskennen und w\u00fcnschte sich eine Zeichnung von der Papiermaschine, um die jeweiligen detaillierten Beschreibungen nachvollziehen zu k\u00f6nnen. In der eigenen Identifikation kann sich der Autor nicht recht festlegen und scheint zu schwanken zwischen dem draufg\u00e4ngerischen Peter Loose und dem sich wegen falscher sozialer Herkunft rehabilitierenden und zum Studium qualifizierenden Christian Kleinschmidt. Peter Loose macht dann auch fast alles durch, was Br\u00e4unig selbst erlebte, bis hin zur einigerma\u00dfen ungerechtfertigten und \u00fcberzogenen Gef\u00e4ngnishaft. Christian Kleinschmidt steht eher f\u00fcr seine sp\u00e4tere eigene akademische Laufbahn, und man darf ja auch nicht vergessen, dass Bildungsaneignung bis auf den heutigen Tag f\u00fcr die ideale Lebensform gehalten wird, weshalb dann immer recht wenige Leute \u00fcbrigbleiben f\u00fcr die schlechtbezahlten Knochenjobs.<\/p>\n<p>\nIn der Zeche geht alles mehr oder weniger seinen Gang und die Helden schlagen nur in der Freizeit mit Saufgelagen und Kraftproben \u00fcber die Str\u00e4nge. Nachvollziehbarer sind die politischen Vorg\u00e4nge in der Papierfabrik, wo dann zum Beispiel die komplette Betriebsleitung in den Westen t\u00fcrmt, was einen sehr an die Zeiten nach der Wende erinnert, wo \u00e4hnliche Mechanismen in Gang kamen. Sehr gut gefallen kann einem auch das Portrait des Fachmannes Dr. Jungandres, der sich nicht absetzt, aber auch keinerlei Affinit\u00e4t zur sozialismusgeschw\u00e4ngerten Politik hat. Von diesen loyalen Fachm\u00e4nnern h\u00e4tte es wahrscheinlich mehr geben m\u00fcssen. Dieses ganze Misstrauen und der Schematismus der Jahre von der Republikgr\u00fcndung bis zum 17. Juni 1953 kommt sehr lebendig zum Ausdruck und nat\u00fcrlich war das auch noch eine Zeit, wo es das Ziel war, m\u00f6glichst viele Menschen zu dirigieren und diese als Arbeitskraft unentbehrlich waren, w\u00e4hrend man sich heute ganz gut vorstellen kann, mit m\u00f6glichst wenigen auszukommen und man den \u00dcberz\u00e4hligen noch Hartz IV bezahlen muss.<\/p>\n<p>\nDer Titel Rummelplatz wurde dem Vernehmen nach vom Publikum gepr\u00e4gt, wohl wegen des Vorabdrucks eines Kapitels, das unter anderem davon handelt, wie die Kumpels sturzbesoffen einen Rummelplatz unsicher machen und den Rekord an der \u00dcberschlagschaukel brechen wollen. Bei der Sichtung des Gesamtwerkes zeigt sich diese buntschillernde Eigenschaft aber auch inhaltlich und formell. Es wechseln instinktbetonte und drastische Szenen mit dem gelegentlichen Aufscheinen eines Ideals ab, das dann durchaus ein sozialistisches ist. F\u00fcr besonders gelungen und als die eigentliche Perle des Romans kam mir die Liebesbeziehung zwischen Ruth, der Kommunistentochter, und Nickel, dem jungen Personalleiter in der Papierfabrik vor. Sie entwickelt sich ganz zaghaft und bringt dann doch eine solche Ver\u00e4nderung in deren Leben, dass die hagestolze Ruth sichtlich aufbl\u00fcht, zur Freude aller in ihrer Umgebung. Nickel, der nat\u00fcrlich Genosse ist, muss dann auf einen vierw\u00f6chigen Lehrgang und ist nicht in der Lage, Pers\u00f6nliches schriftlich auszudr\u00fccken, eben jene Unbeholfenheit, die doch auch zu einem Gutteil auf den kulturellen Verlust durch Dogma- und Schematismus zur\u00fcckzuf\u00fchren war, der in dieser Zeit herrschte. Ruth geht es zun\u00e4chst genauso, aber ihr gelingt es, sich von dieser Fessel zu befreien und einfach frei zu schreiben, was ihre Gef\u00fchle und Erlebnisse waren. Trotzdem lauert sich der Autor in diesem sch\u00f6nen Belang schon selber auf und will wieder zerst\u00f6ren, was er da beinahe Ergreifendes geschaffen hatte. Es soll wohl seine Absicht gewesen sein, beide erst heiraten zu lassen, um sich dann eine Scheidung auszudenken, aber in der vorliegenden Fassung gibt es nur ein schlichtes Zerw\u00fcrfnis an der Frage, ob sie von ihrem Arbeitsplatz weg eine Funktion\u00e4rslaufbahn einschlagen soll, was sie idealtypischer Weise aber strikt ablehnt und dann zutage kommt, dass diese sch\u00f6ne Liebe eben auch nur auf Sand gebaut war.<\/p>\n<p>\nVielleicht hatte sich Br\u00e4unig auch selbst in die Gestalt verliebt. Jedenfalls kommt er als Christian, der inzwischen studieren darf und den Studentensommer noch mal in der Wismut verbringt, dann noch mal in das Haus des Kommunisten Fischer, um mit diesem eine geniale Zeichnung und Berechnungen auszuf\u00fchren, und da ist auch der Nickel zugegen, der sich nie die Sympathie des zuk\u00fcnftigen Schwiegervaters hatte erwerben k\u00f6nnen, und Nickel ist nur noch ein gerade so geduldetes M\u00f6belst\u00fcck, das sang und klanglos abzutreten hat, w\u00e4hrend Ruth ihr sch\u00f6nes Auge auf die anderen beiden M\u00e4nner heftet, deren einer ihr Vater ist und der andere eben Christian Kleinschmidt, das eine alter Ego des Autors, beide intensiv besch\u00e4ftigt mit utopischer wissenschaftlicher T\u00e4tigkeit eines Selbstretters f\u00fcr Bergleute, wo allerlei Zeichnungen zu fertigen sind und Berechnungen anzustellen. Dieser Christian, mein Namensvetter und Professorensohn wie ich, hat ansonsten keinerlei Beziehung zum weiblichen Geschlecht. Dieses Feld, das Br\u00e4unig wohl auch ausgiebig beackert hat, \u00fcberl\u00e4sst er eben au\u00dfer dieses hoffnungsvollen Blickkontaktes des Christian eben ausschlie\u00dflich dem anderen alter Ego, dem Peter Loose, der zu dieser Zeit im Knast weilt, den Br\u00e4unig nun auch aus eigener Erfahrung kennt und er selbst hatte ja auch zwei Frauen und f\u00fcnf Kinder, soll allerdings ein schm\u00e4chtiger Typ gewesen sein, also k\u00f6rperlich dem Christian \u00e4hnlicher als dem Peter Loose. Peter hat immer mal Liebschaften und w\u00e4hrend seiner jahrelangen Haftzeit auch eine treue weibliche Seele, die daher ausnahmsweise f\u00fcr den Autor tabu ist, auf die er kein eigenes Auge zu werfen wagt.<br \/>\nDas Finale ist dann der siebzehnte Juni 1953, als Fischer und Christian nichtsahnend eine Dienstreise ins rumorende Halle machen, in die Unruhen verwickelt werden und Hermann Fischer dann letztendlich ums Leben kommt. Als sie attackiert werden, w\u00fcnscht sich Christian den Superman Peter Loose herbei, der sie sicherlich rausgehauen h\u00e4tte, denn dieser stellt eben das Ideal des ehrlichen Raufbolds dar, einer Rolle, in der sich auch der Autor ganz gut gefallen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>\nDer Vorzeigeschreibendearbeiter Werner Br\u00e4unig, der dann auch streckenweise am Literaturinstitut lehrte, kann sich nicht entschlie\u00dfen, seinen Roman so zu gl\u00e4tten, dass er publikationsf\u00e4hig wird, was dann Jahrzehnte sp\u00e4ter dann doch wohlmeinende Seelen f\u00fcr gegeben halten, diesen Roman sogar als eine Entdeckung herzeigen. Br\u00e4unig konnte sich auch nicht entschlie\u00dfen, einen zweiten und dritten Band zu schreiben, wie es sein angenommenes Vorhaben war. Man kann nun munkeln, ob diese Form f\u00fcr ihn sowieso eine Nummer zu gro\u00df gewesen w\u00e4re, oder ob er an den Verh\u00e4ltnissen zerbrochen ist. Er soll dann zum Schluss in einer Einraumwohnung in Halle Neustadt gehaust haben und sich zu Tode gesoffen haben. Er war sicher kein Dissident oder Widerst\u00e4ndler, was doch auch ein Attribut ist, das man kaum einem zuschreiben kann bei einer Sache, die an sich gut war. Qualit\u00e4t war eigentlich nur hervorzubringen, wenn man diese gro\u00dfartige Vision des Sozialismus auch unterst\u00fctzte, denn er war sicher keiner von denen, die meinten, die geistige Elite f\u00fcr sich gepachtet zu haben und sich berufen f\u00fchlten, diese zu repr\u00e4sentieren, wie manche bestallte oder unbestallte Intellektuelle jener Zeit. Br\u00e4unig ist nur 42 geworden und sicher ein gebrochener Mann gewesen, ob nun einfach alkoholkrank oder an \u00fcberzogener Anerkennung erst gen\u00e4hrt und dann fallengelassen, ob nun Chronist einer einfach unzul\u00e4nglichen Realit\u00e4t, die den Anspruch erhob auf dem richtigen Weg gewesen zu sein, es aber nicht war, das muss nun nicht unbedingt entschieden sein. Immerhin ist der Rummelplatz ein ehrliches Zeitdokument, das einen wichtigen Abschnitt moderner deutscher Geschichte in Szene setzte und belegt zumindest, dass die Idee, dass im Grunde jeder schreiben kann, was er auch selbst am Beispiel der liebesbriefverfassenden Ruth darstellt, ohne dass wir dieses Produkt je lesen k\u00f6nnten, denn er hat es uns nicht ausgedacht. Aber eine Vorstellung davon vermitteln konnte er schon und die Liebe erhebt uns eben \u00fcber dem Alltag, der von ihr durchwoben sein kann, wenn man Gl\u00fcck hat.<br \/>\nAls Ideal reicht es vollkommen, wenn man einer ehrlichen Arbeit nachgeht und wei\u00df, dass ein h\u00f6her Hinaus eigentlich auch immer einen Abschied von diesem Ideal bedeutet und vielleicht eher ein Niedergang sein kann. Einen weiteren Sinn kann es eigentlich nur in der Liebe geben. Sie zu finden, ist nicht schwer, wenn man einen Blick daf\u00fcr hat.<\/p>\n<p>\n<em>C.R. 20.5.2018 www.gedichtladen.de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch dieses Buch eine Empfehlung, diesmal von Jane. 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