{"id":2789,"date":"2017-12-17T17:42:26","date_gmt":"2017-12-17T15:42:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=2789"},"modified":"2023-12-08T22:59:47","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:47","slug":"radetzkymarsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/2789","title":{"rendered":"Radetzkymarsch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Tieftraurig<\/strong>&nbsp;<\/p>\n<p>Von einer tiefen Traurigkeit muss Joseph Roth erf\u00fcllt gewesen sein, als er seinen \u201eRadetzkymarsch\u201c schrieb. Dieser Roman der Vor- und Nachfahren des Helden von Solferino, der dem \u00f6sterreichischen Kaiser Franz Joseph das Leben gerettet hatte, handelt von nicht weniger als dem Untergang \u00d6sterreichs, ja wohl der westlichen Kultur und Welt \u00fcberhaupt, und das Ganze ist gespiegelt in der Lebensgeschichte von M\u00e4nnern, f\u00fcr die das Milit\u00e4rische zeitweilige Berufung ist, das so f\u00fcr den Untergang Geeignete, denn dessen Bestimmung ist es ja, in den Tod zu gehen. Frauen spielen in diesen Begebenheiten nur eine Randrolle. Es gibt keine M\u00fctter der jeweils Einzels\u00f6hne und keine ernstzunehmende Liebe, nimmt man nicht die v\u00e4terliche Liebe als deren Ausdruck, die aber auch bizarr ist, denn der Geiz \u00fcberschattet diese, wenn zum Beispiel dem Sohn des Helden als Weihnachtsgeschenk je ein Taler gegen Quittung ausgezahlt wird. Erst als schon alles fast zu sp\u00e4t ist, wird dem jungen Leutnant Carl Joseph nachgesehen, dass er sich in horrende Schulden verstrickt hat und ihm diese ohne einen Vorwurf erstattet werden. Dazu begibt sich der Vater, der einzige der vier Generationen von Gro\u00dfv\u00e4tern und S\u00f6hnen, der nicht Milit\u00e4r ist, sondern Staatsbeamter, eigens zum Kaiser und bringt das Schicksals seines Sohnes, des Enkel des Helden von Solferino zur Sprache. Dieser scheidet f\u00fcr wenige Tage aus dem Milit\u00e4r aus, denn unmittelbar nach seinem Abschied beginnt der Erste Weltkrieg, den man aus den b\u00fcrgerlichen Gewohnheiten und Gebaren heraus erlebt, als ein Chaos von Hinrichtungen und dem Eindringen der Kosaken in die Grenzregion. Dieser Krieg kommt als Naturbeschreibung daher mit fr\u00fch ziehenden Wildg\u00e4nsen, renitenten Raben, die auf Aas lauern, und deprimierenden Regenf\u00e4llen. Schon im Anfang ist klar, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist, denn diese Armee ist voll befangen in b\u00fcrgerlichem Gebaren und unm\u00e4\u00dfiger Sauferei und Spieltrieb. Ankl\u00e4nge an das \u00f6sterreichische V\u00f6lkergef\u00e4ngnis gibt es genug, wenn sich zum Beispiel die Ungarn freuen, dass der Thronfolger in Sarajewo ermordet wurde.<br \/>\nDer Leutnant von Trotta, der Enkel, dessen Schicksal am genauesten gezeichnet ist, hat den Kadavergehorsam schon in seiner Kindheit verinnerlicht, wenn seine Pflichtbriefe zum Beispiel immer so aussehen m\u00fcssen, dass vom oberen Rand vier Finger frei sein m\u00fcssen und von der Seite zwei Finger breit. Die Gef\u00fchlsarmut und gleichzeitig \u2013tiefe zwischen diesen M\u00e4nnern zieht sich durch den ganzen Roman. Trotzdem zeichnet Roth den Leutnant als eine irgendwie au\u00dfergew\u00f6hnliche Person, der durchaus zur Liebe und Freundschaft begabt sein k\u00f6nnte. Seine Freundschaft zu dem Milit\u00e4rarzt Demant ist ungebrochen, obwohl man ihn der Zuneigung zu dessen Frau bezichtigt. An Frauenliebe ist ihm nur zugedacht, dass es durchweg \u00e4ltere Damen sind, die ihn seiner Jugend wegen vernaschen und vielleicht auch, weil er eben eine gewisse Aura hat. Da w\u00e4re zuerst die Frau Slama, Frau eines Gendarmen, die ihn ziemlich eindeutig verf\u00fchrt und dann, als er sich an die Ostgrenze hat versetzen lassen, die Frau von Tau\u00dfig, die Gattin eines halbverr\u00fcckten Fabrikanten, die an ihm ihre Illusion von ewig w\u00e4hrender Jugend stillt. Seinem Vater, dem Bezirkshauptmann, geht es auch nicht besser, ja dieser scheint nicht mal eine Neigung zum weiblichen Geschlecht zu haben und betrachtet seine Haush\u00e4lterin, Fr\u00e4ulein Hirschwitz, eher als notwendiges M\u00f6bel in einem Haushalt, in dem es weder Kinder noch andere weibliche Wesen gibt.<br \/>\nWie h\u00e4tte \u00d6sterreich und damit die westliche Welt auch untergehen k\u00f6nnen, wenn sie eine lebensvolle und liebenswerte Weiblichkeit gehabt h\u00e4tte. Alle Frauen bei Roth erf\u00fcllen in bester Weise das Wort Oscar Wildes, dass es sich bei den Frauen um das dekorative Geschlecht handele. Heute w\u00fcrde man nicht mehr wagen, eine solche M\u00e4nnerwelt zu zelebrieren, aber die Angst vor der Rachsucht der Frauen, die sich da heute kr\u00e4ftig einmischen, ist nicht um einen Deut besser. Der Roman gemahnt daran, dass das Selbstverst\u00e4ndnis der M\u00e4nner eigentlich sehr wichtig ist, will man es nicht \u00fcberhaupt in die Rumpelkammer verweisen.<br \/>\nTieftraurigkeit \u00fcbt in Demut, und davon kann man wohl heute auch nicht genug haben. Diese sehr pers\u00f6nliche Reflexion weltgeschichtlicher Vorg\u00e4nge hat schon etwas Gro\u00dfes und solche M\u00e4nnerwelten kennt man ja auch von Adalbert Stifter. Ein Aspekt, der seine W\u00fcrdigung verdient.<\/p>\n<p>\n<em>C.R. 14.12.2017 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tieftraurig&nbsp; Von einer tiefen Traurigkeit muss Joseph Roth erf\u00fcllt gewesen sein, als er seinen \u201eRadetzkymarsch\u201c schrieb. 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