{"id":278,"date":"2011-08-18T17:31:57","date_gmt":"2011-08-18T15:31:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=278"},"modified":"2023-12-08T23:01:05","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:05","slug":"goldesstaub","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/278","title":{"rendered":"Goldesstaub"},"content":{"rendered":"<p>Wie Blei hat sich der Staub auf die gesammelten Werke von Gerhart Hauptmann gelegt, die, selbst Blei, in vier Systemen erschienen sind, angefangen vom Kaiserreich, dem dritten und dann in Ost und West. Wir hatten uns ja vorgenommen \u201eDer Narr in Christo Emanuel Quint\u201c zu le\u00adsen, und es zeigte sich, dass dieser verf\u00e4ngliche Roman auch in der DDR erschienen ist und sogar in den rigiden F\u00fcnfzigern, wo man doch im Neuaufbau einer unreligi\u00f6sen Gesellschaft begriffen war.<br \/>\nHauptmann muss schon 1889 unter dem Eindruck des Besuches psychiatrischer Einrichtungen in Z\u00fcrich einem Laienprediger begegnet sein, der die zum Pfingstfest am Z\u00fcricher See Lustwan\u00addeln\u00adden zur Umkehr und zur Besinnung aufforderte. Pathologisches hatte es dem Dichter ja schon in seinen Dramen angetan und so lag es nahe, diesen Eindruck mit ins heimatliche Schle\u00adsien zu neh\u00admen und dort einen solchen Narren anzusiedeln, der sich eines Tages auf die Str\u00fcmpfe macht, um zu predigen. Seltsamerweise ist er aber nicht darauf aus, Anh\u00e4nger zu gewinnen, was allerdings nicht ausbleibt, sondern will nur ganz pers\u00f6nlich ein Beispiel geben, wie man Gott die\u00adnen kann, wenn man sich n\u00e4mlich totaler Selbstlosigkeit beflei\u00dfigt.<!--more--> Auch das christliche Ideal der Gewaltlosigkeit, das Ding mit dem Hinhalten der zweiten Wange, wenn erst eine geohrfeigt wur\u00adde, das Lieben der Feinde bis hin zur Hinnahme von Diebstahl und Raub, dieses Credo der christ\u00adlichen, heute nicht mehr mehrheitsf\u00e4higen, Ethik will er vorleben. Zum Beispiel gibt Emanuel weder Geld aus, noch nimmt er welches an, eine pers\u00f6nliche Variante das leidige Geld abzu\u00adschaf\u00adfen.<br \/>\nDie wichtigste Frage ist, ob Hauptmann seinen Emanuel Quint, der weder n\u00e4rrisch redet noch sich so geb\u00e4rdet, wirklich f\u00fcr einen Narren hielt? Es wird zugestanden, dass er mit diesem armen Menschen, den er schuf, Mitleid gehabt haben k\u00f6nnte, denn dies gilt als besonderes Talent dieses Schriftstellers. Man macht seine Einstellung fest an einer k\u00f6stlichen Ironie, die Hauptmann in das sakrale Ge\u00adsche\u00adhen mischt, die beim an sich ernste Thema, denn es geht um nicht weniger als das kommende J\u00fcngste Gericht und Tausendj\u00e4hrige Reich, immer wieder zum Schmunzeln anregt. Die meisten Experten nehmen diese Ironie als Zeichen innerer Distanz, die auch tats\u00e4chlich der Autor dem Leser, nicht sich selbst, durch diesen Kunstgriff gew\u00e4hrt, so dass man eigentlich kein Mitleid mit Quinten hat.<br \/>\nDoch wie unbedeutend sind diese Schn\u00f6rkelchen, mit denen Hauptmann eigentlich nur den Intellektuellen ein wenig Kurzweil bieten will und zu dem Urteil verleiten, er sei eins mit ihnen, gegen die Leistung der Erschaffung dieses Emanuel Quint aus dem Nichts.<br \/>\nMan setze sich hin und versuche eine einzige seiner Reden selbst zu schreiben und wird dabei nicht nur an mangelnder Bibelfestigkeit scheitern, sondern vor allem an mangelnder Anverwan-dung an diese einmalige literarische Gestalt, die nicht nur vern\u00fcnftig spricht, sondern das zwei\u00adtau\u00ad\u00adsend  Jahre alte Christentum vern\u00fcnftig weiterentwickelt. Es ist v\u00f6lliger Unsinn, das als Narre\u00adtei abzutun. Diese als Stationenroman gestaltete Hand\u00adlung kennen wir schon aus Goethes Wil-helm Meister, Eichendorfs Aus dem Leben eines Tau\u00adge\u00adnichts oder selbst Cervantes Don Qui-chot\u00adte. Sie bietet die M\u00f6glichkeit, eine Entwicklung an Orte zu binden, die Natur einflie\u00dfen zu lassen, bei ihm auch die Jahreszeiten, das sich gebetsm\u00fchlenartig wiederholende Kirchenjahr, und so alles deutlicher hervortreten zu lassen. Quint kommt dazu, erst als einziges Buch sich das Neue Tes\u00adtament einzuverleiben, es fast auswendig zu k\u00f6nnen, es dann aber zu verwerfen als menschen\u00adgemachtes Werk mit viel Unkraut und nur wenigen \u00c4hren guten Weizens darin, schlie\u00df\u00adlich die uns als Photomotive und Reiseziele so liebgewordenen sakralen Bauten anzu\u00adgrei\u00adfen und mit dem Wanderstock das Erreichbare davon zu zerschlagen. Auch das Gefolge einer bl\u00f6den Masse, das doch jeder Zeit in der Geschichte als w\u00fcnschenswert erschien, wenn nicht als eigentliches Ziel her\u00adhielt, verwirft er, auch wenn ihm diese fast wie von selbst zustr\u00f6mt, nat\u00fcrlich immer in der Er\u00adwar\u00adtung irgendwelcher Wunder von ihm. Er lehnt aber das Wundertuen ab, for\u00addert rigoros, dass man auch ohne diese Vehikel glauben k\u00f6nnen muss, ja nicht einmal sich an so einen F\u00fchrer anlehnen sollte, dem man einfach nachtut. Seine Gefolgschaft will ihn zu so einem Guru machen, er aber lehnt das ab, fordert von ihnen, dass sie jeder f\u00fcr sich im Stillen beten sol\u00adlen, dass jeder seinen eige\u00adnen Weg zum Gottvater findet.<br \/>\nDas ist eine sehr prinzipielle Sache der F\u00fchrerschaft, die \u00fcber das Christliche hinausgeht, auch weltliche revolution\u00e4re Bewegungen betrifft, wo man ebenfalls stillschweigend davon ausgeht, dass ein F\u00fchrer die Weisheit mit L\u00f6ffeln gefressen hat und man ihm nur die Wahrheiten ablau\u00adschen muss, seinem Vorbild folgen. Damit weist der Roman weit \u00fcber seine Zeit hinaus und kommt in der heutigen Postmoderne an, wo man nun wirklich jeden Glauben an eine F\u00fchrer\u00adschaft verloren hat, aber in sich nicht die Kr\u00e4fte vorfindet, das Problem f\u00fcr sich zu l\u00f6sen.<br \/>\nDer Spagat des Helden, sich einerseits als beseelt zu erkl\u00e4ren, andererseits aber die Wunder\u00adgl\u00e4u\u00adbig\u00adkeit in die Mottenkiste des Aberglaubens zu verweisen, ist das Problem, das seine Gefolg\u00adschaft nicht bew\u00e4ltigt. Es wird sch\u00f6n die Komponente des Wunderbaren bei Heilungen, die sich durch seelische Anteilnahme an dem Schicksal des Kranken erreichen l\u00e4sst, der nachweislichen Ausstrahlung eines mitf\u00fchlenden Menschen, von Hauptmann dargestellt ohne je der Versuchung des Phantastischen zu verfallen, und er geht so weit, die Wunderdinge, die aus der Bibel bekannt sind, als Humbug zu verbannen. Nun ist es zwar der Aberglaube, der Quintens heilerische Leis\u00adtungen zum G\u00f6ttlichen erh\u00f6ht und ihm unter seinen Anh\u00e4ngern eine Glorie verschafft, die zeit\u00adwei\u00adse seinem Anspruch auf Auserw\u00e4hltheit zupasse kommt, aber der Aber\u00adglau\u00adbe ist uners\u00e4ttlich, es reichen bald nicht mehr diese kleinen Erfolge, es muss schon ein Blick in das kommende Reich gew\u00e4hrt werden, damit man geh\u00f6rig glaubt. Erst Messadier hat es unter\u00adnommen, einen Christus zu gestalten, der nicht bereits riechende Leichen wieder zum Leben erwecken konnte oder zaubern, aber er verstieg sich noch nicht zu der Auffassung, dass es eines Menschen heute sein k\u00f6nnte, derart auserw\u00e4hlt zu sein.<br \/>\nEs ist auch eine einfache \u00dcberlegung, die darauf f\u00fchrt, dass es nicht der Sinn sein kann, dass einer der F\u00fchrer ist und die anderen nicht viel mehr beizutragen haben, als die Gefolgschaft zu sein. Das w\u00e4ren alles veraltete Modelle und w\u00fcrden zu den veralteten Bildern f\u00fchren, die zum Beispiel f\u00fcr einen w\u00fcnschenswerten Kommunismus nicht geeignet w\u00e4ren, wo doch auch das Bild F\u00fchrer und Gef\u00fchrte der Vergangenheit angeh\u00f6ren m\u00fcsste. Die L\u00f6sung kann offenbar nur in ei\u00adner wohlver\u00adstandenen Kollektivit\u00e4t bestehen, wo sich jeder nach seinen F\u00e4higkeiten in eine Ge\u00admein\u00adschaft einbringt, sich der Einzelne im Wesentlichen dann auch wohl befindet.<br \/>\nDie Wahrheit auserw\u00e4hlt zu sein, manche m\u00f6gen es schon in sich gesp\u00fcrt haben, kann nicht bewiesen werden, sondern stellt eine innere Empfindung dar. F\u00fcr mich ist klar, dass nicht die Kunstfigur Quint dieser Auserw\u00e4hlte ist, sondern sich Hauptmann selbst, als der beste deutsche Schriftsteller seiner Zeit, als ein solcher empfunden hat (mutigste und strafbarste Hypothese), und wenn er ironisch ist, dann nur, um selbst auch ein bisschen Abstand zu wahren von dieser Selbst\u00ader\u00adkenntnis, die er vielleicht bei aller Beredtheit als f\u00fcr sich zu behalten f\u00fcr besser gefunden hat, nachdem er selbst dieses tragische Ende des Narren in Christo hingeschrieben hatte. Schreiben als Selbstschutz, das hat schon unser Altmeister Goethe praktiziert.<br \/>\nNoch eine Bemerkung f\u00fcr die, die sich f\u00fcr auserw\u00e4hlt halten oder gehalten haben. W\u00e4re es nicht m\u00f6glich, diesen Umstand zu verbergen? Nichts wird einem \u00fcbler genommen als die These, man sei auserw\u00e4hlt, und man wird in Beweisnot kommen. Andererseits war es sehr gew\u00fcnscht, sogar ersehnt in jener Zeit, dass einer k\u00e4me, der wirklich auserw\u00e4hlt ist, an den man sich halten kann, wenn man die zuge\u00adgeben schwierige Zwiesprache mit Gott aufnehmen will, weil doch nur \u00fcber solche Mittler m\u00f6g\u00adlich. Wenn man selbst nicht den F\u00fcnfer im Lotto hat und der Auserw\u00e4hlte ist. Wieso ei\u00adgentlich h\u00e4lt man Gott nicht nur f\u00fcr alleinerziehend, die Damen sehnen schon wieder Gaja herbei, sondern auch dem Wahn der Einzelkindbevorzugung verfallen. W\u00fcrden sich pl\u00f6tz\u00adlich hie und da ein paar T\u00f6chter und S\u00f6hne Gottes finden, wie entspannt k\u00f6nnte das Ganze sein, jeder der Nichtauser\u00adw\u00e4hl\u00adten sich einen zum Paten aussuchen k\u00f6nnen. Aber wir wollen nicht ins L\u00e4cherliche ziehen, wie man sich abgem\u00fcht hatte, bis die vielen G\u00f6tter auf einen reduziert waren, auch wenn sich da die Geschlechter\u00adfrage f\u00fcr Feministinnen nachteilig ausnimmt, und es gibt si\u00adcher ebenso gute Gr\u00fcnde mit einem Messias zu operieren, aber k\u00f6nnte dieser nicht dennoch, da es doch kein Wettbewerb ist, im Verborgenen bleiben?<br \/>\nNicht Jesus nicht Quint sind gleich mit dieser Sache rausger\u00fcckt, erst mittlerweile haben sie sich dieses Label der Berufenheit und Gottessohnesschaft angesteckt und hatten damit nicht gera\u00adde langes irdisches Gl\u00fcck. Vielleicht ist es ein Naturgesetz, dass solche Menschen aufleuch\u00adten und ihr Lebenslicht kurz darauf verlischt, wie manche Spinnen im Geschlechts\u00adakt verzehrt wer\u00adden. Dann wiederum w\u00e4re das zwar bedauerlich, aber unvermeidlich. Indem man sich im reli\u00adgi\u00f6sen Sinne zum H\u00f6chsten der Menschen erkl\u00e4rt, exponiert man sich sehr. Man kann es doch eher als eine Aufgabe auf Seiten der Menschheit sehen, dass der Messias mal durch\u00adkommt, was wohl eindeutig an den Mitmenschen liegt. Diese m\u00fcssten dann wirklich dieses g\u00f6ttliche Reich begr\u00fcnden und diesen Weltenherrscher anerkennen, eine unserer demokratischen Verbiegung ge\u00adra\u00addezu ungeheuerliche Vorstellung.<br \/>\nErgo: Wir sind dem Reich Gottes ferner denn je. Wer wissen m\u00f6chte, warum, der fege den Staub vom Hauptmann und siehe, wahrlich, Du wirst Goldesstaub finden.<\/p>\n<p>C.R. 4.7.2011<br \/>\nwww.gedichtladen.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie Blei hat sich der Staub auf die gesammelten Werke von Gerhart Hauptmann gelegt, die, selbst Blei, in vier Systemen erschienen sind, angefangen vom Kaiserreich, dem dritten und dann in Ost und West. 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