{"id":2390,"date":"2016-09-25T12:00:44","date_gmt":"2016-09-25T10:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=2390"},"modified":"2023-12-08T22:59:48","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:48","slug":"kolumne-kw-38-2016-intelligenzia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/2390","title":{"rendered":"Kolumne KW 38 2016 &#8222;Intelligenzia&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Intelligenzia<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er kannte sich in der Geistes\u00adwissenschaft und Prosa hervor\u00adragend aus, f\u00fcllte ganze Vortrags\u00ads\u00e4le und erhielt massenweise Briefe von DDR B\u00fcrgern, denen er Kraft und Zuversicht gegeben hatte und zu dieser und jener Einsicht in beseitigbare Miss\u00adst\u00e4nde in der DDR verholfen hatte. Auch auf eine fr\u00fche KPD Mitgliedschaft, illegalen Kampf, Emigration und als Ideengeber der F\u00fchrungsriege konnte dieses Akademiemitglied und somit Teil der sozialistischen Intelligenzia, die ja doch einigerma\u00dfen verw\u00f6hnt war, zur\u00fcckblicken.<!--more--><\/p>\n<p>1983 hat er dann nach sechsj\u00e4h\u00adriger Wartezeit endlich das erfolgreichste Buch herausbrin\u00adgen k\u00f6nnen: \u201eDialog mit meinem Urenkel\u201c, das in einer Auflage von einer Viertelmillion verkauft wurde und als DDR feindlichstes Buch galt, das jemals von der Zensur zugelassen worden war, allerdings mit geh\u00f6rigen Streichungen und \u00c4nderungen, die sich meistens um das Verh\u00e4ltnis zur Kritik drehten, wohl den wundesten Punkt der damals Herrschenden.<\/p>\n<p>Trotzdem ist dieses Buch, das dann nach der Wende selbstver\u00adst\u00e4ndlich in seiner Urfassung, also unzensiert erschien, heute nicht mehr lesbar. Was hatte damals, als jeder Strohhalm lebendigen Denkens d\u00fcrstend ergriffen wurde, nicht als au\u00dfergew\u00f6hnlich gelten k\u00f6nnen? Sicher war es die Idee, sich mit seinem Urenkel quasi zu unterhalten, der allerdings damals gerade mal drei war und der stolze Urgro\u00dfvater sich die Fragen zu seinen passenden Antworten, nicht gerade ein Dialog, auch noch selbst ausdenken musste.<\/p>\n<p>\nZwanzig Jahre ist es nun her, dass das viel weniger beachtete Buch: \u201eFortgesetzter Dialog mit meinem Urenkel\u201c erschien und ein Jahr sp\u00e4ter verstarb Kuczynski 94j\u00e4hrig. Auch das ist kein Dialog, obwohl die Urenkel inzwischen zwei geworden waren und einer schon studierte, aber bei den Fragen, die nun ausf\u00fchrlicher ausfallen und provokativer sind, soll Gregor Gysi seine Hand im Spiel gehabt haben.<\/p>\n<p>\nDa ist zun\u00e4chst das erschrecken\u00adde Vorwort, in dem der Wissenschaftler darlegt, dass es sich in DDR um gar keinen Sozialismus gehandelt habe, sondern um ein feudalabso\u00adlutistisches System und die Pressefreiheit selbst bei Friedrich dem Gro\u00dfen gr\u00f6\u00dfer gewesen w\u00e4re. Es h\u00e4tte nur rudiment\u00e4re Elemente des Sozialismus gegeben, wobei er die fehlende Arbeits- und Obdachlosigkeit ins Feld f\u00fchrt und nicht etwa die Grundlage, das Volkseigentum, das nun freilich auch wenig zu sp\u00fcren war. Jeder Feudalherr, der nicht viel besser lebte als ein Versicherungsvertreter im Wes\u00adten, h\u00e4tte diese Einordnung weit von sich gewiesen und das greift wohl auch deutlich zu kurz, denn allzuweit gingen weder Berei\u00adcherung noch Machtf\u00fclle, da sich das Volk, der gro\u00dfe L\u00fcmmel, doch ganz sch\u00f6n mausig machen konnte. Auch ist den Macht\u00adhabern sehr zugute zu halten, dass die Wende weder wegge\u00adputscht noch zusammenge\u00adschos\u00adsen wurde.<\/p>\n<p>\nAls n\u00e4chstes kann man begrin\u00adsen, dass Kuczynski vor zwanzig Jahren der Meinung war, der Kapitalismus gehe nun unweiger\u00adlich in das Stadium der Barbarei \u00fcber, was sich doch, wenn \u00fcberhaupt, sehr langsam vollzieht.<\/p>\n<p>\nDann wird das Buch lesenswerter und der Autor l\u00e4uft zu besserer Form auf, wenn er sein intimes Verh\u00e4ltnis zu den meisten Genossen, die bis an ihren biologischen Niedergang das Heft in der Hand hielten, lebendig werden l\u00e4sst, die er \u00fcberwiegend als Freunde ver\u00adsteht, auch wenn er sie im weiteren Verlauf des Buches mit etwas besorgniser\u00adregender Logik samt und sonders als Verbrecher einstuft.<\/p>\n<p>\nSein Krisenbarometer bez\u00fcglich des Kapitalismus war nie besonders verl\u00e4sslich, nach ihm h\u00e4tte es bestimmt doppelt so viele Totalzusammenbr\u00fcche ge\u00adben m\u00fcssen als das Schicksal dem maroden Gesellschaftssys\u00adtem wirklich zudachte.<\/p>\n<p>\nVielleicht war Kuczynski gar kein geniales Mitglied der Intelligen\u00adzia, der sogar auf eine 150j\u00e4hrige intellektuelle j\u00fcdische Linkstradi\u00adtion zu\u00adr\u00fcck\u00adblicken konnte, sondern einfach nur ein emsiger und origineller Forscher, der noch dazu ein guter Kumpel war, was er als seinen Draht zu Unten bezeichnet.<\/p>\n<p>\nSein Widerstand, wenn man das so adeln kann, beschr\u00e4nkte sich darauf, dass er manchen geholfen hat bzw. die Freundschaft erhielt, die es aus der Kurve getragen hatte. Diese Feder heften sich viele an den Hut, die in einem verabscheuungs\u00adw\u00fcrdigen System, wie eben jenem der Nazis, ausgehalten haben und kollaborierten. So konnte man diesen alten Mann sehr sch\u00f6n in ein DDR Bild einordnen, f\u00fcgt er sich selber ein, das vom Nationalsozialismus nicht allzu\u00adweit entfernt ist.<\/p>\n<p>\nLieber Genosse Kuczynski,<br \/>\nso viel Liebedienerei w\u00e4re gar nicht n\u00f6tig gewesen, oder war Dein Herz so weit, dass Du auch noch den Umdeutern zur Hand gehen wolltest?<\/p>\n<p>\n<em>Christian Rempel in Zeuthen, den 18.9.2016<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Intelligenzia &nbsp; Er kannte sich in der Geistes\u00adwissenschaft und Prosa hervor\u00adragend aus, f\u00fcllte ganze Vortrags\u00ads\u00e4le und erhielt massenweise Briefe von DDR B\u00fcrgern, denen er Kraft und Zuversicht gegeben hatte und zu dieser und jener Einsicht in beseitigbare Miss\u00adst\u00e4nde in der&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/2390\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-2390","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2390","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2390"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2390\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2401,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2390\/revisions\/2401"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2390"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2390"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2390"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}