{"id":2385,"date":"2016-09-18T18:38:21","date_gmt":"2016-09-18T16:38:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=2385"},"modified":"2023-12-08T22:59:48","modified_gmt":"2023-12-08T20:59:48","slug":"kolumne-kw-36-2016-buchhandlungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/2385","title":{"rendered":"Kolumne KW 37 2016 &#8222;Buchhandlungen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchhandlungen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>vertreiben die Langeweile. Eigentlich wollte ich an diesem hei\u00dfen Sp\u00e4tsommertag ein Eis essen, doch als ich die vielen M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger Sahnekugeln und Erdbeeren schaufeln sah, dachte ich, da m\u00f6chte ich doch nicht dazugeh\u00f6ren und au\u00dferdem ist ja Sparsamkeit angesagt. Also suchte durch die vielen Marktst\u00e4nde den Eingang der Buchhandlung Radwer, die recht gut sortiert ist.<!--more--><\/p>\n<p>Da strahlte mich doch eine Prachtausgabe der Novelle \u201eDjamila\u201c von Tschingis Aitmatow an, herausgebracht im Inselverlag. Ich wei\u00df gar nicht, ob ich das jemals gelesen hatte, aber immerhin haben wir danach unsere zweite Tochter benannt.<\/p>\n<p>\nDer Schriftsteller siedelte seine Geschichten ja meistens in seiner kirgisischen Heimat an, die unweit von Kasachstan liegt und die von nomadisierenden Viehhirten besiedelt war. Diese Novelle spielt aber 1943, also mitten im zweiten Weltkrieg, wo in jeglichem Hinterland der Sowjetunion f\u00fcr die Ern\u00e4hrung der Front zu sorgen war, obwohl doch die meisten Dschigiten, so die ausgewachsenen M\u00e4nner, an der Front waren. Djamila ist die Frau eines solchen Frontsol\u00addaten, der inzwischen verwundet im Lazarett lag und von dem immer nur mal ein Brief eintrifft, wo er f\u00f6rmlich der Reihe nach alle Familienmitglieder ansprach, der Hierarchie entsprechend die \u00c4ltesten zuerst und erst ganz zum Schluss noch einen Gru\u00df an seine Frau nachschob.<\/p>\n<p>\nDjamila ist aber ein lebensvolles junges M\u00e4dchen und der Icherz\u00e4hler ist ein noch minderj\u00e4hriger Junge, der es \u00fcbernommen hat, auf seine Dshene (Frau des \u00e4lteren Bruders) achtzugeben und sie kindlich liebt und von ihr als Kitschine bala (kleiner Junge) bezeichnet wird. In dem Aul (Dorf) lebt nun noch ein Frontheim\u00adkehrer, Danijar, der ein recht in sich gekehrter junger Mann ist und als Waisenkind aufwuchs.<\/p>\n<p>\nDie drei haben die Aufgabe, t\u00e4glich Getreideladungen durch die Steppe zur Bahnstation zu fahren und dort im Kornspeicher zu entladen. W\u00e4hrend der Fahrt durch den ariden Sommer, singt Djamila des \u00d6fteren, w\u00e4hrend der Junge und der Frontheimkehrer immer stumm dasitzen und ihre Wersts herunterschrubben. Scherzhaft fordert Djamila Danijar immer mal wieder auf, auch ein Lied zu singen und eines Tages geht er tats\u00e4chlich darauf ein, erst mit heiserer unge\u00fcbter Stimme und dann immer vollt\u00f6nender. Die innere Welt, die er damit offenbart, r\u00fchrt den Jungen und Djamila zutiefst und es ist unverkennbar, dass Danijar und Djamila ineinander verliebt sind und zwar so, wie sie es beide noch nie erlebt haben und es \u00fcberhaupt ganz einzigartig ist. In der gestrengen Welt eines kirgisischen Dorfes ist das nat\u00fcrlich alles ein unvorstellbarer Vorgang und w\u00e4re man ihner habhaft geworden, h\u00e4tte ihnen der Tod gedroht, aber das wird nicht problematisiert und beide ziehen unbescholten fort und lebten bestimmt ein friedliches Leben in der Fremde.<\/p>\n<p>\nDie Novelle will ja gar nicht gesellschaftskritisch sein, sondern findet Worte f\u00fcr das einzigartige Wunder der Liebe.<\/p>\n<p>\n<em>Christian Rempel in Zeuthen, den 13.9.2016<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchhandlungen &nbsp; vertreiben die Langeweile. 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