{"id":231,"date":"2011-02-28T22:37:49","date_gmt":"2011-02-28T20:37:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=231"},"modified":"2023-12-08T23:01:05","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:05","slug":"fest-im-griff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/231","title":{"rendered":"Fest im Griff"},"content":{"rendered":"<p><em>\u00bbEs ist ein einf\u00f6rmiges Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den gr\u00f6\u00dften Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen, das ihnen von Freiheit \u00fcbrigbleibt, \u00e4ngstigt sie so, dass sie alle Mittel aufsuchen, um es loszuwerden.\u00ab Goethe<\/em><\/p>\n<p>Lest blo\u00df keine Kommentare \u00fcber Ulrich Plenzdorfs \u201eDie neuen Leiden des jungen W., sie sind alle gezinkt, ausufernd bis zur Besoffenheit und werden der Sache nicht gerecht. Es sind nur die Westaffen, die sich darauf st\u00fcrzen und nat\u00fcrlich kein Wort davon verstehen, was sie mit Kom\u00admentaren zukleistern. Da ist Charlie, die Angebetete, \u00fcberheblich und distanziert und hat sich na\u00adt\u00fcr\u00adlich diesem Kerl Edgar Wibeau gar nicht hingegeben. Ihr Mann Dieter, ja, er sei ein Spie\u00dfer, dabei ist er nur ein bisschen \u00fcberh\u00f6ht, wie alles in dieser erfrischend b\u00fcndigen Arbeit.<!--more--><\/p>\n<p>Den Werther kennt jeder, schon weil Lehrstoff, und sein sozialistisches Pendant denkt gar nicht daran, seiner Sehnsucht zum Tode stattzugeben. Es hat sie gar nicht. Man gr\u00e4bt sogar den Lukazc aus, der mit intellektuell fickrigen Fingern in Stalins Moskau das Pfl\u00e4nzchen der Kultur setzen wollte. Man besingt die hohlen Donner der Kanonen der Kulturpolitik, die allgegenw\u00e4rtig gewe\u00adsen sein soll, in deren Schatten aber auch solches gedieh. B\u00fcrokraten sie selbst, mit gekup\u00adferten Doktorw\u00fcrden. Sie alle wollen uns jetzt erkl\u00e4ren, wie wir das zu verstehen haben.<\/p>\n<p>Wir selbst sind Kinder dieser verbrannten Erde, auf der etwas hervorbrach, von dem sie sich doch so gar keine Vorstellung machen k\u00f6nnen. Sie wissen selbst gar nicht, wie wenig ihnen von diesem hehren Gut Freiheit \u00fcbrig ist.<\/p>\n<p>Sie tragen diesen Gammler vor sich her und wollen auch aus ihm einen Widerstandsk\u00e4mpfer machen, einen, dem sie selbst kaum gewachsen sein w\u00fcrden, weil er n\u00e4mlich gar nicht politisch ist, auf das sie sich beschr\u00e4nkt immer wieder fixieren, sondern es ein Sujet ist, dass der gro\u00dfen kulturellen Leistung des Gro\u00dfmeisters das Wasser reichen kann. Edgar ist eben weder ein Auf\u00adschneider noch ein Arbeitsscheuer, sondern ein Mensch, der seine W\u00fcrde zu wahren wei\u00df, auch wenn er noch blutjung ist. Und das funktioniert, sowohl in der hinrei\u00dfenden Beziehung zu der etwas \u00e4lteren Kinderg\u00e4rtnerin mit ihren Augen-Scheinwerfern, die beim Hinsetzen mehr den Rock als die Konventionen schont und, das lassen Sie sich gesagt sein, es nicht bei dem Kuss bleiben lie\u00df. Bem\u00fcht doch eure Phantasie ein bisschen, das ist doch klar wie Klo\u00dfbr\u00fche, Leute.<\/p>\n<p>Edgar ist wirklich nur das Opfer eines Unfalls, eines unreifen intellektuellen Konstrukts, denn der arme Plenzdorf konnte doch diese nebelfreie Anstreichmaschine selbst nicht erkl\u00e4ren oder auch  nur ausdenken. Und es gibt nicht nur die sagenhafte Charlie, es gibt auch eine Arbeitswelt mit dem weisen Old Zaremba, die vollkommen den Arbeitern geh\u00f6rt, dem Kollektiv. Alles unvorstellbar heute. Die Zeiten einer Werther Adaption sind gr\u00fcndlich vorbei, denn Berlin ist genau wie Mittelberg: Alle sitzen vor der R\u00f6hre.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt ein Wunder, wie einem dieses Buch nach l\u00e4ngerem Suchen nach Brauchbarem in dieser verm\u00f6hlten Thalia Buchhandlung in die H\u00e4nde fallen konnte. Was dort an Glitzer rumliegt, soll einen, wenn man die R\u00f6hre durchschaut hat, in die n\u00e4chste gucken lassen. Gut vorgebaut habt ihr da. Man wundert sich, dass man das ohne Erkl\u00e4rung \u00fcberhaupt noch versteht und einen fast gar nicht krank macht. Diese Sprache ist uns inzwischen fremder und neuer, als was Old Goethe zu Papier gebracht hatte, als er damals seine Werther Pistole zog.<\/p>\n<p>Da hat sich 1970 einer verdammt nichts angema\u00dft, sondern konnte was. Salute Kamerad!<\/p>\n<p><em>C.R.24.2.2011<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbEs ist ein einf\u00f6rmiges Ding um das Menschengeschlecht. 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