{"id":226,"date":"2011-02-10T10:23:07","date_gmt":"2011-02-10T08:23:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=226"},"modified":"2023-12-08T23:01:05","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:05","slug":"anfang-sehr-gut-rest-ertraglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/226","title":{"rendered":"Anfang sehr gut \u2013 Rest ertr\u00e4glich"},"content":{"rendered":"<p>Nun ist es auch Zeit zu sehen, was so die Zeiten \u00fcberdauert hat an Literatur, die nach dem Gro\u00dfen, den die Gro\u00dfnasen hier einfach den Mann nennen, \u00fcberdauert hat. Dass <em>Herbert Rosend\u00f6rfer<\/em> einer der brillantesten deutschsprachigen Autoren ist, m\u00f6chte man nach den ersten Seiten seiner \u201eBriefe in die chinesische Vergangenheit\u201c sogleich unterschreiben. Es k\u00f6nnte auch hei\u00dfen: aus der chinesischen<!--more--> Vergangenheit, denn daher kommt ja der Mandarin Kao-tai, den der Autor vermittels nicht n\u00e4her beschriebener Zeitmaschine auf einer Isarbr\u00fccke anlanden l\u00e4sst, wo er fatalerweise gleich fast von einem A-tao \u00fcberfahren wird und unmittelbar Bekanntschaft mit den Schergen des Obermandarins von Min-chen macht.<\/p>\n<p>Damit ist der Autor gleich im ihm vertrauten Sujet der Rechtspflege angekommen, denn er selbst ist von Beruf Richter, die \u201edr\u00fcben\u201c scheinbar chronisch unterbesch\u00e4ftigt waren, wie man es ja auch von Bernhard Schlink kennt, der doch sogar Verfassungsrichter war. Deren Realit\u00e4ts\u00fcber\u00addruss ist stark genug, dass es sie in teilweise fremde Gedankenwelten treibt, sie Recht und Un\u00adrecht unkon\u00adventionell beleuchten. In der Gestalt des vor tausend Jahren lebenden und mal eben angereisten Kao-tai kann man endlich mal dar\u00fcber nachdenken, ob das K\u00f6pfen nicht die wirk\u00adsamere Bestrafungsform war, wenn die jetzige Laschheit in diesen Fragen auch keine besseren Resultate zeitigt.<br \/>\nNach dem Feuerwerk des Anfangs, wo man erf\u00e4hrt, dass Kao-tai nicht nur mehrere Frauen hat, sondern auch noch Konkubinen, Diener sowieso und der Held trotz der vielen Eindr\u00fccke durchgehend die Souver\u00e4nit\u00e4t beh\u00e4lt, dass er ja eigentlich aus einer besseren Welt kommt, nach\u00addem man also eine Weile atemlos gestaunt hat, wie wenig unsere ganzen technischen Errungen\u00adschaften doch eigentlich wert sind, wo wir doch dagegen die Ordnung und Besonnenheit verloren haben, wird leider aus dieser am\u00fcsanten und lobenswert fremdartig-frischen Betrachtungsweise zun\u00e4chst eine voluntaristisch politische, dann mehr und mehr eine sexlastige und zum Schluss nur noch altv\u00e4terliche Sicht auf uns selbst.<\/p>\n<p>Gern lieb\u00e4ugelt man nat\u00fcrlich damit, mehrere Frauen sein eigen zu nennen, w\u00fcrde daf\u00fcr vielleicht sogar auf A-taos, Fern-Blick-Maschinen und Musik-Teller-Ger\u00e4te verzichten und dass man in einem minchener Sexclub nackte Damen betrachten kann, die Tischtennisb\u00e4lle oben verschlu\u00adcken k\u00f6nnen und sie aus ihren Juwelchen wieder herauspolken, ist interessant genug, um sich ausgiebig daran festzuhalten. Aber man lebt auch in der Jetztzeit nicht gerade in einem sexuellen Notstandsgebiet, sondern einige gro\u00dfbusige Damen finden sich selbst im zivilen Bereich, die auch einen alternden Mann aus dem Reich der Mitte nicht verachten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich lernt dieser Altchinese viel zu schnell deutsch, dass der Autor versuchen kann, den niederen Instinkten etwas intellektuelles Futter entgegenzusetzen, wobei insbesondere die Musik eines We-to-feng positiv in Erscheinung tritt. Aber eben Musik in einem Buch zu beschreiben, ist immer ein schwieriges Unterfangen. Immerhin liest Kao-tai zwischen seinen Liebesabenteuern dann auch einen kleinen Kanon von Weltliteratur deutschen Ursprungs und bildet sich auch flugs eine Meinung zu den uns gel\u00e4ufigen Autoren, die aber nicht immer ganz leicht zu entschl\u00fcsseln sind.<br \/>\nGrund zum Bleiben ist das alles nicht und so mag es auch manchem Asylanten aus dem Busch gehen, der vermeinte hier eine ausk\u00f6mmliche Welt zu finden. Dieser wird wohl ohne Hunger\u00adgef\u00fchle auskommen (unser Chinese dagegen ist ja gut ausgestattet mit Silberschiffchen von betr\u00e4chtlichem Wert), aber Nahrung f\u00fcr die Seele, wozu es doch gar keiner hochstehend kultivierten Kultur bedarf, kann er kaum erwarten. Immerhin findet Kao-tai einen Intellektuellen, der ihn beherbergt, ihm die Sprache beibringt und in diese d\u00fcrftige Gesellschaft einf\u00fchrt, aber das kann man nun fast schon etwas zum Phantastischen z\u00e4hlen, in dem ja der Autor vorwiegend zu Hause sein soll. Dass man es mit gen\u00fcgend Knete in M\u00fcnchen ganz gut aushalten kann, erscheint dagegen so wahr wie realistisch.<\/p>\n<p>Man m\u00f6chte dem gesch\u00e4tzten Autor nach 25 Jahren seit dem Erscheinen dieses Buches zuru\u00adfen: Nehmen Sie es sich noch einmal vor, f\u00fchren Sie diese gro\u00dfe Idee zu einem glanzvollen En\u00adde! \u00dcber die politischen Einsch\u00e4tzungen, die heute etwas plakativ wirken, ist die Zeit hinweg\u00adgegangen, die moralischen Einsch\u00e4tzungen sind im Original so unscharf und vage, dass man sich philosophische Anspitzung w\u00fcnscht, und wenn alles nichts hilft, k\u00f6nnte man eine No\u00advel\u00adle daraus machen \u2013 das spart dann Zeit.<br \/>\n<em>C.R.9.2.2011<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun ist es auch Zeit zu sehen, was so die Zeiten \u00fcberdauert hat an Literatur, die nach dem Gro\u00dfen, den die Gro\u00dfnasen hier einfach den Mann nennen, \u00fcberdauert hat. Dass Herbert Rosend\u00f6rfer einer der brillantesten deutschsprachigen Autoren ist, m\u00f6chte man&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/226\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-226","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/226","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=226"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/226\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4492,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/226\/revisions\/4492"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=226"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=226"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=226"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}