{"id":2239,"date":"2016-01-17T13:03:06","date_gmt":"2016-01-17T11:03:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=2239"},"modified":"2023-12-08T23:00:22","modified_gmt":"2023-12-08T21:00:22","slug":"kolumne-kw-02-2016-aussterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/2239","title":{"rendered":"Kolumne KW 02 2016 &#8222;Aussterben&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Aussterben<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kann man die ganze Personage eines Romans, die eigentlich nur aus vier Figuren besteht, nicht alle Randfiguren k\u00f6nnen im gro\u00dfen Genozid mitwirken, so einfach aussterben lassen?<\/p>\n<p><!--more-->Martin Walser gelingt das in seinem Sp\u00e4twerk \u201eEin sterbender Mann\u201c. Dieser muss gar nicht selbst an sich Hand legen, weil er das zweifelhafte Gl\u00fcck hat, einer t\u00f6dlichen Krankheit verfallen zu sein. Dieser Theo, einst Erfolgsmensch, man wei\u00df nicht genau, ob im Verwerten von Erfindungen oder in der Werbebranche, hat das respektable Alter von 72 und man kann sich seine Erfolge eigentlich gar nicht zusammenreimen, denn er scheint immer abh\u00e4ngig von Leitfiguren, die vorzugsweise in Frauen bestehen, die er verg\u00f6ttert, erst seine Gattin, dann seine Briefbekanntschaft und zum Schluss beide.<\/p>\n<p>\n\u201eMehr als sch\u00f6n ist nichts\u201c h\u00e4tte Walser gern \u00fcber den Roman geschrieben, der fast nur aus Briefen besteht, solchen, die er selbst schreibt, abschickbare und unabschickbare, die Briefe, die er von seiner Freundin erh\u00e4lt, einer \u201eSch\u00f6nen mit Schuss\u201c, wie sie sein ehemaliger Freund, Compagnon charakterisiert, der eigentlich keinen Erfolg verdienende Dichter, der ihn verraten hat, dem er aber auch bis ins Letzte h\u00f6rig war, wie er eben jetzt, als er ruiniert ist, sich von seiner verg\u00f6tterten Frau trennt, um einer Frau brieflich nachzustellen, einer \u201emeerischen Sch\u00f6nheit\u201c, die er einmal gesehen hat und die gleich zweifach auf seine Avancen eingeht, einmal in einem Suizidforum (das es so etwas auch gibt im digitalen Zeitalter!) und eben auch auf eine einfache, ziemlich schmachtende Email hin.<\/p>\n<p>\nDass auch bei ihr der zum Erzrivalen gewordene Dichter schon gelandet ist und trotz Theos wortreicher Briefbeziehung sie gelegentlich ins Bett tr\u00e4gt, ist nicht die eigentliche Katastrophe, findet dieser Carlos dann doch auch den Tod durch Vergiftung, was Theo gern auf seine Rechnung genommen h\u00e4tte, aber Carlos\u2018 vorherige Geliebte kommt ihm im Gest\u00e4ndnis zuvor.<\/p>\n<p>\nTheos Frau und Theos Geliebte nehmen sich dann eben das Leben und der Protagonist stiehlt sich auch davon, indem er nichts gegen seinen Krebs machen l\u00e4sst. So wichtig war dieser erstaunlicherweise stets nur alle bewundernde und kaum selbstbe\u00adwusste Theo dann doch.<\/p>\n<p>\nDas alles kann man als wortreiche Version von \u201eDeutschland schafft sich ab\u201c sehen. Jedem, der das durchsteht ein herzliches Danke\u00adsch\u00f6n. Wenn sich einer der ber\u00fchmtesten Autoren Deutschlands in diesem Roman auch ein bisschen selber schreibt, so ist die Message wohl: Wir vergehen im schriftlichen Anschmachten der Sch\u00f6nheit. Denn in Theos (72) und wohl auch Walsers Alter (89) befinden wir uns als Nation. Im g\u00fcnstigsten Fall noch m\u00e4chtig einer Sprache, der deutschen Sprache, die uns aber nunmehr eben auch nicht mehr retten kann.<\/p>\n<p>\n<em>Christian Rempel im Waltersdorfe, den 15.1.2016<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aussterben &nbsp; Kann man die ganze Personage eines Romans, die eigentlich nur aus vier Figuren besteht, nicht alle Randfiguren k\u00f6nnen im gro\u00dfen Genozid mitwirken, so einfach aussterben lassen?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-2239","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2239","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2239"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2239\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2246,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2239\/revisions\/2246"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2239"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2239"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2239"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}