{"id":216,"date":"2011-01-13T00:32:18","date_gmt":"2011-01-12T22:32:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=216"},"modified":"2023-12-08T23:01:06","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:06","slug":"lobliche-illusionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/216","title":{"rendered":"L\u00f6bliche Illusionen"},"content":{"rendered":"<p>Nikolausstiefel k\u00f6nnen so gro\u00df sein, dass auch ein Buch hineinpasst. In diesem Fall schenkte mir meine Frau Anna Parisis Buch: \u201eWandernde Sterne oder wie die Wissenschaft erfunden wurde.\u201c Die italienische Autorin hat der Wissenschaft selbst den R\u00fccken gekehrt. Wenn man die Finanzsituation der italienischen Forschung ein bisschen kennt, verwundert das gar nicht. Sah ich doch, bevor ich selbst auch der Forschung abschwor, wie in einer italienischen Einrichtung Denkerst\u00fcbchen an Denkerst\u00fcbchen Leute an Computern sa\u00dfen und wer wei\u00df was machten, was hierzulande sicher nicht viel anders ist. Waren sie nun mehr einer Unterhaltung hingegeben oder war das ernsthafte Arbeit, diese Tatsache allein w\u00e4re schon ein Forschungsthema f\u00fcr sich.<br \/>\nVielleicht ist es wirklich wichtiger, die Lust am Denken wieder zu vertiefen, als in solcherart Kombinaten zu dienen. Allerdings wird sich wohl kaum ein Kind der Zielgruppe hinsetzen und dieses Buch, in dem es von altert\u00fcmlichen Gelehrten nur so wimmelt, studieren. Es bleibt wohl einer P\u00e4dagogik vorbehalten, denn so schwierig wie Gruppen auch sind, ist es trotzdem leichter dort Begeisterung zu wecken.<!--more--><br \/>\nEin Kind, das sich daf\u00fcr interessiert, warum Wurzel 2 nicht rational ist, sich im Anhang den Beweis  durchliest und dann noch einen Freund findet, dem es ihn erkl\u00e4ren kann, das sind wohl einfach zu viele Unwahrscheinlichkeiten. Aber wenn man selbst dieses Kind abgibt , man sich nicht zu schade ist, sich diesem einfachen Problem wieder einmal zuzuwenden, dann kann es klappen und man kann es sogar erkl\u00e4ren, wenn man es allerdings noch einfacher macht, als es in dem Buch dargestellt ist. Insofern ist dieses Buch als Halbfabrikat anzusehen.<br \/>\nUmst\u00e4ndlich ist auch das bekannte Beispiel mit der Krone des Hieron, die den Verdacht erweckte, sie sei nicht aus purem Gold. Nat\u00fcrlich kann man sich in diesem Zusammenhang Gedanken machen \u00fcber schwimmende und untergehende K\u00f6rper, aber wenn Wasser verdr\u00e4ngt wird, wie Archimedes in der Badewanne bemerkt haben soll und mit dem Ruf \u201eHeureka\u201c nackt zu seinem K\u00f6nig gest\u00fcrzt sein soll, dann handelt es sich doch nur um die schlichte Tatsache der Volumenbestimmung durch Wasserverdr\u00e4ngung, wo man von nichts weiter Gebrauch macht als von dessen Schmieg\u00adsam\u00adkeit an jede Form. Dieser Versuch wird oft kompliziert beschrieben, als h\u00e4tte Archimedes den Gewichtsverlust der untergetauchten Krone bestimmt, was nun wirklich die Sache mit einem eckigen Schuhl\u00f6ffel anziehen hie\u00dfe.<br \/>\nDie Diskussionen mit den verstorbenen Wissenschaftlern werden oft in Dialogform gef\u00fchrt und es ist ein Vorteil des Buches, dass dabei die jeweilige Meinung des Weisen stehen bleibt, auch wenn sie total falsch ist. Das gibt dem nichtvorhandenen Leser die M\u00f6glichkeit, das Ganze selbst zuende zu denken.<br \/>\nEin weiterer Vorteil ist, dass viele Personen in ihren geographischen und geschichtlichen Zusammenhang gestellt werden. Wer wei\u00df denn schon, dass Syrakus auf Sizilien liegt und um 200 v.u.Z. mit Karthago verb\u00fcndet war und diese Stadt den Attacken der R\u00f6mer auch dank der guten Einf\u00e4lle des Archimedes zwei Jahre standhalten konnte.<br \/>\nDass die Anf\u00e4nge der Kultur in \u00c4gypten lagen, diese dann von den Babyloniern \u00fcberfl\u00fcgelt wurden, kann man ja noch leicht zuordnen, aber dass dann Thales in Milet wohnte und das auf dem Gebiet der heutigen T\u00fcrkei liegt, war mir neu. Dass Platon die Akademie gr\u00fcndete und sein Lieblingssch\u00fcler Aristoteles mit dem Lykeion eine Konkurrenzeinrichtung schuf, die dann sp\u00e4ter wieder im Alexandrinischen Museion ihre Fortsetzung in \u00c4gypten fanden, ist ein guter \u00dcber\u00adblick. Pythagoras kam auch erst aus der Drehe T\u00fcrkei (Insel Samos) und ist dann mit etwa drei\u00dfig Jahren an die Stiefelsohle Italiens gezogen, nach Kroton.<br \/>\nMit einem Mal war die Wissenschaft mit Namen verbunden, w\u00e4hrend doch Geistesgr\u00f6\u00dfen im \u00c4gypten und Babylon nicht verzeichnet waren. So ragt auch Aristarch heraus, der wie Pythagoras auf Samos geboren wurde, nur 250 Jahre sp\u00e4ter. Er beurteilte manche Sachen unvoreingenom\u00admen und vor allem quantitativ. F\u00fcr ihn war die Erde schon eine Kugel, die nicht unbedingt im Weltall ruhen musste, weil doch das Feststehen der Fixsterne nicht viel besage, da man eine Bewegung zu ihnen aufgrund der gro\u00dfen Entfernung gar nicht feststellen k\u00f6nnte. Diese sog. Parallaxe wurde auch tats\u00e4chlich erst im 19. Jahrhundert gemessen. Er bestimmte mit einer Methode, die ich Sch\u00fclern vergeblich nahezubringen versucht habe, n\u00e4mlich \u00fcber ein rechtwink\u00adliges Dreieck, wenn gerade exakt Halbmond ist, die Entfernung der Sonne relativ zur Mondent\u00adfernung zu bestimmen. So ein Ereignis ist relativ selten und ich versuchte es selbst am 13. Dezember. Der Halbmond war auch zu sehen, die Sonne aber leider nicht so recht.<br \/>\nDie Methode des etwa 40 Jahre j\u00fcngeren Eratosthenes, der in Kyrene, dem heutigen Libyen, geboren wurde, erst in Athen studierte und dann in Alexandria in k\u00f6niglichen Diensten stand und Bibliotheksleiter des Mueseions wurde, den Erdumfang zu bestimmen, ist ziemlich genial. Er verglich n\u00e4mlich den Winkel der Sonneneinstrahlung an zwei Orten, die in Nord-S\u00fcd-Richtung lagen, mit einer hohen Genauigkeit und kam zu einem g\u00fcltigen Wert f\u00fcr den Erdumfang. Von da ab war eigentlich klar, dass die Erde eine Kugel sein musste, wie Aristarch auch schon vermutet hatte.<br \/>\nDass die R\u00f6mer dann den wissenschaftlichen Arbeiten wenig Interesse entgegenbrachten, ist einem schon dadurch klar, dass aus dieser Epoche kein einziger Mathematiker oder Naturwissen\u00adschaf\u00adtler hervorging. Dass wir diesen auch Enzyklop\u00e4dien zu verdanken haben, ist vielleicht weniger bekannt, denn das war der erste Versuch, die ausufernden Erkl\u00e4rungen auf einen einfach fasslichen Nenner zu bringen und gemahnt fatal an heutige Zeiten, wo man auch alles derart aufbereitet.<br \/>\nDie Autorin l\u00e4sst auch keinen Zweifel daran, dass die fr\u00fchen Christen nicht viel besser waren und man muss an Ernst H\u00e4ckel denken, der diese 1000 Jahre als einen Zustand des kollektiven Wahnsinns bezeichnet hat. Die Araber erst haben uns die Antike wiedergeschenkt, auch wenn sie ebenfalls kr\u00e4ftig gehaust hatten in den Hochburgen der Wissenschaften. Wer h\u00e4tte denn aber auch damals schon ahnen k\u00f6nnen, dass die Wissenschaft so viel bewirken k\u00f6nnte, dass sie heute nicht selten als Ersatzreligion anzutreffen ist.<br \/>\nAber dieses Zeitalter geht nach kurzer Bl\u00fcte nun auch wieder zuende. Man darf sich wieder fragen, welchen Sinn dieses ganze Gewese haben soll. Jedenfalls, Kindern Spa\u00df am Denken zu vermitteln, das w\u00e4re schon etwas, wof\u00fcr sich zu leben lohnte.<br \/>\nAlso pflegen Sie weiter Ihre Illusionen Frau Parisi.<\/p>\n<p>C.R. 24.12.2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nikolausstiefel k\u00f6nnen so gro\u00df sein, dass auch ein Buch hineinpasst. In diesem Fall schenkte mir meine Frau Anna Parisis Buch: \u201eWandernde Sterne oder wie die Wissenschaft erfunden wurde.\u201c Die italienische Autorin hat der Wissenschaft selbst den R\u00fccken gekehrt. 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