{"id":2124,"date":"2015-10-04T12:16:52","date_gmt":"2015-10-04T10:16:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=2124"},"modified":"2023-12-08T23:00:23","modified_gmt":"2023-12-08T21:00:23","slug":"kolumne-kw40-hineingelebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/2124","title":{"rendered":"Kolumne KW40 &#8222;Hineingelebt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hineingelebt<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>P\u00fcnktlich zum 25sten Jahrestag der Wiedervereinigung, oder genauer ge\u00adsagt, des notgedrungenen Anschlus\u00adses der maroden DDR an die Bundes\u00adrepublik, nahm nun Gregor Gysi seinen Abschied, bei dem viel Vers\u00f6hnliches gesagt wurde, auch dass ohne ihn vielleicht der Bundestag jetzt Volkskammer hie\u00dfe. Es ist nicht so gekommen, wie der Slogan \u201e\u00dcberholen ohne Einzuholen\u201c einst verk\u00fcndete, denn es hat uns ja eingeholt.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nAlles das, was wir nicht bew\u00e4ltigt haben in den vierzig Jahren DDR, deren Staatsgr\u00fcndung einst eine schnelle Antwort auf die Gr\u00fcndung der BRD war, aber von dieser nie richtig anerkannt wurde, alles liegt nun hinter uns. Letztlich lie\u00df sich aber durch Konfrontation wenig bewirken und erst das Tauwetter der siebziger Jahre stellte immer mehr Weichen in Richtung Aufl\u00f6sung des umstrittenen, sich dem Sozialismus verschriebenen Staatsgebildes.<\/p>\n<p>\nBei Otto Mellies las ich nun, dass es den eigentlichen sozialistischen Ver\u00adsuch noch gar nicht gegeben h\u00e4tte, auch wenn er mit seiner Vergan\u00adgenheit weniger hadert als die vielen selbsternannten zeitlebens im Wider\u00adstand Gewesenen. Leider war ja der Versuch, es mal ganz anders zu versuchen, gleich anfangs vom Stalinismus \u00fcberschattet, wo es oft besonders hart und manchmal unge\u00adrecht zur Sache ging.<\/p>\n<p>\nTrotzdem lohnt sich auch heute noch eine Bilanz, was wir denn eigentlich in die Bundesrepublik eingebracht haben, au\u00dfer den allf\u00e4lligen Schulden. Das war sicher ein Menschentyp, wie ihn die Marktwirtschaft nicht hervorzubringen imstande ist, der es gewohnt ist, in Gemeinschaften zu leben und zu arbeiten, der nach gesamtgesellschaftlichen Zielen streb\u00adte, der auf gewisse Weise, manchmal bis zur Naivit\u00e4t, uneigenn\u00fctzig und diszipliniert war.<\/p>\n<p>\nBei allen Einschr\u00e4nkungen, dass auch Angst eine Rolle spielte, ging man dann doch mit gewissem Gott\u00advertrauen `89 auf die Stra\u00dfe in der Hoffnung, dass eine F\u00fchrung, die immerhin Vernunft des \u00d6fteren unter Beweis gestellt hatte, nicht so reagieren w\u00fcrde, wie die chinesische auf dem Tien an Men Platz, was sich dann auch bewahrheitet hat. Man bot sich an, Teil eines Volkes zu sein, das man doch auch selber repr\u00e4sentierte. Das Geld kam dann wirklich und viele Berater und neue Chefs, die nicht schlecht staunten, wie verostete Verh\u00e4ltnisse aussehen.<\/p>\n<p>\nDas Menschenmaterial, wenn man es so nennen darf, wurde allerdings nicht unbedingt als eine Bereicherung angesehen, dessen Eigenschaften auch nicht als bemerkenswert, sondern es war schon die Zeit, wo viele Menschen eher auch viele Probleme bedeuteten, wie wir es heute auch wieder sehen, wo noch fremdere Fremdlinge zu uns str\u00f6men.<\/p>\n<p>\nWarum nahm man sich unser an, wenn dem so war? Ist es der alte Traum eine Gro\u00dfmacht sein zu wollen? War es der Zauber des Gemeinschaftsgef\u00fchls und der Ver\u00adgr\u00f6\u00ad\u00dfe\u00adrung des Heiratsmarktes? Ich glaube, es ist der alte Traum, dass jemand gut f\u00e4nde, was ich selbst als gut erkannt zu haben glaube. Der Mensch, der sich mir anschlie\u00dft, ist nicht nur ein Facebookfreund, er wird ein dankbarer Mensch sein und ich werde Gott danken, dass dieser potenziell dankbare Mensch mir gesandt wurde. F\u00fcr dieses elementare Gef\u00fchl ist ein Staat so weit, dass er viel Geld daf\u00fcr ausgibt. Es gibt Beispiele daf\u00fcr, wie viel die DDR daf\u00fcr ausgegeben hat, wenn sich jemand zu ihr bekehrt hat, wie die Aufnahme der (roten) Scala aus Wien ans Deutsche Theater Mitte der f\u00fcnfziger Jahre.<\/p>\n<p>\nBei diesem umgekehrten Fall, dass der Bundestag heute Volkskammer hie\u00dfe, w\u00e4ren in umgekehrte Richtung auch Milliarden geflossen, wenn man sie nur gehabt h\u00e4tte. Dass eine sozialis\u00adtische \u00d6konomie nicht funktionieren kann, gilt heute als unumst\u00f6\u00dfliche Tatsache und die menschlichen Defekte der Marktwirt\u00adschaft sind f\u00fcr\u2019s Funktionieren eben darzubringende Opfer.<\/p>\n<p>\n25 Jahre sind \u00fcberstanden und es war ein harter Kampf, nicht der eines Volkes um zunehmenden Wohlstand, sondern der jedes einzelnen, sich ein kleines oder kommodes P\u00f6lsterchen zu schaffen. Die bequemen politischen Wahlspielchen und die angebliche Pressefreiheit haben uns desillusioniert. Gemeinsame Ziele haben wir nicht mehr, lassen uns von fremden M\u00e4chten herumschubsen und in kleine Katastrophen st\u00fcrzen. Dass der Mammon regiert, nehmen wir kaum noch zur Kenntnis, denn wir scheffeln selber genauso, wenn es nur geht.<\/p>\n<p>\nW\u00fcrde ein Jesus nebst J\u00fcngern heute in Armut durch Deutschland ziehn, er w\u00fcrde nicht mal verlacht. Man sagte sich, fein, sollten das alle so tun, desto mehr bleibt mir vom Kuchen. Begehrte er allerdings zwei Ohrfeigen, wir wissen ja, es muss f\u00fcr jede Wange eine sein, dann w\u00fcrden wir diese verweigern. Gewalt soll aus\u00fcben, wer will, wir achten die Religion.<\/p>\n<p>\nUnd tats\u00e4chlich unternimmt es keiner, kein Gl\u00e4ubiger und kein Atheist, jemanden so auf die Probe zu stellen, denn alle wissen alles schon, alles wurde schon einmal versucht. Wir sind einfach am Ende der Zeitalter.<\/p>\n<p>\n<em>Christian Rempel im Waltersdorfe, den 3.10.2015<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hineingelebt &nbsp; P\u00fcnktlich zum 25sten Jahrestag der Wiedervereinigung, oder genauer ge\u00adsagt, des notgedrungenen Anschlus\u00adses der maroden DDR an die Bundes\u00adrepublik, nahm nun Gregor Gysi seinen Abschied, bei dem viel Vers\u00f6hnliches gesagt wurde, auch dass ohne ihn vielleicht der Bundestag jetzt&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/2124\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-2124","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2124","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2124"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2124\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2126,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2124\/revisions\/2126"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2124"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2124"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2124"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}