{"id":212,"date":"2010-12-19T18:32:08","date_gmt":"2010-12-19T16:32:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=212"},"modified":"2023-12-08T23:01:06","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:06","slug":"spannung-details-und-lehrreiches-erfolg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/212","title":{"rendered":"Spannung, Details und Lehrreiches = Erfolg"},"content":{"rendered":"<p>In die Ferien bekam ich den Rat mit, mir mal einen Film anzusehen \u201eIn achtzig Tagen um die Welt\u201c von Jules Verne, denn wir hatten ja das Problem mit dem Datum behandelt, das sicher nur einer Minderheit klargeworden ist und mich selbst einen Tag lang besch\u00e4ftigt hat, bis ich es \u00fcberhaupt vermitteln konnte. Ich habe diesen Versuch seitens der Sch\u00fcler, ein wenig \u00fcber meine Freizeit zu verf\u00fcgen, was doch der Physikunterricht ohnehin schon mit sich bringt, f\u00fcr mich so \u00fcbersetzt, dass ich ja auch das Buch lesen k\u00f6nnte, was meinen Neigungen mehr entspricht, als sich anzu\u00adse\u00adhen, was andere als short message daraus gemacht haben.<br \/>\nZwei Sch\u00fcler hatten das Buch wohl auch gelesen, wobei der Eindruck trotz ihrer Jugend schon so verblasst war, dass man sich weder an Protagonisten noch an die Reiseroute recht erinnern konnte. Zwar haben wir uns dann auf die Richtung einigen k\u00f6nnen, in der man gereist sein m\u00fcsste, wenn man nach der eigenen Z\u00e4hlung schon einen Tag weiter ist als das Ortsdatum, n\u00e4mlich ostw\u00e4rts, aber das war es dann auch.<!--more--><br \/>\nAls ich nun gestern anfing, das Buch zu lesen, was ja auch einem gewissen Zeitregime unter\u00adliegt, da hoffte ich, da es mich stark fesselte, diese Achtzigtagereise in f\u00fcnf Tagen zu schaffen und bis zum Schicksalsdatum des Protagonisten Phileas Fogg, den 21. Dezember, auch die Lekt\u00fcre abgeschlossen zu haben. Das Tempo des Romans ist aber weit h\u00f6her. Oft schmelzen ganze Ozean\u00fcberquerungen von vielen Tagen zu wenigen S\u00e4tzen zusammen und Verne konzentriert sich voll auf die manchmal wenigen Stunden, die \u00fcber das Ganze entscheiden.<br \/>\nKlar ist, dass in dem Roman keine wesentliche Zeitdifferenz eintreten kann, zugunsten des Weltreisenden nicht, weil er ja schon auf ein Optimum gewettet hatte und auch nicht zu seinem Nachteil, weil dann die ganze Spannung dahin w\u00e4re, k\u00f6nnte doch dann selbst ein im Fortgang optimaler Verlauf der Reise die Sache nicht mehr ins Lot bringen.<br \/>\nWas nun war jener Phileas Fogg f\u00fcr ein Engl\u00e4nder? Sein Tagesablauf war monoton, wie der eines Chronometers. T\u00e4glich ging er halb zw\u00f6lf aus dem Haus in den Reform Club, ohne je dabei einen Schritt zuviel zu tun. Dort galt er als leidenschaftlicher Zeitungsleser, genau wie sein Erfinder Jules Verne und spielte bis Mitternacht Whist. Gem\u00fctsaufwallungen scheinen ihm v\u00f6llig fremd, wir erleben ihn die ganze sp\u00e4ter turbulente Geschichte lang nicht einmal ausrastend, und trotzdem ist ihm eine ziemliche Konsequenz eigen, so dass er seinen Diener entl\u00e4sst, weil er das Rasierwasser auf nicht viel mehr als ein Grad zu wenig erw\u00e4rmt hatte, als ihm vorgeschrieben war. Sein neuer Diener franz\u00f6sischer Herkunft, Passepartout, macht sich im Verlaufe der Handlung ziemlich drastischer Vergehen schuldig, ihn aber wei\u00df er zu sch\u00e4tzen. Alles deutet darauf hin, dass sich unter der unersch\u00fctterlichen Fassade des Gentleman Fogg ein gro\u00dfz\u00fcgig denkender und durchaus handlungsf\u00e4higer Mensch verbirgt. Schon seine unvermittelte Abreise auf die Wette hin, wo er keine zwei Stunden s\u00e4umt, kurzerhand, ohne spezielle Vorbereitungen, die Weltwettreise anzutreten, setzt einen in Erstaunen.<br \/>\nJules Verne muss die Engl\u00e4nder wirklich sehr gesch\u00e4tzt haben, wenn er einem solchen Muster\u00adexemplar einen franz\u00f6sischen Diener beistellt, mit dem Fogg ein Gespann bildet, wie Don Quichotte mit Sancho Panza, nur dass eben die Zeiten vorbei waren, wo sich ein solches Gespann l\u00e4cherlich machte, sondern wo bereits happy end angesagt war, von dem man nat\u00fcrlich von Anfang an wei\u00df, weil der grunds\u00e4tzliche Inhalt des Buches ja bekannt ist, aber man kann sich doch des\u00f6fteren fragen, wie der Autor aus den sich auft\u00fcrmenden Schwierigkeiten wieder herauskommen will.<br \/>\nOhne Passepartout allerdings w\u00fcrden wir einen Herrn auf der Weltreise begleiten, der nicht viel sagt, dem St\u00e4dte und Landschaften fast egal sind, der nur leidenschaftlich Whist spielt. Ohne Passepartout w\u00e4re es auch nicht gelungen, die sch\u00f6ne Aouda aus den F\u00e4ngen religi\u00f6ser Eiferer in Indien zu befreien und sie w\u00e4re neben der Leiche ihres Gatten bei lebendigem Leibe verbrannt worden. Ohne ihn h\u00e4tte sich auch nicht der Polizeiinspektor Fix an die Fersen der Reisenden heften k\u00f6nnen und ohne diesen wiederum h\u00e4tte es keine Verhaftung gleich bei der R\u00fcckkunft nach Liverpool gegeben, die dann alle, mit bereits am Rande der Legalit\u00e4t befindlichen Mitteln, durchgef\u00fchrten Bem\u00fchungen scheinbar endg\u00fcltig zunichte gemacht haben. Die Idee, ein Schiff zu kapern und dann auch noch zu verheizen, um genug Dampf f\u00fcr die \u00dcberfahrt zu haben, w\u00fcrde bei anderen Autoren allein schon hinreichen, einen Roman zu verfassen, aber hier finden wir gleich ein Dutzend solcher originellen Einf\u00e4lle, die nicht viel gemein haben mit der schlichten Zeitungsberechnung, dass ab nun die M\u00f6glichkeit einer Weltumrundung in achtzig Tagen als schlichte Gegebenheit anzunehmen ist.<br \/>\nEin Deutscher kommt in diesem Roman nicht vor und das nimmt auch nicht wunder, denn der vorangegangene deutsch-franz\u00f6sische Krieg hatte den Autor in gro\u00dfe psychische Qualen gest\u00fcrzt. Der Roman erschien ja im Jahre 1873 und war wohl Jules Vernes gr\u00f6\u00dfter Erfolg. Man spricht auch von naturwissenschaftlicher Literatur, die er ins Leben gerufen hat und man braucht nur an das Zeitalter zu denken, um das zu unterschreiben. Dass er die Technik allerdings verherrlicht h\u00e4tte und den Menschen und die Natur aus dem Zentrum genommen, kann man von ihm nicht sagen. Der Roman hat zwar nicht so viel Tiefgang, wie das Beste, was wir bisher gelesen haben, aber wir erwiesen dem Autor ja bereits im Abbe die Referenz, als an dieser Stelle sein Roman Erw\u00e4hnung fand. Seltsamerweise starb Jules Verne auch im gleichen Jahr wie Abbe, 1905, nur zwei Monate nach ihm, aber da hatte er im Gegensatz zu dem Deutschen schon 77 Jahre gelebt.<br \/>\nEine Aufnahme in die Acad\u00e9mie fran\u00e7aise blieb Jules Verne versagt und auch Abbe hat keinen Nobelpreis bekommen. Trotzdem waren beide sehr erfolgreich, so dass man tragische Ausg\u00e4nge mit Hybris, retardierendem Moment und solche Dinge langsam \u00fcber Bord werfen konnte und wir einer Zeit entgegengehen konnten, in denen ein Dan Brown oder andere Amis, die mir jetzt nicht gleich beifallen m\u00f6chten, den Ton angeben und man vom deutschen misepetrigen Wesen schon fast gar nichts mehr h\u00f6rt. Bleibt nur, uns noch ein bisschen zu mucksen.<\/p>\n<p>C.R. 18.12.2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In die Ferien bekam ich den Rat mit, mir mal einen Film anzusehen \u201eIn achtzig Tagen um die Welt\u201c von Jules Verne, denn wir hatten ja das Problem mit dem Datum behandelt, das sicher nur einer Minderheit klargeworden ist und&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/212\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-212","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/212","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=212"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/212\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4496,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/212\/revisions\/4496"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=212"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=212"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=212"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}