{"id":2108,"date":"2015-09-08T11:23:46","date_gmt":"2015-09-08T09:23:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=2108"},"modified":"2023-12-08T23:00:23","modified_gmt":"2023-12-08T21:00:23","slug":"kolumne-kw36-brisanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/2108","title":{"rendered":"Kolumne KW36 &#8222;Brisanz&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Brisanz<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gibt ein brisanteres Thema derzeit als Flucht? Dem wollten sich die unDichter am letzten Wochenende in einem Seminar stellen. Erste Beitr\u00e4ge dazu gibt es schon. Sie besch\u00e4ftigen sich mit der Empathie, die man gegen\u00fcber Fl\u00fcchtlingen entwickeln kann, aber auch mit der eigenen Geschichte, als 12 bis 14 Mio Deutsche auf der Flucht waren, was ja jetzt so 70 Jahre her ist.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nDieser als Vertreibung bezeichnete Vorgang, hat viele geschichtliche Facetten, Parallelen und soll auch jetzt dazu dienen, das Mitgef\u00fchl mit den heutigen Fl\u00fcchtlingen aufzubauen und von Zweifeln zu bereinigen. Manchmal reicht das bis in die, Dichtern verschlossene, Sph\u00e4ren der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit, aber die Berechtigung ist ein weit zug\u00e4nglicher Ma\u00dfstab. Auch Kategorien von Schuld und Rache spielen da sicherlich herein.<\/p>\n<p>\nEs ist nat\u00fcrlich leichter, Empathie f\u00fcr die eigenen Volksgenossen zu empfinden, als f\u00fcr Fremde, von denen man nicht genau wei\u00df, wie lauter ihre Motive zur Flucht hierher waren und deren Pr\u00fcfung ja wohl auch zwei Jahre dauert, eine Zeit, die ausreicht, um ein Gewohnheitsrecht abzuleiten und man muss sich dann schon fragen, ob man Menschen, die dann so lange hier waren, einfach wieder zur\u00fcckschicken kann. Hier stellen wir uns mit unserer eigenen B\u00fcrokratie ein Bein, die sich doch allzu leicht ausnutzen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>\n\u201eEs gibt keine Flieger f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge\u201c lautete da eine Formulierung der unDichter, aber man kann sich fragen, warum eigentlich nicht. 1989 haben sich die deutschen Republikfl\u00fcchtlinge aus der DDR in den ausl\u00e4ndischen Botschaften gesammelt und sie wurden dann zwar nicht in den Westen ausgeflogen, aber immerhin Z\u00fcge bereitgestellt. Sogar Ausfliegen w\u00e4re heutzutage gerecht\u00adfertigt, bei den materiellen M\u00f6glich\u00adkei\u00adten, die es gibt, und wenn man  einen fragw\u00fcr\u00addigen Sortieralgo\u00adrithmus vermeiden m\u00f6chte, der durch daran verdienende Schlepper gegeben ist und der sich den Menschen in echter Not doch gar nicht als Alternative stellt, dann kann man nur an Aufnahme\u00adm\u00f6glichkeiten vor Ort denken. Fl\u00fcge sind teuer, aber die Milliarden sind auch nicht wenig, die wir uns f\u00fcr uns \u00fcbergeholfene Probleme leisten.<\/p>\n<p>\nL\u00e4sst man sich aber nicht durch die Medien berieseln und manchmal sogar manipulieren, dann ergibt sich Brisanz aus ganz anderen Punkten. Da ist es eher die Frage unseres gegenseitigen Umgangs miteinander, der doch einen Teil unserer Kultur darstellt und einen Wert, den man ja schlie\u00dflich auch diesen Ank\u00f6mmlingen gerne n\u00e4her br\u00e4chte, wenn sie ihn nicht sowieso schon eher mitbringen, weil sie aus viel dichteren Gesellschaften stammen und sich vielleicht nur nicht so artikulieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\nWir k\u00f6nnen uns auch immer weniger artikulieren, besonders schriftlich ist das der Fall. Da wird nicht erwidert, wenn es die H\u00f6flichkeit erfordern w\u00fcrde. Da wird nicht mehr durchdacht, was man zu Papier oder ins Netz bringt. Man h\u00f6rt eher auf Gebr\u00fcll und kann sich ebenso leicht davon distanzieren, als auf eine dezidiert gesetzte Meinung, gerade wenn sie Abstand hat zur allgemeinen Hochgeputschtheit. Also schreiben wir und br\u00fcllen nicht nur, empfinden wir uns auch noch sehr als Leuen.<\/p>\n<p>\nMan muss sich auch klar sein, dass die gr\u00f6\u00dfte Einladung zur Flucht hierher, gar nicht von unserer Kultur und der ertr\u00e4glichen Fremdentoleranz ausgeht, die sich weniger herumgesprochen haben werden, als unser Wohlstand. Der Knackpunkt, dass es arme und reiche L\u00e4nder gibt, scheint weitgehend au\u00dfer Sicht geraten und dass es daf\u00fcr nur zwei L\u00f6sungen gibt, dass entweder wir zugunsten anderer etwas aufgeben m\u00fcssten oder die Armen sich mit ihrem Schicksal abfinden. Welches Medium legt sich heute neben den Verhungernden nieder, der schon zu schwach ist zur Flucht, welches Medium liefert nicht lieber Panikmache an der Oberfl\u00e4che, statt Mitgef\u00fchl und Lauterkeit.<\/p>\n<p>\n<em>Christian Rempel im Waltersdorfe, den 7.9.2015<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brisanz &nbsp; Gibt ein brisanteres Thema derzeit als Flucht? Dem wollten sich die unDichter am letzten Wochenende in einem Seminar stellen. Erste Beitr\u00e4ge dazu gibt es schon. 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