{"id":2089,"date":"2015-08-09T17:24:54","date_gmt":"2015-08-09T15:24:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=2089"},"modified":"2023-12-08T23:00:23","modified_gmt":"2023-12-08T21:00:23","slug":"kolumne-kw32-urlaubslektuere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/2089","title":{"rendered":"Kolumne KW32 &#8222;Urlaubslekt\u00fcre&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Urlaubslekt\u00fcre<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was eigentlich als Urlaubslekt\u00fcre gedacht war, der Roman von dem israelischen Autor Amos Oz mit dem Titel \u201eJudas\u201c, wurde nun in zwei Tagen verschlungen, in denen ich auf die Best\u00e4tigung meines schriftlichen Werkes wartete, die allerdings, sicher aus guten Gr\u00fcnden, ausblieb.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nDie Wiederbegr\u00fcndung eines israe\u00adlischen Staates nach dem zweiten Weltkrieg war sicher so ein Traum, den ein ganzes verfolgtes Volk tr\u00e4umte, und unter ihnen soll es dennoch einen gegeben haben, der meinte, dass eine solche Staats\u00adgr\u00fcndung ein Fehler sein sollte, der nur zu weiterem Blutvergie\u00dfen f\u00fchren w\u00fcrde. Wenn also ein Buch geschrie\u00adben wird, in dessen Erinnerung eine solche fiktive Gestalt vorkommt, so ist das nicht anders, als w\u00e4re in der DDR ein Buch erschienen, das die ganze Staatsgr\u00fcndung, die ja damals eine Reaktion auf die westdeutsche war, als verfehlt ansieht.<\/p>\n<p>\nDas Buch spielt 1959, also zw\u00f6lf Jahre nach der Staatsgr\u00fcndung von Israel, aber die ganze Sinnlosigkeit und Ged\u00e4mpftheit der Existenz passt wohl eher in die heutige Zeit. Der Prota\u00adgonist ist n\u00e4mlich ein Student, der \u00fcber das Jesusbild der Juden forscht und dessen Eltern ihn wegen wirtschaftlichen Ruins nicht mehr unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Statt sich nun, wie seine \u00e4ltere Schwester, einen Job zu suchen und das Studium selbst zu finanzieren, gibt er sofort auf und nimmt eine etwas obskure Stelle an, bei der er einen \u00e4lteren gel\u00e4hmten und redseligen Mann t\u00e4glich an den Abenden unterhalten soll. Er ist nicht der erste und nicht der letzte, der diese Stelle in dem seltsamen Haus am Rande Jerusalems antritt und zum Inventar des Hauses z\u00e4hlt, auf dass es auch ein bisschen prickelnd erotisch werden kann, eine nicht mehr ganz junge, aber sehr sch\u00f6ne und anziehende Frau, in die sich schon alle Vorg\u00e4nger dieses Studenten auf der Stelle verliebt hatten.<\/p>\n<p>Einen ganzen israelischen Winter verbringt der gewesene Student nun in einer Mansarde des Hauses. Er ist selbst nicht ganz gesund, sondern Asthmatiker, besitzt aber mit seinem unbeholfenen Wesen bei einem \u00c4u\u00dferen mit allen m\u00e4nnlichen Attributen \u00fcber eine gewisse Anziehung auf das weibliche Geschlecht. Obwohl er sich schriftlich verpflichten musste, nichts \u00fcber das Haus und seine Arbeit verlauten zu lassen und er auch nicht ins Bild gesetzt wurde, in welchem Verh\u00e4ltnis der gel\u00e4hmte alte Mann und die Sch\u00f6nheit standen, wird er doch so nach und nach gewahr, was die Geschichte des Hauses ausmacht.<\/p>\n<p>\nDie Sch\u00f6nheit ist n\u00e4mlich die Tochter jenes einen Opponenten der israelischen Staatsgr\u00fcndung, der gern Kontakt hielt zu den angestammten arabischen Einwohnern, aber wohl auch ein obskurer Mensch war, der keinen richtig lieben konnte. Sie war f\u00fcr etwas \u00fcber ein Jahr mit einem Mathematiker verheiratet, dem Sohn des gel\u00e4hmten Mannes, der demnach ihr Schwiegervater ist. Dieser Sohn war ein gl\u00fchender Patriot und war auf bestialische Weise in den Sezessions\u00adkriegen umgekommen. Was die Sch\u00f6nheit Atalia an diesem nunmehr der Erinnerung angeh\u00f6renden Sohn gefunden haben mag, ist offen, denn ihre jetzige Grundthese in Bezug auf M\u00e4nner besteht darin, dass sie alle mehr oder weniger Kindsk\u00f6pfe sind und samt und sonders nicht ganz ernstzunehmen. Trotzdem l\u00e4sst sie den abgebrochenen Studenten dann ein paar Mal gew\u00e4hren, vielleicht aus einem sexuellen Bed\u00fcrfnis oder vielleicht einfach deshalb, weil das eben der Verlauf eines guten Romans ist.<\/p>\n<p>\nUm der ganzen modernen Vergreist\u00adheit des Romans noch die Krone aufzusetzen, bedient sich der Autor noch eines weiteren Zuges der modernen Wissenschaft, n\u00e4mlich so lange und schon sinnlos geworden in den bekannten Fakten herumzu\u00adstochern, bis sich eine originell scheinende Umdeutung ergibt. Es ist dies nicht weniger als die Jesus Saga, den sein eigener J\u00fcnger Judas verraten hatte. Die Juden mochten Jesus nicht und halten ihn f\u00fcr einen falschen Propheten, eben nicht f\u00fcr den Messias, der auch nach ihrer \u00dcberlieferung zu erwarten stand. Diese miesepetrige Einstellung zum Gottesssohn hat nicht wenig zum Hass der Christen auf die Juden beigetragen. Jetzt aber wagt dieser abgebrochene Student, der sich als Atheist bezeichnet und der sozialistische Ideale hegt, die These, dass das Hassobjekt der Christen, der Verr\u00e4ter Jesum, Judas, in Wahrheit der treueste Christ war. Er h\u00e4tte den Gang nach Jerusalem, wo man doch so sch\u00f6n Wunder getan hatte in Galil\u00e4a, mit Nachdruck betrieben, auch die Kreuzigung Jesus\u2018 mitins\u00adzeniert, um zu beweisen, dass dieser doch Gottes Sohn sei und vom Kreuz unversehrt herabsteigen w\u00fcrde. In dieser komischen Logik durch den Kreuzestod Jesum entt\u00e4uscht (er h\u00e4tte wohl die zwei Tage bis zur Auf\u00aderstehung abwarten sollen), ging er hin und erh\u00e4ngte sich.<\/p>\n<p>\nDem Schriftsteller ist zugute zu halten, dass er sich diese abwegige These zwar ausgedacht hat, aber den Helden damit nicht re\u00fcssieren l\u00e4sst, sondern ihm eine Perspektive au\u00dferhalb der Wissenschaft, als Nachtw\u00e4chter vielleicht, zugedenkt.<\/p>\n<p>\nDer Roman ist also nicht nur die Absage an eine nationale Begei\u00adsterung, die den Israeliten schon seltsam genug vorkommen mag, denn sie befinden sich ja nach ihrem Verst\u00e4ndnis in einem \u00dcberlebens\u00adkampf in feindlicher Umwelt, es ist auch die Absage an die Intellektualit\u00e4t, die heute nicht viel mehr ergibt, als solche absurden Bl\u00fcten zu treiben und was als Message bleibt, ist wohl, das Leben einigerma\u00dfen \u00fcberlegt und passiv auf sich zukommen zu lassen, mitzunehmen, was sich an Annehm\u00adlichkeiten bietet und in aller Privatheit und Introvertiertheit auf den allgemei\u00adnen Untergang zu warten.<\/p>\n<p>\nPessimistisch, k\u00f6nnte man meinen, aber eben satt von summierter Lebensweisheit, wie sie sich uns auch nicht viel anders darbietet.<\/p>\n<p>\n<em>Christian Rempel im Waltersdorfe, den 9.8.2015<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Urlaubslekt\u00fcre &nbsp; Was eigentlich als Urlaubslekt\u00fcre gedacht war, der Roman von dem israelischen Autor Amos Oz mit dem Titel \u201eJudas\u201c, wurde nun in zwei Tagen verschlungen, in denen ich auf die Best\u00e4tigung meines schriftlichen Werkes wartete, die allerdings, sicher aus&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/2089\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-2089","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2089","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2089"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2089\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2091,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2089\/revisions\/2091"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2089"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2089"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2089"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}