{"id":1969,"date":"2015-01-10T23:53:05","date_gmt":"2015-01-10T21:53:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=1969"},"modified":"2023-12-08T23:00:23","modified_gmt":"2023-12-08T21:00:23","slug":"kolumne-kw01-ein-reizwort-im-wandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1969","title":{"rendered":"Kolumne KW01 &#8222;Ein Reizwort im Wandel&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Reizwort im Wandel<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Geht es Ihnen auch schon so, wie meiner Frau, dass sich Ihnen beim Wort &#8222;Kollektiv&#8220; die Nackenhaare str\u00e4uben? Das setzt nat\u00fcrlich voraus, dass Sie diesen Kernbegriff des Sozialismus aus eigener Erfahrung kennen, sie diesen also erlebt haben.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nMir selbst geht es nicht so damit, vielleicht weil ich diesen Begriff eher mit einem Ideal in Verbindung zu bringen geneigt bin, als mit der vertrackten Realit\u00e4t, die es einmal gegeben hat und die wir mehr oder weniger wehm\u00fctig hinter uns lie\u00dfen.<\/p>\n<p>\nEine Weile haben wir es ja mit dem neumodischen Begriff des Teamgeistes versucht, bis festzustellen war, dass es sich dabei nur um einen matten Abglanz des Kollektivgeistes, quasi ein Kollektivgeist ohne Kollektiv handelte. Hat man uns den weniger sch\u00f6nen Begriff des Kollektivzwangs inzwischen so eingetrichtert, dass wir inzwischen daran glauben, dass darin das Credo des Kollektivs bestanden haben k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>\nIch n\u00e4hre meine eigene Einstellung aber nicht nur daraus, dass ich vielleicht mehr als andere in Idealen lebe und auch zu Zeiten des Sozialismus lebte. Ich habe sogar ein echtes solches Kollektiv zu Ostzeiten erlebt, das inzwischen Erfolgsge\u00adschichte geschrieben hat und dessen Schemen ich heute anl\u00e4sslich der Beerdigung einer solchen Integra\u00adtionspers\u00f6nlichkeit wiederfand.<\/p>\n<p>\nStellen Sie sich unter dem Verblichenen einen Menschen vor, dem es nicht zuerst darauf ankam, selbst Erfolg zu haben und dabei alle und alles ehrgeizig hinter sich zu lassen, sondern der anderen Routinearbeiten abnahm, zu dem man mit seinen Sorgen kommen konnte, der nicht mal ein eigenes Privatleben hatte, das ihn von dieser Teilnahme h\u00e4tte ablenken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\nDas Ganze stellen sie sich jetzt noch unter Wissenschaftlern vor, deren h\u00f6chstes Ziel darin besteht, gro\u00df rauszukommen oder wenigstens eine der seltenen unbefristeten Stellen zu ergattern. Dass es solcher Integra\u00adtionsfiguren bedarf, dass die Arbeit auch Spa\u00df macht, ist im Wissen\u00adschaftsbetrieb heutiger Pr\u00e4gung nicht vorgesehen. Mir ist es immer noch ein R\u00e4tsel, wie der Verblichene diese Position hat ausf\u00fcllen k\u00f6nnen, denn dem Schlankheitsanspruch der Wissenschaft gen\u00fcgt nur der auf sich fixierte Wissenschaftler, der ja dann auch ach so erfolgreich ist.<\/p>\n<p>\nEr ist aber aus einem Kollektiv von nat\u00fcrlich sehr unterschiedlich Begabten hervorgegangen, die heute \u00fcberwiegend atemberaubende Positionen in der Wissenschaft und Wirtschaft bekleiden. Ich hatte vor einigen Jahrzehnten die M\u00f6glichkeit in diesem Jenenser Kollektiv zu arbeiten, das eine naturgem\u00e4\u00df lockere Verbindung zwischen verschiedenen Fachgebieten der Lasertechnik war, das aber hervorragende Ergebnisse zeitigte, obwohl es sich nicht um eine Ansammlung von Genies handelte. Man hatte einfach Freude daran, wenn etwas gelang, egal ob es auf dem eigenen Mist gewachsen war oder das Ergebnis einer anderen Gruppe, ohne sich nat\u00fcrlich auf den Lorbeeren der anderen auszuruhen.<\/p>\n<p>\nEs gab auch Geselligkeit, neben den Workshops die H\u00f6hepunkte im Kollektivleben und da gab es dann sanften Kollektivzwang, dass jeder der Anwesenden ein Lied vorzutragen hatte oder ein Gedicht oder \u00c4hnliches, was zur Unterhaltung beitr\u00e4gt. Ein Hauch davon wehte heute durch die Trauergesellschaft der altgewordenen &#8222;Kollektiv&#8220;mitglieder, in die \u00fcbrigens zwanglos die Familien integriert werden. Man freut sich nicht nur an den Ergebnissen der anderen, sondern auch an deren pers\u00f6nlichem Gl\u00fcck, eine nette Familie zu haben.<\/p>\n<p>\nBei all dem kann es sich um eine Jenenser Besonderheit handeln, die nun halt mal einen Ausflug an die Spree gemacht hat, aber ich, der ich in dieser Truppe ein Au\u00dfenseiter, weil Gast bin, empfinde wohl die angenehme Atmosph\u00e4re, die diese Truppe immer noch hat.<\/p>\n<p>\nEs ist sicher kein Zufall, dass damals Jena zum Entstehungsort der geselligen Fr\u00fchromantik geworden ist. Deshalb h\u00e4nge ich dem Jenaer Geist auch immer wieder gerne an und freue mich, dass er heute mal wieder, zwar aus traurigem Anlass, einen Ausflug zu uns gemacht hat.<\/p>\n<p>\n<em>Christian Rempel im Waltersdorfe<br \/>\n9.1.2015<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Reizwort im Wandel &nbsp; Geht es Ihnen auch schon so, wie meiner Frau, dass sich Ihnen beim Wort &#8222;Kollektiv&#8220; die Nackenhaare str\u00e4uben? 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