{"id":1683,"date":"2014-01-19T13:27:03","date_gmt":"2014-01-19T11:27:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=1683"},"modified":"2023-12-08T23:00:24","modified_gmt":"2023-12-08T21:00:24","slug":"kolumne-kw3-faust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1683","title":{"rendered":"Kolumne KW03 &#8222;Faust&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Faust<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gibt es das noch, dass der Faust, an dem Goethe fast sechzig Jahre gearbeitet hat, so aufgef\u00fchrt wird, wie es der Geheimrat sich vorgestellt hat? Erfordert es doch \u00fcber 50 Darsteller, und welches Theater k\u00f6nnte sich ein solch opulente Auff\u00fchrung noch leisten?<\/p>\n<p>\nDie Theatergruppe der Villa Dolorosa in Berlin-Lankwitz, die jedes Jahr ein oder zwei Inszenierungen herausbringt und es zu Darstellungen gebracht hat, die den Text nicht f\u00fcrchten, die das Niveau nicht f\u00fcrchten, das durch einen Botho Strau\u00df oder eben Goethe verk\u00f6rpert ist, ohne die St\u00fccke zu verballhornen, wie es heute fast schon die Norm geworden ist.<\/p>\n<p>\nJetzt haben sie sich nun an das St\u00fcck der St\u00fccke gewagt, das ein Genie hervorge\u00adbracht hat, das nun schon fast 200 Jahre begraben ist und man mit einigem Recht annehmen k\u00f6nnte, dass seine Werke nun angestaubt zum alten Eisen geworfen werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>\n<!--more--><\/p>\n<p>Diesen Eindruck hat man auch erst ein bisschen, als nach den Prologen dann die Studierstube Faust&#8217;s die Szene beherrscht und sich der Alte, noch etwas lispelnd dazu, in ziemlich endlosen Monologen ergeht. Da hat man dann zun\u00e4chst wirklich den Eindruck, hier werde einem Faust vorgelesen, auch eine wundersch\u00f6n bunte Osterszene mit viel Volk kann das nicht ganz kompensieren und der Geniestreich des Osterspaziergangs, den der Faust dem Wagner rezitiert, geht fast ein bisschen unter.<\/p>\n<p>\nBis dann der Pudel sich an seine Fersen heftet, den Faust mit ins Studierst\u00fcbchen nimmt und der dessen gedankenschwere Arbeit mit Geknurr und Gebell unterbricht, herrlich die Augen verdreht und sich in animalischen Gesten ergeht. Da hat er dann gleich die Sympathien des Publikums auf seiner Seite, das doch auch nur allzugern ein wenig knurren und bellen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\nDas putzige Tier entpuppt sich ja als Mephisto, gespielt von Fabian Ruth, dem die Rolle so auf den Leib geschneidert ist, dass er vollkommen darin aufgeht und ein perfektes Spiel hinlegt mit der ganzen Souver\u00e4nit\u00e4t, die man von einem teuflisch guten Schauspieler erwarten darf. Er spielt den alten Faust auch geh\u00f6rig an die Wand, bis sich dieser in den jungen Faust verwandelt und nun echtes jugendliches Engagement und Verve, dem Geist, der b\u00f6ses will und gutes schafft entgegensetzen kann.<\/p>\n<p>\nZweifellos der H\u00f6hepunkt ist ja die Liebesgeschichte zu Gretchen, der man anfangs gar nicht die Gr\u00f6\u00dfe zutraut den Balanceakt zwischen  z\u00fcchtiger Jungfrau und sp\u00e4ter halb verr\u00fcckter Kindsm\u00f6rderin, die doch ein tragisches Vorbild im historischen Weimar hatte und f\u00fcr deren Hinrichtung dann auch der Geheimrat gestimmt hatte, auszuf\u00fcllen, aber Cornelia Meussling bew\u00e4ltigt das gl\u00e4nzend.<\/p>\n<p>\nAuch an Szenen von hohem Schauwert fehlt es ja nicht, seien das die Ostervolksszene, die Studenten in Auerbachs Keller, die Hexen\u00adszene oder die Walpurgisnacht. Da kommt der Vorteil der gro\u00dfen Besetzung so richtig zum Tragen. Man kann nur bewundern, was Goethe sich da ausdachte und man sieht den Anspruch der Truppe, dass der Geheimrat es selbst gern so gesehen h\u00e4tte, gl\u00e4nzend best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>\nBesonders k\u00f6stlich ist auch die Gartenszene gewesen, wo Frau Marthe (Constanze Bieber) mit Mephisto und Faust mit Gretchen flirten, wobei ersterer doch mit der Nachricht aufzuwarten hatte, dass Frau Marthes Gatte in der Fremde verstorben sei, ohne ihr auch nur einen Heller zu hinterlassen. Man kann da wirklich nur unterschreiben, dass uns das ewig Weibliche hinanzieht.<\/p>\n<p>\nInsgesamt ist das Konzept, Goethe mal wieder als Goethe zu spielen und sich an dessen Text zu halten, aufgegangen, auch wenn man anf\u00e4nglich etwas Schwierigkeiten hat, sich da hineinzufinden, so reichen doch ganze vier Stunden, dass man wieder dort ist, wo uns der Meister hinhaben wollte, und man m\u00f6chte ihm zurufen, h\u00e4ttest Du uns doch noch mehr von so Erbaulich-Vergn\u00fcglichem geliefert, aber so ein Meister ist in Deutschland noch nicht wieder erstanden.<\/p>\n<p>\nEs ist toll, mit welcher Begeisterung und welchem Engagement uns die \u00fcberwiegend jugendlichen Schauspieler uns das wieder nahezubringen versuchen und dabei ein kleines Meisterst\u00fcck ablieferten.<\/p>\n<p>\n<em>Christian Rempel im Waltersdorfe<br \/>\n19.1.2014<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Faust &nbsp; Gibt es das noch, dass der Faust, an dem Goethe fast sechzig Jahre gearbeitet hat, so aufgef\u00fchrt wird, wie es der Geheimrat sich vorgestellt hat? 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