{"id":1672,"date":"2013-12-29T12:45:06","date_gmt":"2013-12-29T10:45:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=1672"},"modified":"2023-12-08T23:00:24","modified_gmt":"2023-12-08T21:00:24","slug":"kolumne-kw52-das-war-2013-fuer-mich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1672","title":{"rendered":"Kolumne KW52 &#8222;Das war 2013 \u2013 f\u00fcr mich&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das war 2013 \u2013 f\u00fcr mich<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von Thomas Bernhard, dem \u00f6sterreichischen Publikums- und Staatsbeschimpfer, der ob seiner verschachtelten S\u00e4tze und Skandale geliebt wurde, habe ich gerade noch auf den Weg bekommen, um wie viel anregender doch das Stadtleben gegen\u00fcber dem Landleben ist, das nichts zu bieten habe als den Geist zu ruinieren.<!--more--> Er ist st\u00e4rker, wenn er von seiner Position vom Leder zieht, wenn es um ihn selbst geht, als in der Beschreibung eines Freundes, eines Neffen des Philosophen Ludwig Wittgensteins namens Paul, der immer mal wieder in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde, um dann nach Wochen gebrochen, depressiv entlassen zu werden, noch depressiver als es Bernhard war und auch depressiver als ich es selbst je erlebt habe.<\/p>\n<p>\nBernhard war zeitlebens unterwegs hin zum Tode, wegen eines Lungenleidens, das fast zu seinem Bedauern ein st\u00e4rkeres Alibi ist, sich zeitlebens mit dem Tod zu besch\u00e4ftigen, im R\u00fcckblick sogar ganze Lebensgeschichten als ein langsames Sterben zu definieren. Zwar kann er sich selbst auch neurotisches Verhalten zubilligen, wie die Krankheit, immer wieder in Kaffeeh\u00e4user gehen zu m\u00fcssen, nur unterwegs und nie am jeweiligen Reiseziel gl\u00fccklich zu sein oder alles um sich besch\u00e4men zu m\u00fcssen, aber zu einer richtigen Verr\u00fccktheit, gar zum Wahnsinn als deren versch\u00e4rfte Form, reicht es bei ihm nicht hin. Nicht zu unterdr\u00fcckende Selbstmordgedanken kann man wohl auch dazu rechnen.<\/p>\n<p>\nHeute erreichte mich die Nachricht, dass ein Bekannter nun doch, kurz vor Vollendung seines 90. Lebensjahres, in Magdeburg verstorben ist. Sollte man ab 60 nicht auch ab und an an so etwas denken, an den eigenen Tod. Wie man aber die Lebenskraft mehr und mehr schwinden sieht, so fehlt es einem aber auch immer mehr an Energie, den eigenen Tod zu bedenken oder sogar herbeizuf\u00fchren. Ab sechzig will man nicht mehr alles selber machen, so Bernhard, also auch nicht darauf hinarbeiten, seinem Leben ein Ende zu setzen, wenn man mal von ungesunder Lebensweise absieht. Sterben aus Bequemlichkeit, wenn das so einfach w\u00e4re, k\u00f6nnte man viele nicht mehr zu den Lebenden rechnen.<\/p>\n<p>\nAu\u00dfer in den Bibliotheken, die man sich doch schon weitgehend via Internet ins Haus holen kann, habe ich schon lange keine geistige Anregung mehr aus einer Gro\u00dfstadt gezogen. Der Geist scheint sich aus ihnen schon lange verzogen zu haben. Man kann sich fragen, wohin er sich verzogen hat. Auf das Land etwa? Das k\u00f6nnte man laut der Erfahrungswelt von Thomas Bernhard ausschlie\u00dfen. Dann hat er sich vielleicht \u00fcberhaupt verzogen?<\/p>\n<p>\nIn den Wintermonaten ist uns naturgem\u00e4\u00df der Geist wieder etwas n\u00e4her, als wenn vieles andere zu tun ist. Dabei m\u00fcssen wir nach dem Gesagten immer gew\u00e4rtig sein, dass diese winterliche Lebensphase auch der Weg hin zum Tode sein k\u00f6nnte. Aber schieben wir diesen Gedanken lieber beiseite. Als ein Land, das keine Geschichte hat und demzufolge auch keine Zukunft, bezeichnet Bernhard \u00d6sterreich. Wenn man aber mit dem Staat abgerechnet hat und vielleicht auch mit der Nation, ist man selbst es, der das Geschichtsbuch vollschreibt oder wei\u00df l\u00e4sst, wie es Jahrhunderte im Mittelalter waren, von denen man heute sogar der Meinung sein darf, es h\u00e4tte sie gar nicht gegeben.<\/p>\n<p>\nWenn sich der Geist also verzogen hat, kann es eine n\u00fctzliche These sein, dass man seiner gar nicht bedarf, jedenfalls nicht als Ideal, nicht als H\u00f6chstes. Dann kann es wichtiger sein, die N\u00e4he zu seinen N\u00e4chsten zu bewahren. Dabei kann man darauf verzichten sich als liebender Ehemann, Vater und Opa aufzudr\u00e4ngen, kann sich so lange unsichtbar, unwahrnehmbar machen, bis man auf den Kern der Sache gekommen ist, ob man selbst nur wertgesch\u00e4tzt wird, weil man sich wert gemacht hat, selbst aktiv wurde oder ob die These, dass man sich Zuwendung nur verdienen kann, doch absurd ist.<\/p>\n<p>\nDas Babajagahaus ist sicher keine geistige Leistung oder der Plan und das Modell f\u00fcr ein Karussell, das weitere Tausende verschlingen k\u00f6nnte. Seinen Geist muss man auch geh\u00f6rig z\u00fcgeln, in kindhafte Bahnen lenken, wenn man ein Kinderlied dichten m\u00f6chte, einer einfachen Frau ein Gedicht schreiben oder ein Kasperst\u00fcck schreibt. Bei all diesen Sachen ist Intellektualit\u00e4t ein gef\u00e4hrliches Gift und die sicherste Methode, nichts von all dem zustande zu bringen. Man kann aber auch das ins Absurde wandeln, wenn man die Meinung vertritt, dass gerade das Einfache zu erreichen eine geistige Leistung sei. Da w\u00e4re also nicht der Erfinder einer anspruchsvollen und fast unverst\u00e4ndlichen Theorie der Intelligente, sondern derjenige, der es dann so einfach macht, dass selbst ein Kind es verstehen kann.<\/p>\n<p>\nIch war mein Leben lang unterwegs zur Einfachheit, auch wenn mir das selten gelungen ist. Erst gestern las ich einen neun Jahre alten Aufsatz von mir selbst, von dem ich damals gemeint hatte, er w\u00fcrde die Welt bewegen. Jetzt stand ich selbst ratlos vor diesem Elaborat \u00fcber die Mendelsche Vererbungslehre und habe ihn nicht mehr verstanden. Selbstverliebt, wie man ist, habe ich ihn aber nicht einfach liegen lassen, sondern nachvollzogen, bis ich ihn verstanden hatte, bin also der Einfachheit wieder ein St\u00fcck n\u00e4her gekommen. Auch meine Arbeit zum Venustransit, dessen Anregung ich einem Nest wie Glash\u00fctte und nicht etwa einer Gro\u00dfstadt zu verdanken habe, habe ich so lange vereinfacht, bis ihn jeder Gutwillige verstehen kann. Vielleicht aber denke ich dar\u00fcber in zehn Jahren auch anders, wenn ich dann noch denke.<\/p>\n<p>\nAuch das Organisieren, was man f\u00fcr das Fest der Stille braucht, ist keine hochstehende geistige Leistung, ja die Stimme des Volkes ist sogar der Meinung, dass ein Intellektueller das besonders schlecht k\u00f6nnen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>\nTrotzdem reiche ich an meinen &#8222;Lebens\u00admenschen&#8220; nicht heran, wie Bernhard seine Lebensgef\u00e4hrtin bezeichnet. Die t\u00e4glichen Dinge gehen mir gar nicht mehr von der Hand und das k\u00f6nnte schlichte Faulheit sein. Mein Lebensmensch ist immer im Gange, wie sich die Anforderungen auch gerade stellen. Ich definiere mir meine Anforderungen selbst, gerade so, wie es bequem ist. Vielleicht ein Anlass, sich etwas vorzunehmen.<\/p>\n<p>\n<strong>Was nehmen Sie sich denn vor? Hinterlassen Sie doch einen Kommentar.<\/strong><\/p>\n<p>\n<em>Christian Rempel im Waltersdorfe<br \/>\n28.12.2013<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das war 2013 \u2013 f\u00fcr mich &nbsp; Von Thomas Bernhard, dem \u00f6sterreichischen Publikums- und Staatsbeschimpfer, der ob seiner verschachtelten S\u00e4tze und Skandale geliebt wurde, habe ich gerade noch auf den Weg bekommen, um wie viel anregender doch das Stadtleben gegen\u00fcber&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1672\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-1672","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1672","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1672"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1672\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1676,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1672\/revisions\/1676"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1672"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1672"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1672"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}