{"id":1469,"date":"2013-08-28T15:06:54","date_gmt":"2013-08-28T13:06:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=1469"},"modified":"2023-12-08T23:00:24","modified_gmt":"2023-12-08T21:00:24","slug":"intelligent-intelligenter-am-intelligentesten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1469","title":{"rendered":"Intelligent, intelligenter, am intelligentesten"},"content":{"rendered":"<p>Dass man es h\u00e4tte intelligenter als Ulbricht in der nach ihm benannten \u00c4ra h\u00e4tte machen k\u00f6nnen, spricht Walter Janka selbst in seiner Autobiographie &#8222;Schwierigkeiten mit der Wahrheit&#8220; nicht aus, aber dass viele damals dieser Meinung waren, liegt sicher auf der Hand. Doch was war das auch f\u00fcr ein illustrer Kreis, in dem sich Kommunisten und Sympathisanten in der fr\u00fchen DDR wiederfanden. Der mit gro\u00dfen Worten begnadete Junkie Johannes R. Becher, der talentierte Bertold Brecht mit seiner seine Aff\u00e4ren zudeckenden Frau Helene Weigel, die an die Seelen greifende Anna Seghers, Arnold Zweig, Ludwig Renn, Lion Feuchtwanger, Hanns Eisler und viele andere, die nun meinen mussten, das Goldene Zeitalter h\u00e4tte begonnen mit dem Sieg des Sozialismus.<br \/>\nDer Spitzbart muss sich da recht unsicher vorgekommen sein, denn neben der hehren Wissenschaft des Marxismus war wohl die, zum gro\u00dfen Teil im Exil entstandene, Kultur ein Standbein des Sozialismus und doch viel schwerer zu verstehen als die Gesellschaftslehre, weil es dazu nicht nur linearen Denkens bedurfte, sondern die verschlungenen Wege der Intellektu\u00adalit\u00e4t nachzuempfinden. Am besten war man da wohl dran, wenn man selbst \u00fcber irgendein Talent verf\u00fcgt h\u00e4tte und wenn das nicht der Fall ist, bleibt einem nicht viel mehr als Misstrauen. In die Geschichte eingehen konnte man da nur mit den mit Fistelstimme ge\u00e4u\u00dferten Worten: &#8222;Es hat keiner die Absicht einen Flughafen zu bauen&#8220; oder so.<br \/>\nDabei w\u00e4re es auch nicht gerade klug gewesen, sich unter das, ob der Werke dieser Intellek\u00adtuellen, staunende Volk einzureihen, die doch viel weniger Unempfindlichkeit gegen\u00fcber der Naziideologie unter Beweis gestellt hatten, die jetzt erst sahen, dass die Kommunisten so unrecht nicht hatten und dass es Menschen gegeben hatte, die teilweise unter viel Entbehrungen das neue Deutschland schon vorgedacht hatten als man hier noch die letzten Patronen verschoss und fast schon abergl\u00e4ubisch immer noch hoffte, die Welt am Deutschtum genesen zu lassen und einen fatalen Sieg fast \u00fcber die ganze Welt zu erringen.<br \/>\nDiese Vordenker schwemmte es also wieder in die Heimat, waren gut versorgt und es wollte ihnen nicht gleich d\u00e4mmern, dass das erste, was nun verlangt war, darin bestand, das Denken nunmehr einzustellen und sich am besten darauf zu kaprizieren, von dem zu schw\u00e4rmen, was in der DDR geschaffen wurde. Das sah Ulbricht, nicht ganz von der Hand zu weisen, wohl vor allem in wirtschaftlichen Erfolgen, zu denen wohl eher Kadavergehorsam als selbst\u00e4ndiges Denken beizutragen im Stande war.<br \/>\nDass die Intellektuellen, die es als selbstverst\u00e4ndlich nahmen, dass man sie staatlicherseits in den Himmel hob und dass man eben mal von dem von anderen Erarbeiteten lebt, nat\u00fcrlich auch auf die Idee kamen, dass sie im Grunde alles auch besser k\u00f6nnen w\u00fcrden, wenn es sein muss, eben auch mal ein bisschen regieren, kann eigentlich nicht verwundern. Ulbricht h\u00e4tte lieber lauter verdiente Ingenieure gehabt, die das Ding mit der Macht willf\u00e4hrig ihm \u00fcberlassen, aber so hatte er einige von diesen L\u00e4usen im Pelz, die schon mal eben einen Ersatzmann f\u00fcr ihn in Erw\u00e4gung zogen. Da machte man sich, mit aller Ungeschicklichkeit, die die Abwesenheit von Intelligenz eben mit sich bringt, daran diese L\u00e4use loszuwerden.<br \/>\nWalter Jankas besondere Tragik schien darin zu bestehen, dass er sich im unmittelbaren Dunstkreis dieser nun teilweise in Machtpositionen gekommenen Intellektuellen befand, die sich doch alle bei n\u00e4herer Betrachtung als recht einfach und unzuverl\u00e4ssig gestrickt erwiesen, er aber nicht mehr als ein Wassertr\u00e4ger f\u00fcr sie war. So ber\u00fcckend es sein mag, wenn man monatlich bei Bechers am Scharm\u00fctzelsee zu Gast und immer wieder das Du angeboten kriegt, wenn man von der Seegers zum Mittag eingeladen wird, das man dann selber bezahlen kann, und dem Lever der Weigel in vertrautem Gespr\u00e4ch beiwohnen darf. Sie alle werden ihre eigenen voluntaristischen Gedanken, die sie so gern mit einem Wassertr\u00e4ger teilten, vergessen haben, wenn dieser, diese selbst vertretend, in Schwierigkeiten kommt. \u00dcber das alles musste er dann wohl im Zuchthaus nachgedacht haben und bereut haben wird er vor allem, dass er einem Hei\u00dfsporn wie Harich vertraut hat, der wohl in einem abf\u00e4lligeren Sinn ein pr\u00e4tenti\u00f6ser Intellektueller war und viel\u00adleicht zu Recht aus dem Verkehr gezogen worden war.<br \/>\nAls Verleger, Leiter des Aufbauverlags, hatte er ja selbst eine kleine Machtposition inne, eine Position, die erlaubte zu entscheiden, was dem Volke und wie pr\u00e4sentiert wurde. So schien auch er der \u00dcberzeugung gewesen sein, dass Georg Luk\u00e1cs sein wichtigster Autor gewesen w\u00e4re, den heute mit gutem Grund kaum noch jemand kennt und wenn man sich selbst mal ein Bild macht und dessen &#8222;Theorie des Romans&#8220; liest, nur den Eindruck eines philosophierenden Schw\u00e4tzers gewinnen kann. Aber auch, was an westlichen Autoren in der DDR erschien und ja richtig mit Geld verbunden war, weil man nicht wie der gro\u00dfe Bruder Sowjetunion die Autorenrechte einfach ignorierte, konnte er in gewissem Ma\u00dfe entscheiden. Da flie\u00dfen einem nat\u00fcrlich die schnellen Sympathien der derart Beg\u00fcnstigten zu und man t\u00e4uscht sich leicht dar\u00fcber hinweg, wie stark deren Einsatz f\u00fcr einen politisch Verurteilten sein mag. Im Westen hat er es nach seiner Freilassung dann gar nicht erst versucht, was eigentlich ein Exempel h\u00e4tte sein m\u00fcssen f\u00fcr die vielen, die sich sp\u00e4ter auf diesem Wege in die sichere Bedeutungslosigkeit begeben haben. Er f\u00fchrte anschlie\u00dfend ein kleines Leben weiter in der DDR und wurde kurz vor Toresschluss zwar nicht rehabilitiert, aber mit dem Vaterl\u00e4ndischen Verdienstorden in Gold dekoriert.<br \/>\nIn seinem Buch spricht ein Mann, der nicht gl\u00fcckreich aber bedacht agierte, der daf\u00fcr ein\u00adstand, was andere ihm leichthin eingefl\u00fcstert hatten und er hat wohl seine Stra\u00dfe in Chemnitz verdient, wo seine Laufbahn begann und schon sein Vater f\u00fcr die kommunistische Einstellung hart zu leiden hatte. Wenn man ihn als Opfer des Vertrauens in die Intellektualit\u00e4t und der windigen Intellektuellen sieht, kann man seine Schlussfolgerungen ziehen, war sein Leben, das noch bis 1994 w\u00e4hrte, nicht vergebens. Durch die Wende konnte er noch die Rechnung aufma\u00adchen, aber die meisten hatten da schon wieder andere Sorgen, vor allem das ganze entgangene Wohlleben nachzuholen. Der alte Staat, der uns \u00fcbernahm, hatte keinen Kulturschatz zu bieten und hat mehr Komiker als Denker. Wir selbst lie\u00dfen uns keine Zeit zum Nachdenken jenseits jeglicher elit\u00e4rer Intellektualit\u00e4t, vielmehr mussten dringendst die H\u00e4user saniert werden, die Betriebe verh\u00f6kert und Autobahnen gebaut.<br \/>\nKann es sein, dass der Hunger nach L\u00e4cherlichkeit und Flachheit das eigentliche Bed\u00fcrfnis unserer Zeit ist? Sind wir zur\u00fcck- statt vorangeschritten? Es muss ihn geben, den Hunger nach Intelligentem, nach echter Anteilnahme, nach R\u00fchrung in der Kunst. Ihn zu sp\u00fcren, muss man allerdings eine Abgeschiedenheit leben, wie sie den meisten viel zu anstrengend ist, wo es einem ein bedrohliches und h\u00f6chst unangenehmes Gef\u00fchl ist, sich zu langweilen. Es ist aber m\u00f6glich!<\/p>\n<p><em><br \/>\nC.R. 21.8.2013<br \/>\nwww.gedichtladen.de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass man es h\u00e4tte intelligenter als Ulbricht in der nach ihm benannten \u00c4ra h\u00e4tte machen k\u00f6nnen, spricht Walter Janka selbst in seiner Autobiographie &#8222;Schwierigkeiten mit der Wahrheit&#8220; nicht aus, aber dass viele damals dieser Meinung waren, liegt sicher auf der&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1469\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,7],"tags":[],"class_list":["post-1469","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-leseproben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1469","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1469"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1469\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1471,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1469\/revisions\/1471"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1469"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1469"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1469"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}