{"id":1388,"date":"2013-05-26T13:01:53","date_gmt":"2013-05-26T11:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=1388"},"modified":"2023-12-08T23:00:24","modified_gmt":"2023-12-08T21:00:24","slug":"kolumne-kw21-enttauschungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1388","title":{"rendered":"Kolumne KW21 &#8222;Entt\u00e4uschungen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Entt\u00e4uschungen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Tisch standen zwei Gl\u00e4ser Bier. An dem Tisch sa\u00dfen ein alter und ein junger Mann. Der junge wollte aus seinem jungen Leben erz\u00e4hlen, aber der alte hatte mehr zu bieten, lebenssatt wie er war.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nDer junge hatte schon alle Illusionen verloren, die der Jugend doch so gut anstehen und h\u00f6rte sich geduldig die Erg\u00fcsse des alten an. Aber seine Gedanken schweiften in eine Richtung, wo er selbst erz\u00e4hlt h\u00e4tte und der \u00e4ltere der aufmerksame Zuh\u00f6rer gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>\nSie stie\u00dfen mit ihren Humpen an, aber das alte Glas gab keine T\u00f6ne von sich. Der alte nahm das als Zeichen und schwieg eine Weile. Er dachte daran, dass es Zeiten gegeben haben muss, wo die Gl\u00e4ser schon freudig aufjauchzten, wenn der Trank nur in sie gegeben wurde. Es waren keine antiken St\u00fccke, so dass ihnen keine Erinnerung an diese Zeiten mehr gegenw\u00e4rtig sein konnte.<\/p>\n<p>\nSchlie\u00dflich stand der alte Mann auf und freute sich, nach anderthalb Stunden endlich mal wieder eine Zigarette rauchen zu k\u00f6nnen. Seit zwei Tagen tat ihm das Herz weh, was nat\u00fcrlich daran liegen konnte, dass er zu viel rauchte. Es war aber auch genau von dem Zeitpunkt an, wo ihm eine \u00c4rztin gesagt hatte, dass seine Medizin, die ihn im seelischen Gleichgewicht halten sollte, also davon abhalten, dass er sein Leben vorzeitig wegwerfe oder es in zu vollen Z\u00fcgen genie\u00dfe, dass diese Medizin zu einer Herzschw\u00e4che f\u00fchren k\u00f6nnte, die man an elektronischen Signalen ablesen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>\nDie Wege des alten und des jungen Mannes hatten sich also wieder getrennt. Weder der eine noch der andere hatte von dem anderen etwas lernen wollen und so ging der alte Mann zu den jungen Frauen und versuchte dort sein Gl\u00fcck, sie f\u00fcr die Physik zu begeistern. Aber die Begeisterung wurde in diesem Lande mit einer besonderen Elle gemessen, die genau 100 cm umfasste. Jeder Zoll an Begeisterung, oder was man daf\u00fcr hielt, brachte die jungen Frauen um zweieinhalb cm weiter.<\/p>\n<p>\nDie Zeit, die er dort verbrachte, sp\u00fcrte er sein Herz nicht, aber als er wieder allein war und der Vergeblichkeit seiner Bem\u00fchungen so nach und nach gewahr wurde, begann wieder dieser unterschwellige Schmerz, der das Ende ank\u00fcndigte.<\/p>\n<p>\nAm Abend trank der alte Mann ein Glas Wein mit seiner Frau, die am Computer sa\u00df und gerade mal zum Ansto\u00dfen (die Gl\u00e4ser klangen) kurz zu ihm aufblickte. Da ging er mit seinem Glas an seinen eigenen Computer und leerte es nach und nach, w\u00e4hrend er die leeren Postf\u00e4cher durchsah, denn es war nicht mehr \u00fcblich zu schreiben, jedenfalls ihm nicht, w\u00e4hrend es an Monologen nicht mangelte, mit denen sich die Menschen an imagin\u00e4re, in der Vorstellung immer begeisterte Leser, wandten.<\/p>\n<p>\nDa dachte der alte Mann \u00fcber das nach, was ihm der junge am Vormittag hatte sagen wollen und nur in Ans\u00e4tzen hatte her\u00fcber bringen k\u00f6nnen. Dass die Physik lebensnah sein m\u00f6ge, dass sie n\u00fctzlich sein m\u00f6ge, wie sie es in der Technik vermag, aber nicht mehr ist. Dass man eine Arbeit haben m\u00f6ge, die n\u00fctzlich ist und wieder Zeiten heraufziehen, bei denen die Gl\u00e4ser schon beim Eingie\u00dfen aufjauchzen, als h\u00e4tten sie Anteil am menschlichen Tun und Feiern. Er gedachte auch der jungen Frauen, denen es darum ging, ihre Elle voll zu bekommen und seine Seele schien ihm von Wunden \u00fcberzogen, so dass es nicht wunder nahm, dass ihm das Herz immer noch schmerzte.<\/p>\n<p>\nDa las er ein Gedicht, von dem ihm eine Formulierung im Ged\u00e4chtnis haften blieb: &#8222;Wir wuschen sie mit Tr\u00e4nen aus.&#8220; Das musste sich auf eben diese Wunden beziehen und sie sollten noch tiefer werden, bis dass sie eines Tages \u2026 <\/p>\n<p>\n<em>Christian Rempel,<br \/>\nIm Waltersdorfe 25.5.2013<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entt\u00e4uschungen &nbsp; Auf dem Tisch standen zwei Gl\u00e4ser Bier. An dem Tisch sa\u00dfen ein alter und ein junger Mann. 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