{"id":133,"date":"2010-10-19T19:19:24","date_gmt":"2010-10-19T17:19:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=133"},"modified":"2024-09-29T15:47:56","modified_gmt":"2024-09-29T13:47:56","slug":"zeisssaga-vom-klassenstandpunkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/133","title":{"rendered":"Zeisssaga vom Klassenstandpunkt"},"content":{"rendered":"<p>Es ist nicht mehr leicht zu bekommen, das Buch von Wolfgang Held mit dem Titel \u201eDie gl\u00e4serne Fackel\u201c, das kurz vor der Wende erschienen ist und dem man anmerkt, dass umfang\u00adreiche Studien einen Grad an Authentizit\u00e4t gew\u00e4hrleisten, wie man sie sich von einem histo\u00adrischen Roman w\u00fcnschen kann. Damals war gerade die Aufarbeitung des Gedankenguts von Ernst Abbe in Gang gekommen und es war immer noch mutig, ihn als \u00dcbervater der Zeiss\u00adschen Unternehmung darzustellen, der einen w\u00fcrdigen Nachfolger nur in Siegfried Czapski fand, den er selbst noch eingewiesen hatte, der sein Assistent war und auch einiges publizier\u00adte, was Abbe bei seiner Arbeitsbelastung nicht schaffen konnte. Er hatte zwar die Ma\u00dfgabe von Carl Zeiss, dass Gesch\u00e4ftsgeheimnisse im Interesse einer vorteilhaften Konkurrenzsitu\u00adation bewahrt werden sollen, noch als Einschr\u00e4nkung empfunden, als es ihm anl\u00e4sslich seiner Beteiligung auferlegt wurde, aber bereits seine Berufung zum Professor w\u00e4re schon beinahe daran gescheitert, dass er so wenig publiziert hat, also hat er von vornherein nicht so gro\u00dfen Wert darauf gelegt.<!--more--><\/p>\n<p>Es ist ein sehr lebensvoller Roman, weil es nicht nur um die Wissenschaftler und Unter\u00adneh\u00admer geht, sondern auch das Schicksal der Steinh\u00fcters beschrieben wird. Franz Steinh\u00fcter ist der uneheliche Sohn einer Magd bei Zeiss und steigt in seinem Arbeitsleben vom Lehrling bei Carl Zeiss bis zum Werkmeister auf, einer Lebensstellung, die Beamtenstatus hatte und spezifisch ist f\u00fcr das Zeisssche System einer straffen F\u00fchrung der Produktion. Obwohl er Sozialdemokrat ist, muss er immer mehr seiner Rolle als Antreiber und ausf\u00fchrendes Organ der Gesch\u00e4ftsleitung entsprechen und so bleibt letztlich fast nichts \u00fcbrig von der Interessen\u00adver\u00adtre\u00adtung der Arbeiter. Nachdem ihm seine Frau drei Kinder geschenkt hatte, stirbt sie im Kindbett und er lebt den Rest seines Lebens als Single bei seiner Mutter. Die Entwicklung der Kinder und Kindeskinder bringt viele famili\u00e4re Begebenheiten mit sich, die mit Liebe und politischer Bet\u00e4tigung verbunden sind und den Roman w\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Nach dem Tode Abbes kommen Zeiten, wo die R\u00fcstungsproduktion eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle spielt, und auch das Kalk\u00fcl der Gesch\u00e4ftsleitung, sich auf dem Markt eine Monopol\u00adstellung zu erarbeiten. Das Abbesche Statut wird immer mehr ein Klotz am Bein und die Faktoren des inneren Friedens, die sich der Stifter davon versprochen hatte, geraten immer mehr in Gefahr. Die verbrecherische Natur des damaligen Kapitalismus, die kombiniert mit dem leichten Gr\u00f6\u00dfenwahnsinn des Kaisers und einer nicht zu vernachl\u00e4ssigenden anf\u00e4ngli\u00adchen Begeisterung der Deutschen im dritten Teil des Buches in den ersten Weltkrieg f\u00fchrt, liegt auch in Jena offen zutage. Die unr\u00fchmliche Rolle der Jenaer Studenten, das Versagen der Sozialdemokratie im entscheidenden Moment, all das wird anschaulich gemacht, was allerdings ein bisschen auf Kosten des Themas geht, auf das man sich aus heutiger Sicht gern konzentrieren m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Wenn das alles schon da war, dass der Vorstand mehr und mehr aus herzlosen Managern bestand, wenn die Belegschaft auf dem von Abbe gewiesenen Rechtsweg versuchte das Statut zu verteidigen und scheiterte und keine Aussicht mehr besteht auf eine grundlegende \u00c4nde\u00adrung der gesamten Gesellschaftsstruktur, weil wir die nun auch schon hatten und sie von den meisten als misslungenes Experiment befunden wur\u00adde, und selbst von dem damals durchaus berechtigten Klassenkampf heute fast nichts mehr \u00fcbrig\u00adblieb, dann m\u00f6chte man am Schluss des Buches gern noch einmal zur\u00fcckgehen, dorthin, wo Abbe aufh\u00f6ren musste und seine Ge\u00adstaltungsleistung vervollkommnen.<\/p>\n<p>Zu einer Verg\u00f6tterung Abbes, wie sie unter heutigen Umst\u00e4nden wieder vonn\u00f6ten w\u00e4re, konnte man sich nat\u00fcrlich in Anbetracht der Visionen, wie sie die DDR beherrschten, noch nicht durchringen. Sein Credo: \u201eGuten Willen gestehe ich jedem zu\u201c oder etwas abstrakter: \u201eWir geh\u00f6ren uns alle nicht selbst\u201c, kommt nicht zur Spra\u00adche, aber er ist auch nicht der Workoholic, der zudem seine S\u00fcchte nicht beherrschen kann, wie es bei D\u00f6hrband durch\u00adscheint. Zur Leuteschinderei gab es damals wohl keine Alternative, selbst wenn Zeiss der erste sozialistische Betrieb gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte man Ma\u00dfnahmen tref\u00adfen m\u00fcssen, wie man Konkurrenzf\u00e4higkeit und angemessenen Spielraum der Gesch\u00e4fts\u00adleitung aufrecht erh\u00e4lt, auch wenn man ihnen keine h\u00f6heren Geh\u00e4lter als das zehnfache des Durch\u00adschnitts\u00adverdienstes ein\u00adr\u00e4umt und Nebenverdienste ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Die Ausarbeitung des Statuts im stillen K\u00e4mmerlein, wenn auch von einem Mann, dem kei\u00adne \u201eKapitalistenaugen wachsen sollten\u201c, machte es sicher nicht einfach, seine Gedanken zu verstehen. Aus heutiger Sicht unterlag Abbe zwei tragischen Irrt\u00fcmern, dem Glauben an die Wissenschaft, wozu wir auch einmal die Juristerei rechnen wollen und an den Staat mit sei\u00adnem Rechtssystem, den er sich nicht ohne gro\u00dfe M\u00fchen und Widerst\u00e4nde zunutze machen wollte. Nach dem Buch von Wolfgang Held vermochte er den zweiten selbst noch zu bemer\u00adken, indem er einr\u00e4umte, dass der Zukunftsstaat der damaligen Sozialdemokratie vielleicht doch einmal kommen k\u00f6nnte und die DDR war ja 1989 und selbst noch Anfang 1990 zumin\u00addest auf dem Wege dorthin. Dass diese fiktive Passage von D\u00f6hrband moniert wird, wundert uns heute nicht.<\/p>\n<p>Schwieriger ist es damit, den Glauben an die Wissenschaft, die er vor allem an der Univer\u00adsi\u00adt\u00e4t Jena verk\u00f6rpert sah und sogar die phantastische Vorstellung zu Papier brachte, dass er de\u00adren Personal im Falle ihrer Aufl\u00f6sung in den Zeissbetrieb \u00fcbernehmen w\u00fcrde, als einen Irr\u00adtum zu bezeichnen. Soweit es die Juristerei betrifft, ist man schnell damit fertig, denn die eklatanten Entstellungen des Abbeschen Gedankenguts mit der faktischen Beseitigung des Statuts in diesem Jahrtausend, hatte kein wissenschaftliches Gutachten zur Folge, dass es aus rein logischen Gr\u00fcnden gar nicht m\u00f6glich ist, die gehabte Rechtsbeugung zu vollziehen. Zwar h\u00e4ngt das vor allem mit der Handhabung des Rechtes durch den Staat, also durch Gerichte, zusammen, aber g\u00e4be es eine unabh\u00e4ngige und engagierte Wissenschaft w\u00e4re eine gewisse \u00d6ffentlichkeit dieser Miss\u00adentwicklungen nicht ausgeblieben. Aber auch der Zufluss von Ideen und verwertbaren L\u00f6sun\u00adgen aus der Wissenschaft hat deutlich abgenommen und es gibt An\u00adzeichen daf\u00fcr, dass man da\u00adzu tendiert seine Forschung eher im Haus zu machen, als auf Zu\u00adfl\u00fcs\u00adse an Verwertba\u00adrem aus der Wissenschaft zu warten. Was schon damals die Regel war, ist heute nicht besser gewor\u00adden, dass sich Professoren gern bequem einrichten in heute gutbe\u00adzahlten Positionen und wenn sie etwas f\u00fcr die Industrie tun sollen, als erstes daran denken, wie man damit noch mehr Geld verdienen k\u00f6nnte. Auch ist die Wissenschaft in vielem heute schon eine Selbstverst\u00e4ndlich\u00adkeit geworden, ist vielmehr eine Technologie, dass es nicht mehr gerechtfertigt ist darum so viel Aufhebens zu machen.<\/p>\n<p>Wirkliche Denkarbeit bringt Grunds\u00e4tzliches und Organisches hervor und das ist heute viel schwerer zu haben als noch zu Abbes Zeiten. Deshalb ist den Statut\u00e4nderern auch nichts ein\u00adge\u00adfallen, denen man durchaus auch \u201eguten Willen\u201c zugestehen kann. Man zog es vor, jegliche Farbe auszul\u00f6schen und befindet sich jetzt als farblose Moluskel-AG im gro\u00dfen Haifischteich der AG`s, von dem man auch noch gewollt hat, dass er global ist.<\/p>\n<p>Der Gedanke, dass dabei, wenn auch nicht ganz effiziente, Klasseninteressen im Spiel sind, ist nicht abweisbar. Diese hat sogar schon Abbe gesehen, hing aber der Vorstellung nach, dass es einen kultivierten Ausgleich geben m\u00fcsste. Da nun die Optik Ausdruck dieser Kultur ist, also der Arbeitsgegenstand so typisch f\u00fcr die heutige Zeit, m\u00f6chte ich mich noch einmal beim Autor bedanken, dass er acht Jahre seines Lebens darauf verwandt hat, dies k\u00fcnstlerisch umzusetzen und uns zu Herzen gehen zu lassen.<\/p>\n<p><em>C.R. <\/em><span style=\"color: #000080;\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><a href=\"..\/..\/\"><em>www.gedichtladen.de<\/em><\/a><\/span><\/span><em> 6.3.2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist nicht mehr leicht zu bekommen, das Buch von Wolfgang Held mit dem Titel \u201eDie gl\u00e4serne Fackel\u201c, das kurz vor der Wende erschienen ist und dem man anmerkt, dass umfang\u00adreiche Studien einen Grad an Authentizit\u00e4t gew\u00e4hrleisten, wie man sie&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/133\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-133","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=133"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4503,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions\/4503"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=133"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=133"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=133"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}