{"id":1310,"date":"2013-01-26T21:07:25","date_gmt":"2013-01-26T19:07:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=1310"},"modified":"2023-12-08T23:00:25","modified_gmt":"2023-12-08T21:00:25","slug":"wiedergefunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1310","title":{"rendered":"Wiedergefunden"},"content":{"rendered":"<p>Die Menschen, die nur einmal im Leben lieben, sind in Wahrheit die Oberfl\u00e4chlichen. Was sie ihre Treue nennen, nenne ich entweder die Tr\u00e4gheit der Gewohnheit oder ihren Mangel an Phan\u00adtasie<\/p>\n<p>\nDie einzige Methode einer Versuchung zu entgehen, ist sich ihr hinzugeben<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nLachen ist wirklich kein schlechter Anfang f\u00fcr eine Freundschaft und bei weitem ihr bester Schluss<\/p>\n<p>\nIn dieser Welt gibt es nur zwei Trag\u00f6dien. Die eine ist, nicht zu bekommen, was man m\u00f6ch\u00adte, und die andere ist, es zu bekommen. Erstere ist schmerzlicher, letztere die wahre Trag\u00f6\u00addie<\/p>\n<p>\nIch will dir meine Seele zeigen. Du sollst das Ding sehen, von dem du dir einbildest, nur Gott k\u00f6nne es sehen<\/p>\n<p>\nEs ist immer etwas L\u00e4cherliches um die Gef\u00fchle der Menschen, die man zu lieben aufgeh\u00f6rt hat<\/p>\n<p>\nDer Anblick schlechter Schauspiele schadet unserer Moral<\/p>\n<p>\nFrauen fl\u00f6\u00dfen uns das Verlangen ein Meisterwerke zu schaffen und immer hindern sie uns, sie auszuf\u00fchren<\/p>\n<p>\nNur auf eine einzige Art vermag eine Frau einen Mann zu bessern; sie qu\u00e4lt ihn so durch und durch, dass er jedes Interesse am Leben verliert<\/p>\n<p>\nDinge \u2026 im Einklang mit unseren Launen und Leidenschaften erzittern, Atom zu Atom in geheimer Liebe und seltsamer Verwandtschaft Zwiesprache f\u00fchren?<\/p>\n<p>\nCaputh 11: unbeschreibliches Wissen in Ger\u00fcchen, Musik, Steinen, Gobelins &#8211; Intrigen<\/p>\n<p>\nWenn eine Frau zum zweiten Male heiratet, so geschieht das, weil sie ihren ersten Mann hasste, wenn ein Mann zum zweiten Male heiratet, so geschieht das, weil er seine Frau verg\u00f6tterte<\/p>\n<p>\nMan kann mit jeder Frau gl\u00fccklich sein, solange man sie nicht liebt<\/p>\n<p>\nIch liebe M\u00e4nner, die eine Zukunft haben, und Frauen, die eine Vergangenheit haben<\/p>\n<p>\nIch gebe zwar zu, dass es besser ist sch\u00f6n zu sein als gut. Andererseits erkennt niemand bereitwilliger an als ich, dass es besser ist gut zu sein als h\u00e4sslich.<\/p>\n<p>\nDas ist eine ganze Seite von Aphorismen, die ich beim Wiederlesen des einzigen Romans des geistreichen Oscar Wilde &#8222;Das Bildnis des Dorian Gray&#8220; auffand, die zum Teil herrlich paradox sind, so dass man sich der Allwissenheit der Engl\u00e4nder gerne verschwistern w\u00fcrde, die ich auch zu einem guten Teil bei meiner Hochzeitsrede anno 2002 verwendet habe und die mir die Ableh\u00adnung mindestens einer Schw\u00e4gerin eintrugen, weil sie doch zum Teil frauenfeindlich sind, so frauen\u00adfeindlich, dass es scheinbar viele Engl\u00e4nder eher mit ihren Geschlechtsgenossen auch im Bett halten, mit denen sie doch in solcherart geistiger Eintracht leben k\u00f6nnen.<br \/>\nMan k\u00f6nnte von Bonmots sprechen, wenn diese Bezeichnung nicht von den Franzosen her stammte, die es zu sch\u00e4tzen wissen dem sch\u00f6nen Geschlecht zu gefallen und die Wonnen der zweigeschlechtlichen Liebe einzuheimsen, die vielleicht der Dank ist f\u00fcr eine gewisse Zur\u00fcckhal\u00adtung \u2013 dem sch\u00f6nen Geschlecht nicht unbedingt auf die Nase zu binden, dass es vorwiegend ein &#8222;dekoratives&#8220; sei.<br \/>\nAuch einer Rezension verdanke ich die Erkenntnis von einer &#8222;Achse&#8220; des Buches, die das Kapitel 11 darstellt. Daraus habe ich kein Zitat ziehen k\u00f6nnen, trotz der ganzen irisierenden Faktenwelt, die dort ausgebreitet ist und es einem recht unwahrscheinlich vorkommt, dass ein Individuum \u00fcberhaupt ein so umfassendes Wissen haben kann, wie dort zusammengeballt ist und die Besch\u00e4ftigungen beschreiben soll, deren der Dorian Gray in \u00fcber einem Jahrzehnt nachging, die sehr viel mit Wohlstand und Mu\u00dfe zu tun haben, eigentlich weniger mit der Anh\u00e4ufung von S\u00fcnden, aber eine Zeit beschreiben, in der man gew\u00f6hnlicher Weise altert, und das ist ja nun dem Helden wunschgem\u00e4\u00df zumindest \u00e4u\u00dferlich nicht anzumerken. Diese Ansammlung von Merkw\u00fcr\u00addigkeiten zusammenzustellen muss eine titanische Arbeit gewesen sein, indem sie aber dem Protagonisten angedichtet wird, wundert man sich doch, dass diese ganze Vielwisserei offenbar ebenso spurlos am Helden vorbeiging wie am weiteren Romanverlauf, der dann als eine Mi\u00adschung aus Krimi und davon fast unber\u00fchrtem Salonleben seinen Fortgang nimmt. Diese Achse war mir beim ersten Lesen gar nicht aufgefallen, was wohl den meisten Rezipienten so geht, und man k\u00f6nnte viel Zeit verbringen, diesem Konvolut allein, herausgel\u00f6st von der ganzen spekta\u00adkul\u00e4ren Handlung des Buches, nachzugehen.<br \/>\nDann tr\u00f6pfeln wieder, neben der kriminellen Handlung, die frauenfeindlichen Aphorismen herein, bis das Buch dann zum Ende kommt, wo freilich zur blo\u00dfen Illusion erkl\u00e4rt wird, dass das Bild an seiner statt gealtert sein k\u00f6nnte, dass also doch alles seinen gesetzm\u00e4\u00dfigen Gang gegan\u00adgen sei.<br \/>\nDie Zitate enthalten nur Feststellungen, die man teilen oder ablehnen kann, aber der mindeste Effekt doch ist, dass man sagt, aha, so k\u00f6nnte es eben auch sein. Das ganze Buch enth\u00e4lt nur ein nichtbanales Fragezeichen. Auch das haben wir herausgesucht und in die Zitatensammlung mit eingegliedert. Auch das war mir beim ersten Lesen nicht aufgefallen, ist aber meine liebste Idee. Seltsam ist auch, dass nach diesem einzigen richtigen Fragezeichen bald die Achse kommt, um die die ganze Handlung kippt.<br \/>\nSelbst nach zehn Jahren Ehe bin ich noch immer nicht zum Skeptiker in dieser Sache gewor\u00adden, bin aber auch nicht mehr so blau\u00e4ugig, dass ich Wildes Sentenzen f\u00fcr absolut verbindlich halten und daraus eine \u00dcberlegenheit des m\u00e4nnlichen Geschlechts ableiten w\u00fcrde. Nicht, dass ich mich einem weiblichen Ver\u00e4nderungsstreben unterworfen f\u00fchlte, was mir nach Wilde als einzige Qual erscheinen m\u00fcsste, auf dass ich das Interesse am Leben verloren h\u00e4tte. Viel mehr scheint mir das Absurde im Geschlechterverkehr etwas ferner und die meisten Aphorismen, s\u00e4mtlich ohne Fragezeichen, doch eher fraglich.<\/p>\n<p>\nDinge \u2026 im Einklang mit unseren Launen und Leidenschaften erzittern, Atom zu Atom in geheimer Liebe und seltsamer Verwandtschaft Zwiesprache f\u00fchren?<\/p>\n<p>\nMan ist doch immer auf der Suche nach dem Schicksalhaften, Unergr\u00fcndlichen und versucht das aufzufinden in einem durch und durch allt\u00e4glichen Leben. Wenn aber heute Andrea nach Hause kommt, die Ermahnung ihrer Chefin zitierend, sie m\u00f6ge ihren Husten &#8222;disziplinieren&#8220; und sie noch darauf hinweist, dass Disziplin doch eines meiner Lieblingsw\u00f6rter ist, auch wenn ich sie nirgends einfordere, so doch, glaube ich, ihre Bedeutung wiederentdeckt habend, wobei ich h\u00e4tte einwenden m\u00fcssen, dass ich in der Mikrowelt doch ein Begriffspaar als ma\u00dfgeblich entdeckte, n\u00e4mlich &#8222;Freiheit und Disziplin&#8220;, und das eben weniger den Menschen zuschrieb, sondern den Entit\u00e4ten, wie der Philosoph Whitehead sagte \u2013 nicht nur den Atomen, wie uns Wilde zuraunt, sondern eben nicht so allgemein wie ein Philosoph und nicht zu konkret, wie ein Schriftsteller, sondern allen Teilchen zugedacht, die der Quantentheorie folgen. Sie haben die seltsamste Verwandtschaft, n\u00e4mlich die der Ununterscheidbarkeit, was ja weniger ist als die wirkliche Abwesenheit von Individualit\u00e4t. Sie k\u00f6nnten in einer Weise wechselwirken, wie es selbst f\u00fcr menschliche Gesellschaften undenkbar ist, und wenn man sich befragt, was beim Wilde-Zitat wohl die geheime Liebe zu bedeuten hat, so ist dahinter nicht die Eigenliebe zu vermuten, sondern die Liebe zu der anderen Welt, zu unserer Welt und deren Welt so geheimnisvoll ist, dass wir von ihr nicht die geringste Vorstellung haben. Auch die Launen und Leidenschaften k\u00f6nnen sie zwar an uns beobachten und erzittern, also mitf\u00fchlen, k\u00f6nnen, sofern sie selbst solchen unterworfen, aber nicht aus der Disziplin der Naturgesetze heraustreten, und wenn, dann nur ein einziges Mal, was dann zweifellos das absolute Inferno w\u00e4re.<br \/>\nSchade, dass Wilde, der ja vor der Entdeckung der Quantentheorie starb, dem Gedanken nicht weiter nachgeht, sondern die Kippachse kommen l\u00e4sst, in der er noch mal alles angesammelte Wissen aufleuchten l\u00e4sst. H\u00e4tte er diesen Gedanken konsequenter ausgef\u00fchrt, nicht mit der Vielwisserei des Kapitels 11 dar\u00fcber hinweggewischt, welchen Kredit h\u00e4tte er der Menschheit schaffen k\u00f6nnen f\u00fcr das, was sie wenige Jahrzehnte sp\u00e4ter mathematisch erfassen w\u00fcrde, ohne imstande zu sein, auch nur ahnungsweise an diese dichterische Aussage heranzureichen, das Neue nur praktisch nutzend, weder das Potenzial erf\u00fchlend noch die Gefahren einer solchen Ignoranz antizipierend.<br \/>\nGut, dass ich diesen Roman, bei dem ich inzwischen verstehen kann, dass der eine oder andere nichts an ihm findet, noch mal gr\u00fcndlich durchgelesen habe. Nat\u00fcrlich h\u00e4tte man aus &#8222;Freiheit und Disziplin&#8220; der Mikroentit\u00e4ten keine verst\u00e4ndliche Handlung mehr hingekriegt, aber man kann ungef\u00e4hr erahnen, an welchem Knackpunkt Wilde angelangt war, als er den Hebel dann zum Krimi und Schicksalsroman umlegte und nur noch vergleichsweise wenige Weisheiten mehr einstreute. Danke Oscar!<\/p>\n<p>\n<em>C.R. 21.1.2013<br \/>\nwww.gedichtladen.de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Menschen, die nur einmal im Leben lieben, sind in Wahrheit die Oberfl\u00e4chlichen. 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