{"id":129,"date":"2010-10-19T19:18:11","date_gmt":"2010-10-19T17:18:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=129"},"modified":"2023-12-08T23:01:06","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:06","slug":"erfolgreicher-mannerulk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/129","title":{"rendered":"Erfolgreicher M\u00e4nnerulk"},"content":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst bin ich wohl eine Erkl\u00e4rung schuldig, warum ich nicht mehr zur Schreibwerkstatt erscheine, wo wir uns monatlich sahen und manchmal die Aufgabe gezogen hatten, den Versuch des anderen weiterzuf\u00fchren oder zu interpretieren. Wenn ich daran etwas vermisse, dann sind es Deine bescheiden gehaltenen und leisen Beitr\u00e4ge, Deine Zuverl\u00e4ssigkeit und Durchhalteverm\u00f6gen. Ein bisschen liegt mein Fernbleiben an einer mir von Anke verordneten Selbsterziehung, denn sie warf mir schlechtes Betragen vor, was wohl meiner Ablehnung gewisser pers\u00f6nlicher Verwicklungen geschuldet ist, die ich allerdings nie anders als durch Einhaltung einer gewissen Distanz ausdr\u00fcckte. Au\u00dferdem ist es aber auch eine Zeitfrage, denn f\u00fcr mich bedeutet das immer einen Termin in der Arbeitszeit, und da ich mit meinem Sohn auch noch andere Tagtermine habe, muss man die Anzahl der Igel, die man k\u00e4mmen m\u00f6chte, in Grenzen halten.<!--more--><\/p>\n<p>Dass wir uns vielleicht das vorletzte Mal sahen, wusste ich nicht, als Du mir ein Buch von <em>Erich Maria Remarque(1898-1970)<\/em> liehst: <em>\u201eIm Westen nichts Neues\u201c<\/em>, eine alte Schwarte aus einem un\u00fcbersehbaren Nachlass, die sich aber bei n\u00e4herem Hinsehen als wertvolle Erstaus\u00adgabe von 1929 erwies. So lange hatte der Kriegsfreiwillige Remarque gebraucht, um seine Erlebnisse im 1. Weltkrieg in einen Welterfolg zu gie\u00dfen. Pazifistisch kann er bei der Niederschrift noch nicht gewesen sein oder er hat sich so verstellt, dass er seinen Landsleuten zu entsprechen versuchte, die &#8211; wie er begeistert &#8211; in diesen Krieg gezogen waren und dann in grausamen und sinnlose Grabenkriegen steckenblieben und sich d\u00fcrftig von Steckr\u00fcben ern\u00e4hrten, w\u00e4hrend die anderen Kriegsparteien immer \u00fcberlegener wurden und sich an frischen Baguettes und Cornet Beef g\u00fctlich tun konnten. Es war eine Zeit, in der der schreck\u00adliche Gaskrieg erfunden wurde, die Luftwaffe und die Tanks, die sich damals noch als unver\u00adwundbare Stahltiere durchs Schlachtfeld w\u00e4lzen konnten. \u201eWir sind nicht geschlagen, denn wir sind als Soldaten besser und erfahrener, wir sind einfach von der vielfachen \u00dcbermacht &#8230;\u201c, das sind nicht die Worte eines Pazifisten. Doch das Buch ist in der Ichform geschrieben, als Bericht eines Paul B\u00e4umer, der dann allerdings nicht 10 Jahre Zeit gehabt h\u00e4tte, seine Erfahrungen zu \u00fcberdenken, denn er fiel im Oktober 1918.<\/p>\n<p>Die Verh\u00e4ltnisse an der Front werden auch nicht so beschrieben als h\u00e4tte man Zeit gehabt sich viele Notizen zu machen. Von selbst muss sich alles so ins Ged\u00e4chtnis eingegraben haben, dass es die ganze Zeit pr\u00e4sent geblieben war. Aber auch das stimmt nicht ganz, wie ich irgendwo gelesen habe, denn Remarque hat durchaus Aufzeichnungen gemacht, bringt alles aber so an, dass es erscheint wie rein aus dem Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n<p>Trotz des leidigen Themas, der Roman gef\u00e4llt und gef\u00e4llt. Vielleicht ist er sogar mit Blick auf die unterschiedlichen Befindlichkeiten der Geschlechter, der Biographien und Einstel\u00adlungen geschrieben, aber warum auch nicht? Es bleiben einem nicht nur die Grausamkeiten in Erinnerung, die Leichen, die in die B\u00e4ume geschleudert sind, die blau angelaufenen Gas\u00adleichen, die jungen Rekruten, die unbedarft ins Feuer laufen. Die Episoden, wie das G\u00e4nse\u00adklauen, das Braten eines Ferkels, Wohlleben in einem Depot und das \u00dcberschwimmen eines Flusses, um dann als pauvres garcons in den Armen franz\u00f6sischer M\u00e4dchen zu liegen, das sind die bleibenden Eindr\u00fccke. Sie sind voller Witz und Ausdruck einer Souver\u00e4nit\u00e4t in einer beschissenen Situation, die unbeugsame Lebensenergie verraten. Es gibt keine Politik, sie sind kein Kanonenfutter des Imperialismus, wie wir gelernt haben, sondern Jungs, die sich in jeder Situation zurechtfinden und nur manchmal, wie bei der Szene mit dem sterbenden Franzosen im Bombentrichter, kommt es zu einer anderen Dimension, von der man eben nicht so viel kosten m\u00f6chte, soll das Werk nicht ein unertr\u00e4gliches Belehrbuch werden.<\/p>\n<p>Die Auflage von 1929, zu der dieses Buch geh\u00f6rt, hatte einen Umfang von 650 000 Exemplaren, die Ihren Absatz im kriegsm\u00fcden, aber immer noch stolzen Deutschland fand, das inzwischen Revolution (\u201eleichtes Windgekr\u00e4usel\u201c), Inflation und die goldenen 20ger Jahre absolviert hatte. Die Hierarchie in dem Buch reicht gerade einmal bis zu einem verhassten Unteroffizier Himmelssto\u00df, der dann auch sein Fett abkriegt. Nicht viel besser sind die Stabs\u00e4rzte, es ist das Leben eines Burschen von ganz unten und entspricht somit am ehesten der Masse der Kriegsteilnehmer, denen Remarque mit diesem Buch eine Stimme gegeben hat. Das Leben ist, wie es ist, der Krieg ist, was er ist, und es gilt sich darin zurechtzufinden. Liegt nicht in jedem Krieg sogar ein Zug von Befreiung? Als Paul auf Urlaub nach Hause kommt und eine zwar verarmte aber ansonsten noch heile Welt vorfindet, ist er darin geh\u00f6rig fremd geworden. Was h\u00e4tte er mit seinen B\u00fcchern angefangen sollen, die nach wie vor daheim im Regal standen? War nicht der ganze Mief dieser Zeit schon in der Schule zu erleben? Man hatte Bildung, aber wozu? Diese Frage steht heute wie damals.<\/p>\n<p>Noch heute will man uns am liebsten ein hohles Ideal einh\u00e4mmern: Was Du wissen musst, welche Pers\u00f6nlichkeiten Du unbedingt kennen musst, die zehn sch\u00f6nsten deutschen Volks\u00adlieder, die zwanzig besten Rezepte f\u00fcr die gesunde K\u00fcche. Lebe gesund und lebe lange \u2013 aber wozu? Das hat Menschen erzeugt, die nicht mehr gierig ein frisches H\u00f6rnchen verschlingen k\u00f6nnen, die sich t\u00e4glich zwei Liter Wasser einhelfen und cholesterinbewusst leben, damit sie recht lange leben. Wer h\u00f6rt da noch auf den tapferen tragischen Nietzsche: \u201eDie wenigsten leben zu kurz, die meisten leben zu lang.\u201c<\/p>\n<p>Wer nimmt sich noch selbst so wenig ernst, dass man ihn gem\u00fctvoll, ja humorvoll nennen k\u00f6nnte? Der gepriesene zur Unvermeidlichkeit erkl\u00e4rte Egoismus hat aus uns blutarme Ver\u00adn\u00fcnftlinge gemacht, die nicht einmal mehr die Energie haben ein waschechter B\u00f6sewicht zu sein. Hat Remarque das f\u00fcr uns entdeckt, dass die Welt ganz klein ist, dass da ein bisschen Spa\u00df ist, auch Spa\u00df andere zu \u00e4rgern, dass es vor allem ein paar Freunde gibt, auf die man seine Einf\u00e4lle verwendet? Es geh\u00f6rt Souver\u00e4nit\u00e4t dazu, mit Genuss ein fettes Leberwurstbrot zu essen oder eine Zigarre zu rauchen, den Arbeitstag mit Sp\u00e4\u00dfen zu w\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Angeblich leben wir ja in der Spa\u00dfgesellschaft, statt sich einem Natureindruck, einem belanglosen Gespr\u00e4ch zu \u00fcberlassen, muss man unbedingt mit Spa\u00df besch\u00e4ftigt sein, einen Film sehen, Essen gehen, Computerspiele durchleveln. Statt einen mal auf die Schippe zu nehmen, ist man mit seinem eigenen Zeitvertreib vollauf besch\u00e4ftigt. Auch sieht man sich von einer Gesellschaft umgeben, wo kaum noch ein anderer daran Vergn\u00fcgen findet. Bei allen Filmen, Bowling, Ausgehen g\u00e4hnt einen die gro\u00dfe gr\u00fcne Langeweile an, und wenn man noch genauer nachgr\u00e4bt \u2013 die Sinnlosigkeit. Mit letzterer sollte man allerdings vorsichtig sein, denn es kann gut sein, dass ein Sinn nicht vorhanden, aber die Langeweile, das war doch gerade das, was die Spa\u00dfgesellschaft eben vermeiden wollte. Man m\u00fcsste sie eben an sich heran\u00adlassen, die Langeweile, wer wei\u00df, was dabei herausk\u00e4me.<\/p>\n<p>Das Gesagte ist nun gar nicht im remarqueschen Sinne, denn er belehrt eben nicht, will nicht einmal anklagen, wie er seinem Buch vorausschickt. Das R\u00e4sonieren und das Meckern, womit wir teilweise unsere DDR-Zeit verbracht haben, liegen ihm fern. Inzwischen wissen wir, was diese 40 Jahre bewirkt haben. Sie haben die besseren Menschen hervorgebracht, was einem der inzwischen langj\u00e4hrige Vergleich mit den verw\u00f6hnten und nun wirklich ziemlich egoistischen Wessis nahelegt, denen nun fast jede Lebensenergie \u00fcber Nacht soweit abhanden kommt, dass sie fr\u00fch kaum aufstehen m\u00f6gen. Auch bei uns fallen jetzt die \u00c4pfel ungepfl\u00fcckt von den B\u00e4umen und sprie\u00dft das Unkraut, wo das Budget nicht f\u00fcr einen staatlich engagierten Eineurojobber ausreicht, dr\u00e4ngen sich die \u00fcber dem Verfallsdatum befindlichen ehemaligen DDR-Menschen in Mols bei der Schn\u00e4ppchenjagd.<\/p>\n<p>Wollte man heute so ein remarquesches Buch aus dem Leben schreiben, wo n\u00e4hme man die Paul B\u00e4umers und Ludwig Bodmers her? Und richtig geliebt wurde Remarque zumindest von der Literaturkritik in der DDR nicht, wie ein miesepetriges Buch von Alfred Antkowiak: \u201eErich Maria Remarque\u201c beweist. Aber Remarque hatte immerhin das Gl\u00fcck, von den Nazis verdammt worden zu sein, so dass man nicht ganz an ihm vorbeikam. Nach seinem Kriegs\u00aderlebnis hat er sich zwar von gef\u00e4hrlichen Situationen ferngehalten, war immer sicher emigriert und auch nach dem Krieg lieber in der Schweiz geblieben, aber seine Gestalten blieben immer so lebensvoll, wie man es sich wahrscheinlich damals vom sozialistischen Realismus gew\u00fcnscht hatte. Seltsamerweise hat er aber nie zum Holzhammer gegriffen, den man ihm so gern nahegelegt h\u00e4tte, hat nicht politisiert, ja nicht einmal generalisiert.<\/p>\n<p>Wenn diese gesellschaftliche Dimension fehlt, dann ist vielleicht der Vorwurf gut, seine Schreiberei sei banal. Antkowiak geht nicht so weit, denn der gescholtene Autor hatte ja immerhin den Erfolg auf seiner Seite, und wenn die Literaturwissenschaft tief gr\u00e4bt, dann f\u00f6rdert sie auch immer etwas zutage, in diesem Fall eine philosophische Dimension, aller\u00addings ebenfalls zweifelhafter Couleur.<\/p>\n<p>Es handelt sich um die \u201eLebensphilosophie\u201c, einer Richtung, die uns heut einfach fremd sein <em>muss<\/em>. Ob er nun wirklich von Georg Simmel (1858-1918) beeinflusst war oder dessen Philosophie einfach einem Zeitgeist entsprach, den jeder damals atmen konnte, wei\u00df ich nicht, aber dessen Ausspruch: \u201eAlles, was Produkt des Geistes ist, alles, was der weitergehende Prozess des Lebens als Resultat aus sich herausgesetzt hat, hat dieser unmittelbaren leben\u00addigen sch\u00f6pferischen Realit\u00e4t gegen\u00fcber etwas Starres, vorzeitig Fertiges &#8230;\u201c, h\u00f6rt sich nicht schlecht an. So kommen bei Remarque eben Leute schlecht weg, f\u00fcr die die Welt keine vage und zitternde Unruhe ist, die Senkblei und Waage und Lot haben und gut schlafen.<\/p>\n<p>Bei der Erfindung der Lebensphilosophie, wo man den Begriff des Lebens leicht an die Stelle von Gott setzen kann, hat man eine ideale L\u00f6sung, die \u201esich mit nach anderen Kate\u00adgorien erbauten Weltbildern gar nicht kreuzen muss.\u201c Antkowiak rechnet Remarque das als einen Feldzug gegen die Vernunft auf und er spiele dabei reaktion\u00e4ren Philosophien in die H\u00e4nde, f\u00fchrt aber selbst Lessing an: \u201eDer Mensch ist zum Tun und nicht zum Vern\u00fcnfteln geschaffen!\u201c Es geht also gar nicht gegen die Vernunft, denn an sich verhalten sich Remar\u00adques Helden alles andere als unvern\u00fcnftig, treten sogar Verr\u00fcckte auf, die vern\u00fcnftiger sind als die Vern\u00fcnftigen.<\/p>\n<p>Das trifft insbesondere zu auf die Schizophrene Isabelle-Genevi\u00e8ve aus dem Schwarzen Obelisken, bei dem mal nicht der allgegenw\u00e4rtige Krieg den Hintergrund bildet, sondern lediglich dei Inflation, die man vergleichsweise leicht nehmen kann. Aber dar\u00fcber an einer anderen Stelle, denn es wird dort eine Welt entwickelt, die ganz ohne Feinde auskommt, wie es ja auch schon bei der Szene mit dem sterbenden Franzosen der Fall war. Jeder verdient Sympathie und ich verstehe jetzt sehr gut die Fans von Remarque, bin selbst einer geworden.<\/p>\n<p><em>C.R. 15.09.200, 20.10.2007 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst bin ich wohl eine Erkl\u00e4rung schuldig, warum ich nicht mehr zur Schreibwerkstatt erscheine, wo wir uns monatlich sahen und manchmal die Aufgabe gezogen hatten, den Versuch des anderen weiterzuf\u00fchren oder zu interpretieren. 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