{"id":127,"date":"2010-10-19T19:17:30","date_gmt":"2010-10-19T17:17:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=127"},"modified":"2023-12-08T23:01:06","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:06","slug":"genderstudies","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/127","title":{"rendered":"Genderstudies"},"content":{"rendered":"<p>Die Schweden sind schon ein beachtliches Volk, obwohl es doch nur 8,8 Millionen Einwohner sind und somit von der Bev\u00f6lkerung nicht mehr als eine halbe DDR. Das Sicher\u00adheitsauto inklusive Dreipunktsicherheitsgurt, das Tetra Pak und Ikea sind Nachkriegs\u00adentwick\u00adlungen, die von sich reden machten. Trotz immer noch vorbildlicher Sozialpolitik erobern schwedische Unternehmen nach und nach auch die deutsche Wirtschaft, wenn man zum Beispiel an Vattenfall denkt. Fr\u00fcher bedurfte es f\u00fcr europ\u00e4ische Eroberungen noch eines Gustav Adolf, der bei L\u00fctzen im drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg fiel, aber heute besorgt man das auf leisen Sohlen. Ganz zu schweigen ist von der Erfindung des Sicherheitsz\u00fcnd\u00adholzes, des Dynamits Alfred Nobels oder der Celsiusskala und den Forschungen Linn\u00e9s, die ebenfalls den Schweden zu verdanken sind und schon weiter zur\u00fcckliegen. Insgesamt ein sympa\u00adthisches Land, das sich auch noch Ziele zu stellen versteht, wie j\u00fcngst, die v\u00f6llige Unab\u00adh\u00e4ngigkeit vom Erd\u00f6l zu erreichen.<!--more--><\/p>\n<p>Mir ist das Land nicht ganz unbekannt, wenn ich auch nur den S\u00fcden von Zeit zu Zeit bereise, um dort an einem Synchrotron zu versuchen, unsere Ger\u00e4te in Gang zu bekommen. Allerdings ist auch der S\u00fcden am meisten besiedelt, denn dort ist es noch einigerma\u00dfen auszuhalten, w\u00e4hrend die waldreichen n\u00f6rdlichen Gegenden wohl eher f\u00fcr spezielle Menschen sind, die da bei 12 Grad Celsius schon in T-Shirt und kurzen Hosen herumlaufen, Wikinger eben.<\/p>\n<p>Zu DDR- Zeiten hat ein Film von sich reden gemacht, der 1973 von Ingmar Bergman gedreht worden war und der \u201eSzenen einer Ehe\u201c hie\u00df. Wollte man heute sagen, was diese Talks eigentlich zum Inhalt hatten, so k\u00f6nnte man das gar nicht sagen, au\u00dfer dass es dabei um die zwischenmenschlichen Beziehungen ging, es unheimlich spannend und treffend war und man viel \u00fcber das Zusammenleben zwischen Mann und Frau daraus lernen konnte. Dieser Film ist wie ein Pflug, der das Innerste aufrei\u00dft, was dann sichtbar wird, ist keine blutarme Psychologie sondern immer an den Grenzen des Tabus, das nach Bergman nur durch den eigenen Mangel oder das Vorhandensein von Mut gesetzt ist. Und Bergman hat als sein gro\u00dfes Vorbild <em>August Strindberg (1849-1912)<\/em>, der das hier zu besprechende Fr\u00fchwerk <em>\u201eAm offenen Meer\u201c<\/em> geschaffen hat, das mir von Dir empfohlen wurde.<\/p>\n<p>Die obige Vorrede war allerdings gar nicht der Ausgangspunkt, sondern kam mir erst nachtr\u00e4glich, als ich sehr beeindruckt war von diesem Lesevergn\u00fcgen, das sich nicht gleich auf den ersten Seiten erschlie\u00dft, sondern das sich nach und nach einstellt. Bei mir genau dann, als die erste Frau ins Spiel kam, nachdem uns der Autor mit Naturbeschreibungen von an sich nichtssagenden Sch\u00e4ren und einer langatmigen Vita eines Fischerei-Inspektors eingelullt hat. Jede Pflanze und jedes Gesteins\u00e4derchen im Gneis wird auf das Genaueste beschrieben, was einem durchaus Bewunderung abringt f\u00fcr diese umfassenden Kenntnisse, die sowohl der Fischerei-Inspektor Borg haben musste als nat\u00fcrlich auch der Autor Strindberg. Man baut schon ein wenig Komplexe auf, wenn man selbst an einer Ostseeinsel wohl nur wenig mehr als Sand und Steine und hier und da nichtssagende Pflanzen wahrnehmen w\u00fcrde. Genau so eine unbedarfte Begeisterung \u00e4u\u00dfert Maria, als sie von dem Helden heimlich bei einem Insel\u00adbesuch belauscht wird und er sich an ihrem naiven Gem\u00fct erbaut, nicht ohne die Unbedarft\u00adheit der \u00c4u\u00dferungen ganz aus dem Auge zu verlieren. Eine Frau st\u00fcnde auf einer Zwischen\u00adstufe zwischen dem Kinde und dem Manne, der dem Helden als die Krone der Sch\u00f6pfung gilt. Dieser ideale Mann ist f\u00fcr ihn nicht vordergr\u00fcndig ein leibliches Wesen mit \u00fcberfl\u00fcssigen Muskelpaketen, sondern ein Naturwissenschaftler oder besser ein Wissender. Das grenzt ihn nicht nur gegen\u00fcber der Frau, auf einer niederen Stufe stehend, ab, sondern auch gegen\u00fcber den einfachen Menschen, die auf der Sch\u00e4re als Fischer gegenw\u00e4rtig sind. Da haben wir also die Geschlechter- oder Genderfrage und die Frage nach dem Elit\u00e4ren der Intellektualit\u00e4t. Gibt es denn spannendere Fragen f\u00fcr unsereins?<\/p>\n<p>Bei dem Buch handelt es sich um die beste Empfehlung, die ich jemals bekommen habe. Auch wenn es sich wie bei \u201eSzenen einer Ehe\u201c um eine fl\u00fcchtige Essenz handelt, eine Essenz, die so schnell verfliegt, dass man vielleicht in ein paar Tagen keinem mehr klar sagen kann, was einen an diesem Buch so faszinierte. Ich will also noch rasch etwas von den fl\u00fcchtigen D\u00e4mpfen auffangen und f\u00fcr die Nachwelt erhalten. Dass es sich dabei auch um eine f\u00fcr den Mann gef\u00e4hrliche Substanz handelt, sollte man auch nicht vergessen, denn Strindberg war nach drei kurzen Ehen als Frauenhasser verschrien und Bergmann hat sogar 5 Anl\u00e4ufe einer Ehe gemacht und hat 9 Kinder. Nicht dass Kindersegen Ausdruck der Gefahr des Nachden\u00adkens \u00fcber die Geschlechterfrage ist, aber es l\u00e4sst sich leicht einsehen, dass man bei einer solchen Menge schnell den \u00dcberblick verliert, man also kein einziges richtig erziehen kann, wie wir ein bisschen aus unserer eigenen Kindheit wissen und selbst nur um weniges besser sind.<\/p>\n<p>Aus welchem Stoff also ist dieses klassische Meisterwerk gemacht? Ein Fischerei-Inspek\u00adtor kommt auf die Insel, um den zur\u00fcckgehenden Fang des Str\u00f6mlings, was so eine Art Herings\u00adverschnitt ist, durch geeignete Ma\u00dfnahmen zu beheben. Einerseits muss er daf\u00fcr sorgen, dass nicht gleich die Jungfische gefangen werden, so dass es Nachwuchssorgen gibt, andererseits muss er herausfinden, ob es Mittel gibt den Fang zu steigern. Da die Fischer sich bisher auf die seichten Gew\u00e4sser beschr\u00e4nkt haben, versucht er die Fischerei in tieferen Meeresgegenden zu bef\u00f6rdern. Dazu schaut er stundenlang mit einem Fernrohr ins Wasser um die Laichgr\u00fcnde zu beobachten und den Verbleib der Fische zu bestimmen. Da er andererseits das Fischereiverbot mit zu engmaschigen Netzen durchzusetzen versucht, ist er gr\u00fcndlich unbeliebt. Ob seine Unbeliebtheit den Grund der Unkonventionalit\u00e4t hat oder ob es seine menschliche Abgr\u00fcndigkeit ist, kann man nicht entscheiden. Jedenfalls hat er schon als junger Hochschulabsolvent auch unter Akademikern das gleiche Problem, weil er dort ebenso herausragt mit der Entdeckung eines neuen Minerals, die man ihm nicht g\u00f6nnt. Ansonsten bewegt er sich doch lieber in gebildeten Kreisen, ist wohl im besten Sinne ein Forscher und versucht eben auch unter den einfachen Leuten das Gesetz durchzusetzen. Die Fischer lassen es sich nicht verdrie\u00dfen, holen sich die beschlagnahmten zu engmaschigen Netze zur\u00fcck, und als er eine Fischerin daf\u00fcr vor den Richter bringen will, erfassen seine Hand pl\u00f6tzlich zwei zarte H\u00e4nde und f\u00fchren sie bezwingend an eine weibliche Brust. Er lenkt ein, sieht von der Bestrafung ab und macht sich damit unter den Fischern v\u00f6llig unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die zarten H\u00e4nde und weibliche Brust geh\u00f6ren Maria, die er bei seiner einsamen Natur\u00adbetrachtung kurz davor kennengelernt hat und die mit ihrer Mutter zur nervlichen Rekonva\u00adleszenz auf der Sch\u00e4re f\u00fcr den Sommer weilt. Sie ist von betr\u00e4chtlicher Sch\u00f6nheit, wie es eben sein muss in einem Roman, hat allerdings ein zu gro\u00dfes Kinn, weshalb uns der Autor nicht die Vision vorenthalten kann, wie sich dann sp\u00e4ter eine gr\u00e4ssliche Hakennase auf dieses herabsenken wird, so dass sich Nase und Kinn somit n\u00e4her kommen werden, als es unsere \u00e4sthetischen Vorstellungen gut finden. Sonst w\u00e4re das Folgende vielleicht sogar romantisch geworden, aber Strindberg tritt die Glut der Romantik, die in Schweden l\u00e4nger noch als in Deutschland glimmt, aus und liefert ein so lebensvolles Bild einer Frau, wie man es einem Frauenver\u00e4chter gar nicht zutraut. Der Schluss liegt nahe, dass er das gar nicht ist, aber sich auch nicht vor der Frage dr\u00fcckt, wie so viele Frauenrechtler, welche handfesten und doch gar nicht so beklagenswerten Unterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen sein k\u00f6nnten. Die Frauen, durch die Legende von Evas S\u00fcnde herabgew\u00fcrdigt, wird in Maria dergestalt verherr\u00adlicht und geadelt, dass dies alles \u00fcberwiegt. Und Strindberg nannte seine Frauengestalt eben mit diesem g\u00f6ttlichen Namen, was man nicht anders deuten kann als eine Verehrung des weiblichen Geschlechtes.<\/p>\n<p>Borg, der Fischerei-Inspektor, beschlie\u00dft nun, diese Frau f\u00fcr sich zu erobern. Dazu bietet er alle Kr\u00e4fte auf, die ihm daf\u00fcr geboten scheinen. Die gelangweilten Damen n\u00e4hmen am liebsten st\u00e4ndig seine gebilde\u00adte Gesellschaft in Anspruch, aber er hat ja auch noch andere Aufgaben, eine wissenschaftliche Mis\u00adsion, die freilich nur angedeutet wird, damit kein Mann sagen kann, er f\u00e4nde sich in ihm nicht wieder. Dass er alles einbringt und sogar auf seine min\u00addestens zeitweise angestrebte Einsamkeit verzichtet, bis eben auf sein Herz, hat nicht etwa die Ursache, dass er etwas egoistisch zur\u00fcckh\u00e4lt, sondern weil es vielleicht eine Tatsache sein k\u00f6nnte, dass dem geistvollen Mann dieser kleine Erbfehler mitgegeben ist. \u201eDann soll er doch gef\u00e4lligst Herz zeigen!\u201c, m\u00f6chte man ihm da zurufen, aber wenn doch sein Kopf unaufh\u00f6rlich arbeitet, wie er unter Einsetzung seines Intellekts diese sch\u00f6ne Frau gewinnen kann, wer will ihm da z\u00fcrnen. K\u00f6nnte da denn nicht bestenfalls Heuchelei herauskommen?<\/p>\n<p>Unter der Oberfl\u00e4che dieses talentierten und mit allen einschl\u00e4gigen Ehrbegriffen verse\u00adhenen Mannes spielt sich etwas ab, das man nur ahnen kann, und das k\u00f6nnte tiefempfundene Liebe sein. Sie beschlie\u00dfen eine Kirche zu bauen, um die Fischer zu h\u00f6heren Werten zu f\u00fchren, obwohl er wie jeder Scharfsinnige nicht an Gott glaubt. Aber auch das erhebt die verg\u00f6tterte Maria nicht zu den gew\u00fcnschten H\u00f6hen. Sie zeigt eher Interesse an dem herbeige\u00adschafften Prediger, der sich als Schulkamerad des Fischereiinspektor herausstellt, den dieser einmal in der Kindheit beleidigt hat. Borg also hat wohl ein von Anfang an verpatztes Leben, denn der Prediger h\u00e4lt ihm diese Jugends\u00fcnde nach 25 Jahren vor. Die religi\u00f6se Bekehrung des Fischerdorfes ger\u00e4t unter dem neuen Prediger zu einer anderen Art des M\u00fc\u00dfiggangs, wo gepredigt wird, wo man h\u00e4tte arbeiten sollen. Dann wird Borg ein Assistent beigestellt, der wegen seiner Muskelpakete und seines unbedarft unbefangenen Wesens gleich wieder die Aufmerksamkeit Marias erregt. Au\u00dferdem bringt dieser noch die Theorie mit, dass man auf keinen Fall eifers\u00fcchtig sein soll, was f\u00fcr den Fischerei-Inspektor als Lehre herhalten soll, die er sogar beherzigt, aber auch das schl\u00e4gt ihm zum Schaden aus, denn letztlich verliert er Ma\u00adria an seinen jungen Assistenten.<\/p>\n<p>Einen Mann, der nicht einmal wagte kalt zu baden, weil das dem Geist abtr\u00e4glich sein k\u00f6nn\u00adte, diesen Fischereiinspektor sehen wir dann grandios scheitern, so dass er zun\u00e4chst sein Ansehen, seine Menschenw\u00fcrde und schlie\u00dflich sein Leben aufgibt, womit er entweder einen schlagenden Beweis seiner Liebe zu Maria gibt oder den Bankrott eines von Anfang an danebengelebtes Leben erkennen l\u00e4sst. Die Entscheidung ist unserem eigenen Mitgef\u00fchl anheim gestellt. Und Vorsicht, jeder intellektuelle Mann erkennt sich in ihm selbst, so er sehen kann. Lernen wir, um alles kontrollieren zu k\u00f6nnen? Indem wir versuchen eine Frau zu kontrollieren, erhebt sich die Frage, ob wir das nicht mit allen anderen Dingen genauso machen wollen. Ein Buch nur f\u00fcr M\u00e4nner.<\/p>\n<p><em>C.R. 12.08.2006<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweden sind schon ein beachtliches Volk, obwohl es doch nur 8,8 Millionen Einwohner sind und somit von der Bev\u00f6lkerung nicht mehr als eine halbe DDR. Das Sicher\u00adheitsauto inklusive Dreipunktsicherheitsgurt, das Tetra Pak und Ikea sind Nachkriegs\u00adentwick\u00adlungen, die von sich&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/127\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-127","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/127","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=127"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/127\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4506,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/127\/revisions\/4506"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=127"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=127"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=127"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}