{"id":1262,"date":"2013-01-08T17:20:43","date_gmt":"2013-01-08T15:20:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=1262"},"modified":"2023-12-08T23:00:25","modified_gmt":"2023-12-08T21:00:25","slug":"die-tore-des-himmels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/1262","title":{"rendered":"Die Tore des Himmels"},"content":{"rendered":"<p>Die Tore des Himmels<br \/>\nvon Sabine Weigand<br \/>\nErstausgabe: 2012<\/p>\n<p>\nISBN10: 3810526657<br \/>\nVerlag: S. Fischer<\/p>\n<p>\n<strong>Lazarettprosa<\/strong><\/p>\n<p>\nDieses Label h\u00e4tte vielleicht Altmeister Goethe dem Roman angeheftet, der doch bei den Romantikern eine Lazarettpoesie zu verzeichnen hatte. Ist doch oft genug die Rede von Auss\u00e4tzigen und Armen. Die Romantiker teilten die Vorliebe f\u00fcr das Mittelalter, die auch die Sinne der Historikerin und Schriftstellerin Sabine Weigand umschwelen, ohne dass sie deren Verkl\u00e4rung ganz verf\u00e4llt. Th\u00fcringen, das heute als ostdeutsche Provinz quasi Hessen zugeordnet ist, war zu diesen Zeiten nicht nur bis Hessen im Westen ausgedehnt, sondern reichte im Osten auch bis Mei\u00dfen. In heutigen Zeiten, wo man einen Inkontinenten glaubt nur noch mit Latexhandschuhen ber\u00fchren zu k\u00f6nnen, ist es schon nicht mehr vorstellbar, dass einer auch nur eine Schw\u00e4re k\u00fcsst. Dass eine in fleischlichen Gen\u00fcsse erfahrene Frau sich in den Zustand der Keuschheit zur\u00fccksehnt, liegt nicht mehr sonderlich nahe, und schlie\u00dflich heilig zu werden brandmarkt man am sichersten als Psychopathie.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nDie Story<\/p>\n<p>\nAls die vierj\u00e4hrige ungarische Prinzessin Elisabeth dem \u00e4ltesten Sohn des Th\u00fcringischen Landgrafen versprochen wird und zum Zweck der sp\u00e4teren Heirat an den Eisenacher Hof entsandt wird, kann sie schon auf die Familientradition dreier Heiliger verweisen, die sie zu ihren Ahnen z\u00e4hlen darf. Als der Br\u00e4utigam durch einen Unfall vorzeitig zu Tode kommt, wird sie mit dem verst\u00e4ndnisvollen j\u00fcngeren Bruder Ludwig verheiratet, der nunmehr den Landgrafenposten nach dem Tode des Vaters innehat. Ludwig l\u00e4sst seine Frau in dem gottesf\u00fcrchtigen Tun gew\u00e4hren und wird durch den Stauferkaiser Friedrich bald zum Kreuzzug gerufen, der in einem Fiasko endet und die einzige Feindber\u00fchrung die mit Seuchen und Fieber bleibt, denen der Landgraf zum Opfer f\u00e4llt. Hier meint Frau Weigand noch eins draufsetzen zu m\u00fcssen und erfindet ein Mordkomplott des dritten Bruders Heinrich Raspe, der unter der Schmach litt, dass die Regentschaft in der Abwe\u00adsen\u00adheit des jungen Landgrafen regelm\u00e4\u00dfig nicht an ihn, sondern an die den hergebrach\u00adten Herrschaftsgepflogenheiten kritisch gegen\u00fcberstehende Elisabeth ging. Als die Nachricht von Ludwigs Tod in der Heimat eintrifft, dauert es auch nicht lange, bis dass Heinrich Raspe die Macht fast vollst\u00e4ndig an sich bringt und er Elisabeth aus dem Machtgef\u00fcge v\u00f6llig verdr\u00e4ngt, so dass ihr nur bleibt bei Marburg einen weiteren Versuch zu unterneh\u00admen, ein Hospital zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>\n<em>Glaubenstechnisch bewegte Zeit<\/em><\/p>\n<p>\nDie Zeiten des Multikultikaisers Friedrich II. waren durch grundlegende reformatorische Bewegungen des inzwischen festgef\u00fcgten und einigerma\u00dfen in Saus und Braus lebenden katholischen Kirchenwesens gepr\u00e4gt und gingen auf die R\u00fcckkehr zu urchristlichen Werten wie Armut (Franz von Assisi) und Keuschheit (Katharer) aus. Die ersteren wurden von der herrschenden Kirche vereinnahmt, die andern verfolgt und verbrannt.<\/p>\n<p>\nEs ist wohl der entscheidende Missgriff einer Historikerin, die Katharer in die N\u00e4he des Luziferischen zu r\u00fccken, bei aller Ungewissheit, die diese organisierte Gegenbewegung zur etablierten Kirche umgibt. Vielleicht h\u00e4tte man den Nimbus des B\u00f6sen, der die f\u00fcr einen Roman scheinbar unvermeidlichen B\u00f6sewichter umgeben muss, auch unverf\u00e4ng\u00adlicher festmachen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\n<em>Zugest\u00e4ndnisse an die Vorhersehbarkeit<\/em><\/p>\n<p>\nIndem die Autorin nicht in Elisabeths Haut schl\u00fcpft, sondern in die einer fiktiven, modern anmutenden jungen Frau, werden die Motive der Heiligen nur schwer erkennbar. Denjenigen, die es dennoch gern wissen m\u00f6chten, gibt sie den Ehrgeiz der Elisabeth an die Hand eine Heilige werden zu wollen. Also handele es sich nur um eine h\u00f6here Form der Begehrlich\u00adkeit, so auch die einhellige Meinung der begeisterten Konsumenten des Romans. Das war es doch, was wir schon immer geahnt haben, dass es sich letztendlich nur um eine Form der Hoffart gehandelt haben kann.<\/p>\n<p>\nEines Virusses gleich, bef\u00e4llt den Roman diese Vorhersehbarkeit. Psychopathisches Verhalten, wie das der Elisabeth, f\u00fchrt zum Tode und die fiktive Heldin in der Ich-Form, die des Kribbelns bei der Ber\u00fchrung durch den B\u00f6sewicht Heinrich nicht widerstehen konnte, findet doch letztendlich ihr Gl\u00fcck in den Armen eines fabelhaften Ritters am Hofe des jeglichen Gen\u00fcssen aufgeschlossenen Stauferkaisers.<\/p>\n<p>\nExtremismen, wie sich kulinarische und fleischliche Gen\u00fcsse zu versagen, sind falscher Ehrgeiz. Jeder, der sich irgendetwas ganz Au\u00dfergew\u00f6hnliches abverlangen m\u00f6chte, ist ein solcher Psychopath und wir wissen endlich, warum wir im Grunde die heilige Elisabeth doch nicht m\u00f6gen. Das ist Seichtheit pur, und Seichtheit war es auch schon immer, die gefiel.<\/p>\n<p>\n<em>Christian Rempel<\/em><\/p>\n<p>\nHardcover, 608 Seiten<br \/>\nISBN-13:  978-3810526656<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.fischerverlage.de\/verlage\/s_fischer\" title=\"http:\/\/www.fischerverlage.de\/verlage\/s_fischer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.fischerverlage.de\/verlage\/s_fischer<\/a>      <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Tore des Himmels von Sabine Weigand Erstausgabe: 2012 ISBN10: 3810526657 Verlag: S. Fischer Lazarettprosa Dieses Label h\u00e4tte vielleicht Altmeister Goethe dem Roman angeheftet, der doch bei den Romantikern eine Lazarettpoesie zu verzeichnen hatte. 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