{"id":125,"date":"2010-10-19T19:08:17","date_gmt":"2010-10-19T17:08:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=125"},"modified":"2024-09-29T21:18:29","modified_gmt":"2024-09-29T19:18:29","slug":"eindrucke-vom-6-osterzgebirgischen-puppentheaterfest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/125","title":{"rendered":"Eindr\u00fccke vom 6. Osterzgebirgischen Puppentheaterfest"},"content":{"rendered":"<p>Dieses Wochenende mal nicht im Schnee, wie im Vorjahr, sondern bei wunderbarem Herbstwetter, so dass Wanderungen zu den Spielorten teilweise m\u00f6glich waren. Das Puppentheaterfest hatte sicher viele H\u00f6hepunkte und wenn man bedenkt, dass wir selbst nur vier St\u00fccke sehen konnten und darunter drei richtige Entdeckungen waren, kann sich der Qualit\u00e4tskoeffizient durchaus sehen lassen. Insgesamt waren es wohl drei mal sieben Veranstaltungen, die an verschiedenen Spielorten dargeboten wurden, wobei die Organisation beim Gasthof B\u00e4renfels und dem Verein Kulturgeschichte B\u00e4renfels lag.<!--more--><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte denken, das sei nur etwas f\u00fcr Kinder, aber die Puppenspieler wissen wohl, dass selbst bei den Kinderveranstaltungen mindestens die H\u00e4lfte Erwachsene sind und dass das Erlebnis nicht nur f\u00fcr die umsorgten Kleinen da ist, sondern auch die gro\u00dfen Menschen auf ihre Kosten kommen m\u00f6chten. Daneben gibt es auch noch ausgesprochene Erwachsenen\u00adst\u00fccke, wo man sich wiederum fragen kann, ob ein Puppenspiel nicht immer Kleinkunst ist und hinter einem richtigen Theater notwendig zur\u00fccksteht. Oft genug sind aber die St\u00fccke keine reinen Puppenspiele mehr, sondern die Spieler treten auch als lebendige Darsteller nebenbei auf, so dass sich auch beim \u00f6konomischen Zweimannspiel die Zahl der erlebten Darsteller vervielfachen kann.<\/p>\n<p>Zuerst sei das Figurentheater Margit Wischnewski erw\u00e4hnt, das von der Pers\u00f6nlichkeit und dem handarbeitlichen Geschick der Alleindarstellerin lebt. Sie brachte am Sonntagvormittag das Schneewittchen, von einem Zwerg erz\u00e4hlt, als der sie originell verkleidet selbst auftrat. Mit dem Habitus einer r\u00fcstigen und gesch\u00e4ftigen Gro\u00dfmutter mit Witz und Ausstrahlung nimmt sie an einem schr\u00e4gen Tisch Platz und breitet ihre Geschichte aus wie die Insignien des Schneewittchenm\u00e4rchens, die sie teilweise selbst angefertigt hat und im Zeitalter der Barbies und gekauftem Zeugs zur Geltung zu bringen wei\u00df. Sie hat auch Sinn f\u00fcr die nicht zu unter\u00adsch\u00e4tzende Geduld der Kinder, wenn sie zum Beispiel den J\u00e4ger, der statt Schneewittchen zu t\u00f6ten ein Wildbret erjagen will, f\u00fcnf oder sechs mal das Ziel verfehlen l\u00e4sst, bevor er dann endlich ein Wildschwein killen kann. F\u00fcr den gl\u00e4sernen Sarg muss eine K\u00e4seglocke herhalten, in die sie die reizende Handpuppe stopft, so dass der Prinz wohl ganz sch\u00f6n Phantasie haben muss, die sch\u00f6ne Jungfrau in diesem Kn\u00e4uel zu erkennen.<\/p>\n<p>Alles an der Dekoration glitzert und funkelt, die beachtliche Zwergenbande ist aus Socken gemacht und fliegt nach kurzer \u00c4u\u00dferung \u00fcber die geschm\u00fcckten W\u00e4nde hinaus ins Leben, wie so manches, das sich  nach dem Gebrauche im Spiel als \u00fcberfl\u00fcssig erweist. Was Frau Wischnewski bringt, ist Theater mit Seele und Witz und man staunt, wie spielend sie die Aufmerksamkeit der Kinder \u00fcber eine Stunde fesseln kann.<\/p>\n<p>Den Balanceakt eines M\u00e4rchens f\u00fcr Kinder und Erwachsene bew\u00e4ltigen auch Annegret Geist und Tobias Rank mit Bravour. Den Ausgangspunkt bildet ein sch\u00fcchternes Paar, das sich seine Liebe nicht gestehen kann und das als Haustier einen Frosch hat. Nicht einmal eine gegenseitige kleine Aufmerksamkeit, von ihr ein Keks, von ihm ein T\u00fctchen unbekannten Inhalts, getrauen sie sich hinzustellen, w\u00e4hrend der andere gerade nicht da ist. Trotzdem sind die beiden im Begriff, eine Show auff\u00fchren zu wollen, was sicher viel mehr Erfolg verspr\u00e4\u00adche, als ein olles M\u00e4rchen zu bringen, das jeder bereits auf den Latschen pfeifen kann. Der selbstbewusste Frosch aber w\u00fcnscht sich das von den beiden und m\u00f6chte eben den Froschk\u00f6\u00adnig inszeniert sehen. Nach vielem Hin und Her geben die beiden dann auch nach und sie verkleidet sich widerwillig als Prinzessin, indem sie den Keyboard Vorhang sich kurzerhand um den Bauch wickelt und eine Kuchengabel ins Haar steckt. Aus dem sch\u00fcchternen und durch den Frosch ver\u00e4rgerten M\u00e4dchen wird flugs die verw\u00f6hnte Prinzessin und aus dem Pianisten ein herrischer K\u00f6nig, von gespieltem erzieherischen Altersstarrsinn befallen, so dass diese Geschichte einen Touch von K\u00f6nig Drosselbart bekommt. Der Frosch \u00fcbernimmt nun im Laufe dieses Spiels die Rolle des Liebhabers, das besonderen Reiz dadurch erh\u00e4lt, dass ja jeweils einer noch mit verstellter Stimme den nat\u00fcrlich auch verw\u00f6hnten Frosch geben muss, der diese Rolle wohl auszukosten vermag unter dem Protektorat des konsequenten K\u00f6nigs. Da die junge Prinzessin auch wohl anzuschauen ist, nimmt man als Erwachsener Anteil an diesen Versuchen, sie m\u00e4nnlichen Bed\u00fcrfnissen gef\u00fcgig zu machen. Es ist Gesetz, dass solches Tun im Happy end ausgeht und damit der Frosch, der ja ein Haustier ist und schlecht zum Prinzen mutieren kann, nicht ganz leer ausgeht, wird ihm eine entsprechendes Froschfr\u00e4ulein noch zum Schluss herbeigeholt.<\/p>\n<p>Man sollte ja nicht meinen, dass Kinder an solcherart Liebesspiel keine Freude h\u00e4tten, da sie daf\u00fcr noch viel zu klein sind, denn g\u00fcnstigstenfalls erleben sie so etwas in ihrer Kindheit im Elternhaus, wo es doch durchaus vorkommen soll, dass sich die Eltern erst finden, wenn der Nachwuchs schon da ist. Wenn das nicht der Fall sein sollte, l\u00e4sst sich so etwas jederzeit nachholen und dazu ist dieses Spiel ein Muster.<\/p>\n<p>Puppenspiel \u00fcbelster Art gab es vom Kikerekitheater, das man h\u00f6chstens bis zur Pause aushalten kann und wo man eigentlich sein Geld zur\u00fcckverlangen m\u00fcsste. Seltsam, dass dies den Organisatoren nicht selbst vorher klar war und man diesen Comedyverein nichtsw\u00fcrdigs\u00adter Sorte auch noch hofierte.<\/p>\n<p>Wir blieben noch bis Sonntagabend und unseres Bleibens war wirklich gut, denn wir erlebten, zwar durch vorherigen Alkoholgenuss etwas intellektuell geschw\u00e4cht mit gewissen Aufmerksamkeitsdefiziten auch das wohl anspruchsvollste St\u00fcck des Festes, n\u00e4mlich den Faust. Von religi\u00f6sen Menschen oft gescholten, von seichten gar nicht mehr verstanden und von den meisten eben nicht mehr gesch\u00e4tzt, scheint diesem St\u00fcck doch immer wieder neues Leben einzuhauchen m\u00f6glich zu sein. Im Puppenspiel werden meist Zerrbilder dieses Urst\u00fccks geliefert, bei denen man sich mehr der Urfassungen zuwendet, als diesem Glanzpunkt dichterischen Schaffens von unserem Altmeister Goethe. Dass man Passagen im Originaltext bringen k\u00f6nnte, erscheint Theaterleuten inzwischen als ausgemachter Unsinn, der viel zu wenig Rechnung tr\u00e4gt dem f\u00fcr flach erkannten Unterhaltungsbed\u00fcrfnis des heutigen Standardzuschauers. Aus eigener Erfahrung wei\u00df ich aber, dass sich dieses beklagenswerte Niveau auf Anhieb betr\u00e4chtlich heben l\u00e4sst, wenn man selbst den Mut dazu hat und wenig\u00adstens selbst die Verehrung f\u00fcr hohe dichterische Kunst nicht an den Nagel geh\u00e4ngt hat.<\/p>\n<p>Man kann sogar fragen, ob es einer schauspielerischen Rahmenhandlung: er Fliesenleger, sie IT-Spezialistin, \u00fcberhaupt bedurft h\u00e4tte, denn der wirkliche H\u00f6hepunkt des St\u00fcckes kommt nicht in diesen Einlagen zustande, sondern wahrlich und wahrhaftig bei der Gretchenszene im Gef\u00e4ngnis, die allein durch Puppen dargestellt wird. Wahrscheinlich aber muss man wirklich den heutigen Menschen bei der Comedy abholen, mit der er sich t\u00e4glich berieseln kann und deren Witzigkeit scheinbar total inflation\u00e4r ist. Cornelia Fritzsche und Jens Hellwig aus Dresden und Radebeul haben sich zusammengetan, um sowohl selbst, als auch mit den Puppen aufzutreten. Er erst als Fliesenleger nimmt Ma\u00df in der Wohnung eines abwesenden Theaterkritikers. Sie kommt dazu und nimmt telefonisch den Auftrag entgegen, dass beide den Faust spielen sollen unter Androhung der Nichtbezahlung bei Nichtausf\u00fch\u00adrung. Der Abwesende hat das St\u00fcck schon zusammengestrichen, das dar\u00fcber hinaus noch auf einem Labtop zu googeln ist. Auch hier wird, wie beim Froschk\u00f6nig mit einfachster Dekora\u00adtion gearbeitet, die aber nicht, wie bei heutigen Theatern den Eindruck \u00fcbertriebener Sparsamkeit und Einfallslosigkeit macht, sondern tats\u00e4chlich nicht von dem anspruchsvollen Spiel ablenken will. Tafeln und Fliesenw\u00e4nde reichen hin, um die Kulisse f\u00fcr das Studier\u00adzimmer, das Jungfernst\u00fcbchen des Gretchens oder die Gebirgslandschaft des Osterspa\u00adziergangs abzugeben.<\/p>\n<p>Dass nicht nur Goethe dichten konnte, wird durch Einsch\u00fcbe ins Puppenspiel bewiesen, wo die Famulusszenen zu einem eigenst\u00e4ndigen Handlungsstrang mit \u00e4hnlichem sprachlichen Anspruch, wie die Originalszenen ausgebaut werden, nur dass eben durch einen zus\u00e4tzlichen Geist auch noch zus\u00e4tzlicher Witz erg\u00e4nzt wird. \u00dcberhaupt ist der Famulus heutiger Basecap\u00adgeneration reizend nachempfunden.<\/p>\n<p>Hat man genug gelacht, so kann man auch ergriffen sein, und das von Puppen! Das ist tats\u00e4chlich m\u00f6glich und die Kerkerszene des Gretchen und des verruchten und verzweifelten Faust ger\u00e4t zu diesem f\u00fcr unm\u00f6glich gehaltenen H\u00f6hepunkt. Das ist keine Kleinkunst mehr, das ist anspruchsvolle hohe Kunst.<\/p>\n<p>H\u00e4tte nur uns das St\u00fcck begeistert, h\u00e4tte uns das nur best\u00e4rkt in der Annahme, dass man einen \u00fcberholten und exzeptionellen Geschmack besitzt, aber auch das \u00fcberwiegend jugend\u00adliche Publikum war begeistert, also l\u00e4sst es sich heben, das vielbesprochene gesunkene Niveau, und ich, immer f\u00fcr eine Begeisterung gut, m\u00f6chte gleich annehmen, dass sich am tr\u00fcben Horizont Morgenr\u00f6te zeitigen m\u00f6ge. Man fahre nur in die Provinz und entdecke etwas, das inzwischen im st\u00e4dtischen Leben eher untergeht.<\/p>\n<p><em>C.R. <\/em><span style=\"color: #000080;\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><a href=\"..\/..\/\">www.gedichtladen.de<\/a><\/span><\/span><em> 19.10.2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Wochenende mal nicht im Schnee, wie im Vorjahr, sondern bei wunderbarem Herbstwetter, so dass Wanderungen zu den Spielorten teilweise m\u00f6glich waren. 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