{"id":122,"date":"2010-10-15T20:02:12","date_gmt":"2010-10-15T18:02:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/?p=122"},"modified":"2023-12-08T23:01:06","modified_gmt":"2023-12-08T21:01:06","slug":"rezension-zum-zauberberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/122","title":{"rendered":"Rezension zum &#8222;Zauberberg&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Perlen im Meer der Geschw\u00e4tzigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Wieder einmal war eine Schuld abzutragen, die sich seit Jahren im B\u00fccherschrank befand, leichtsinnig gekauft und schweren Zeitaufwandes n\u00f6tig, wenn man dem Autor <em>Thomas Mann<\/em> die Referenz erweisen m\u00f6chte und den <em>\u201eZauberberg\u201c<\/em> von Anfang bis Ende durchliest. Wie man an den Daten der Rempelbooks sieht, hat mich das ein viertel Jahr gekostet, in dem ich freilich auch noch anderes zu tun hatte, als dieses Epos \u00fcber die Wert- und Ma\u00dflosigkeit der Zeit auf mich einwirken zu lassen, was ich nat\u00fcrlich auch immer mit Versuchen begleitete, anderen dieses selbstlose Tun vor Augen zu f\u00fchren, denen ich ja unn\u00f6tige Zeitverschwendung ersparen m\u00f6chte, nicht nur als Dienstleister am Dichter also, sondern auch Dienstleister an der Jetztwelt.<!--more--><\/p>\n<p>Die beste Idee ist vielleicht der Titel des Buches, der Phantastisches erwarten l\u00e4sst und tats\u00e4chlich wirkt auf den Helden Hans Castorp sogleich ein profaner Zauber als er seinen Vetter besucht, der durch sein sp\u00e4teres Hinscheiden beweist, dass er wirklich krank war, w\u00e4hrend beim Helden nicht klar ist, inwieweit der Kuraufenthalt nicht einfach Vorwand ist, mal ein anderes Leben zu f\u00fchren, als ihm durch seine Ingenieurausbildung bestimmt.<\/p>\n<p>Da war wohl keiner, der dem Autor, der angeblich t\u00e4glich eine Seite geschrieben haben soll und mit diesem Roman 12 Jahre lang besch\u00e4ftigt war, mal gesagt h\u00e4tte: halte ein, streich zusammen, beschr\u00e4nke Dich auf das Wesentliche. Zwar ist die Welt einer Lungenheilklinik wesentlich kleiner als die entgegengesetzte des Flachlandes, aber gro\u00df genug, dass einer  Vielzahl von Personen Erw\u00e4hnung getan werden kann, die nur bedingt etwas mit der Fabel zu tun haben. Worin diese nun eigentlich besteht, kann man in professionellen Rezensionen nachlesen, die allerdings nicht zu dem Schluss eines Geschw\u00e4tzigkeitsmeeres gelangen, sondern das Werk vielmehr als Weltliteratur einordnen und so jedem anheim stellen, es von Anfang bis Ende zu lesen.<\/p>\n<p>Der Held ist eigentlich einer, der sich nicht an den M\u00fc\u00dfiggang gew\u00f6hnen kann, immer ein bisschen eine besondere Stellung unter den Patienten einnimmt und im Verlaufe des Romans von einem untypischen Bildungshunger befallen wird, der sich aber dann wieder verliert, als auch dem Autor die Lust an dem Roman verlustig geht, was man nicht daran merken kann, dass er endigen w\u00fcrde, sondern sich so \u00e4u\u00dfert, dass er immer mehr Details aufw\u00fchlt und die Klinikwelt zum Schluss noch durch ein Grammophon und spiritistische Sitzungen anreichert, die bis zur totalen Ersch\u00f6pfung des Lesers beschrieben werden. Diese Zerstreuungen erhalten besonderen Wert vor dem Hintergrund eines au\u00dferordentlich langweiligen Kliniklebens, das zu einem Gutteil aus \u00fcppigem Essen und Liegekuren besteht.<\/p>\n<p>Perlen sind ja gew\u00f6hnlich klein, aber von hohem Wert. Vielleicht m\u00f6chtest Du, ohne Dich der ganzen Marter eines endlosen Romans zu unterziehen, das finis operis schneller erreichen als auf dem von mir gew\u00e4hltem Weg der Ehrfurcht und der gutwilligsten Erwartung.  Perlen besitzen ihren Glanz ja auch, ohne der Rauheit und Grenzenlosigkeit des Meeres gegen\u00fcber\u00adzustehen. Ob sie nur als wertvoll erscheinen m\u00f6gen, wenn man sich durch`s Ganze hindurch\u00adgek\u00e4mpft hat, kann ich nicht mehr beurteilen, denn diese Tatsache habe ich ja nun mit gro\u00dfem Zeitaufwand geschaffen.<\/p>\n<p>Wollte man zun\u00e4chst eingrenzen, worin der Zauber dieser fast hundert Jahre zur\u00fcckliegen\u00adden Vorg\u00e4nge bestehen k\u00f6nnte, da ist dies zweifellos die Konversation, die sich zwar so auch nicht wird zugetragen haben, aber es muss ja zumindest eine Zeit gewesen sein, wo solches noch erdacht werden konnte. Es gibt nun zwei intellektuelle Partner, einen Italiener namens Settembrini, der zun\u00e4chst noch Patient ist und sich dann privat unterbringt am Orte der bronchialen Gesundung und einen Jesuiten Naphta, der umfassender Seelenformung nicht mehr nachgehen kann, weil er ebenfalls erkrankt ist.<\/p>\n<p>Eine solche Perle befindet sich im sechsten Kapitel unter der Teil\u00fcberschrift: <em>Vom Gottesstaat und von \u00fcbler Erl\u00f6sung<\/em>, wo der Eilige getrost auch noch die ersten 18 Seiten \u00fcberschlagen kann und auch das Ende nicht zu lesen braucht, aber einsetzen sollte mit der Lekt\u00fcre bei einer interessanten p\u00e4dagogischen Bemerkung, die durch die Formel eingeleitet wird: \u201eIch suchte Logik in unser Gespr\u00e4ch einzuf\u00fchren, \u2026\u201c  Naphta hatte vorher das Mittelalter gestreift und eine Lanze f\u00fcr die Scholastik gebrochen, aber in dieser Passage entwickelt er die Einsicht in die tiefere Neigung der Jugend, die sich nach Drill sehne und Lust im Gehorsam entfalte, um dann die Verschmelzung von religi\u00f6ser und proletarischer Bewegung auszuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Da man nun solch Sozialistisches selbst erfahren hat, ohne dass, in der von uns erlebten Spielart, von der Instrumentalisierung der Religion h\u00e4tte die Rede sein k\u00f6nnen, man sich im Gegenteil dieser harsch entgegengesetzt hatte, sie als Opium und Privatsache abqualifiziert gerade noch hatte gelten lassen, kommt einem das vom Autor Entwickelte wie eine Vorweg\u00adnah\u00adme einer gl\u00fccklicheren Variante vor, wenn die Gemeinsamkeiten von Kommunismus und Religionsbegriff genutzt worden w\u00e4ren. Die Religion in ihrem Eigenleben ist doch derart anspruchslos, dass ihr nicht viel mehr als Wohlwollen entgegengebracht werden muss, das w\u00e4re doch zu machen gewesen.<\/p>\n<p>Wollte man nun die Perlen rein intellektueller Natur sein lassen, w\u00e4re die Suche bereits vollendet. Man kann zwar auch dem Demokraten und Freimaurer Settembrini einiges abgewinnen, aber dessen Gedankensch\u00e4rfe und Originalit\u00e4t wird durch den brillanteren, wenn auch f\u00fcr unsympathischer erkl\u00e4rten,  Naphta eben in den Schatten gestellt.<\/p>\n<p>Der Geniestreich des Intellektuellen Thomas Mann aber ist, dass er selbst die Intellektua\u00adlit\u00e4t, die er einmal in diesen beiden Figuren auf die ultimative Spitze getrieben hat, auch noch zu \u00fcberbieten wei\u00df, und das nat\u00fcrlich nicht mehr durch eine noch h\u00f6her stehende Intellektua\u00adlit\u00e4t, sondern durch eine<em> Pers\u00f6nlichkeit<\/em>, womit ihm der H\u00f6hepunkt des Buches durchaus gelingt und er dann nur noch zu tun hat, doch endlich den Schluss zu finden, was als weniger gegl\u00fccktes Unterfangen zu sehen wir uns anma\u00dfen.<\/p>\n<p>Diese zweite Perle ist also die Gestalt des Pieter Peeperkorn, der als Reisebegleiter der vom Helden geliebten Frau Chauchat gegen Ende des Buches auftritt. Hier sei der eilige Leser auf den Abschnitt <em>Vingt et un<\/em> des siebten Kapitels verwiesen, wo man auch wieder einige Seiten \u00fcberschlagen darf und vielleicht dort einsetzen sollte, wo die Pers\u00f6nlichkeit im Fortgang eines abendlichen Spiels sagt: \u201eKreischen Sie kreischen Sie, Madame. Es klingt schrill und lebensvoll und kommt aus tiefster \u2013 Trinken Sie, \u2026\u201c Das Trinkgelage bringt jedwede Intellektualit\u00e4t nat\u00fcrlich zum Erliegen, nicht aber die bis in tiefsten Rausch hinein wirksame Pers\u00f6nlichkeit. Die Stadien dieser Trunkenheit werden so bildhaft beschrieben, dass man diese Passagen auf der Stelle seiner Frau vorlesen m\u00f6chte oder einem anderen Anteil geben m\u00f6chte an dieser Wortkunst und diesem Witz.<\/p>\n<p>Verzeihlich erscheint auch, dass die gro\u00dfe Pers\u00f6nlichkeit sich noch messen kann mit den waschechten Intellektuellen, dabei ein wenig an Glanz einb\u00fc\u00dft, aber der grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegenheit des Habitus \u00fcber die Arbeit des Kopfes keinen Abbruch tut. Das k\u00f6nnte eine message sein, wenn sich nur Pers\u00f6nlichkeit so erwerben lie\u00dfe, wie es bei der Intellektualit\u00e4t partiell noch der Fall ist. Aber wir k\u00f6nnen es nicht \u00fcben, auf andere Menschen unbezwing\u00adbaren Einfluss zu haben, das ist einem einfach in die Wiege gelegt und ebenso wenig w\u00e4re eine Welt denkbar, die nur noch aus Pers\u00f6nlichkeiten besteht und keiner mehr ist, der das Publikum abgeben wollte.<\/p>\n<p>Also bescheiden wir uns mit unseren eigenen Gegebenheiten und beweisen unsere kleine \u00dcberlegenheit dadurch, dass wir zu einem Schluss finden, ohne auch nur allzuviel gesagt zu haben.  Ich m\u00f6chte Dich, mein Freund, nicht in ein nutzloses Unterfangen verwickeln, aber da Du Interesse signalisiertest, dieses wenige hier stehenlassen.<\/p>\n<p><em>C.R. <\/em><span style=\"color: #000080;\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><a href=\"..\/..\/\">www.gedichtladen.de<\/a><\/span><\/span><em> 14.10.2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Perlen im Meer der Geschw\u00e4tzigkeit Wieder einmal war eine Schuld abzutragen, die sich seit Jahren im B\u00fccherschrank befand, leichtsinnig gekauft und schweren Zeitaufwandes n\u00f6tig, wenn man dem Autor Thomas Mann die Referenz erweisen m\u00f6chte und den \u201eZauberberg\u201c von Anfang bis&#8230;<br \/><a class=\"read-more-button\" href=\"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/archive\/122\">Mehr Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-122","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=122"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4508,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122\/revisions\/4508"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=122"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=122"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedichtladen.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=122"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}